Nein, sicher nicht. Hausaufgaben sind dazu da, die Schüler zum selbstständigen Arbeiten und zur Übernahme eines Stücks Eigenverantwortung für ihr Lernen zu erziehen. Deshalb müssen auch Umfang und Schwierigkeit den Fähigkeiten der Schüler angepasst sein. Wenn es nur mit der Hilfe der Eltern geht, stimmt etwas nicht. In Ihrem Fall sehe ich zwei Interpretationsmöglichkeiten: Entweder ist das Verhalten Ihres Sohnes ein Trick, um Ihre Zuwendung zu bekommen, oder es fehlt ihm am nötigen Selbstbewusstsein, um seine Aufgaben allein anzupacken.

Sollte das Erste der Fall sein, empfehle ich Ihnen, regelmässige gemeinsame Spielzeiten einzuführen, in denen Sie oder Ihr Mann ganz für das Kind da sind. Wenn es ums schulische Selbstvertrauen geht, hilft Ermutigung. Der Zürcher Psychologe Jürg Frick hat ein Buch über dieses Erziehungs- und Förderkonzept geschrieben (siehe Buchtipp). Menschen werden nicht einfach von ihrer Umwelt geprägt, sondern ihr Verhalten hängt davon ab, wie sie diese interpretieren. Wer ein positives Welt- und Menschenbild hat, ist optimistisch und erlebt Schwierigkeiten als spannende Herausforderungen. Wenn ihm etwas gelingt, führt das der Optimist auf eigene Anstrengungen zurück, wenn es misslingt, eher auf äussere Umstände wie Pech oder zu schwierige Aufgaben. Im Sinn eines sich selbst verstärkenden Zirkels wachsen so Mut und Selbstvertrauen. Umgekehrt deutet der Pessimist Misserfolg als eigenes Versagen.

Daraus ergibt sich ein Teufelskreis der Entmutigung. Gut gemeinte Bemerkungen wie «Das kannst du mit links» helfen aber nicht. Wirksames Ermutigen ist nämlich eine Kunst: Verständnis für die Schwierigkeiten, Vertrauen und Geduld bilden die Basis. Statt Ratschläge zu geben, müssen Selbstbewusstsein und Vertrauen in die Leistungsfähigkeit gefördert werden.

In einem Bild anschaulich ausgedrückt: Es geht darum, der entmutigten Person für das anstehende Projekt einen Raum zu öffnen. Es wäre allerdings falsch, die Person hineinzustossen oder den Raum sogar für sie zu möblieren. Auch Ihr Sohn muss spüren, dass Sie überzeugt davon sind, dass er das allein schafft. Ermutigen ist zentraler Bestandteil einer guten Erziehung - und es gibt auch entmutigte Erwachsene, die dankbar dafür sind.

Buchtipp

Jürg Frick: «Die Kraft der Ermutigung»; Huber-Verlag, 2006, 374 Seiten, CHF 39.90

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