Ich kann Ihre Überraschung und Ihre Sorge gut verstehen, aber Sie sollten keinesfalls überreagieren. Eine natürliche Reaktion ist, einfach nachzufragen, worauf das Kind denn so wütend sei. Die Antwort ist weniger wichtig als die Tatsache, dass Sie nicht mit Gewalt auf Gewalt antworten, etwa mit einer Strafe, aber den Wutanfall auch ernst nehmen und ihn nicht einfach ignorieren. Offenbar war diese Aggressionsäusserung eine Ausnahmeerscheinung und hängt vielleicht sogar damit zusammen, dass der Kleine für sein Temperament meist ein bisschen zu brav ist.

Damit man vernünftig mit Aggressionen umgehen kann, sollte man wissen, was sie für Ursachen haben können. Die Psychologie sieht vor allem deren drei: Erstens ist anzunehmen, dass der Mensch im Verlauf der Evolution ein grosses Aggressionspotenzial beibehalten hat, das von den Raubtieren stammen könnte. Weil sein Verhalten aber nicht durch Programme eingeengt ist, beschränkt sich seine Aggression nicht auf Beutetiere. Wir wissen: Der Mensch «jagt» auch seinesgleichen – im Krieg nämlich. Es ist also sinnvoll, davon auszugehen, dass der Mensch das gefährlichste Lebewesen ist. Wenn man diese Veranlagung einmal akzeptiert hat, ist man ihr nicht mehr ausgeliefert. Bei einer hohen Aggressionsneigung empfiehlt es sich, die Impulse auf ungefährliche Art auszuleben, zum Beispiel mit einer Kampfsportart.

Eine zweite Ursache für Aggressionen sind Frustrationen, das heisst: Wenn man etwas tun möchte und darin gebremst wird, packt einen in der Regel eine grosse Wut. Vorbeugend wirkt hier das Ausschalten unnötiger Einschränkungen. Je mehr Freiraum und Selbstverantwortung ein Mensch hat, desto seltener ist er frustriert. Die Frustrationstoleranz lässt sich aber auch gezielt steigern, indem man sich darin übt, auf Wünsche zu verzichten und Enttäuschungen zu verarbeiten. Schliesslich kann man auch lernen, für Frustration, Ärger und Wut einen angemessenen Ausdruck zu finden, was als Ventil wirkt und Tätlichkeiten verhindert.

Mitgefühl ist eine sehr wirksame Gewaltbremse

Die dritte Ursache für aggressives Verhalten ist das Modelllernen. Es ist deshalb wichtig zu wissen, welche Fernseh- und Videofilme oder Konsolenspiele konsumiert werden. Die psychologische Forschung hat glücklicherweise auch entdeckt, dass Empathie (die Fähigkeit, sich in andere einzufühlen) erstens eine sehr wirksame Gewaltbremse darstellt und zweitens gefördert werden kann. Das sollte schon im Kindesalter anfangen, indem die Eltern Mitgefühl und Verständnis vorleben und diese Haltung bei den Kindern belohnen.