Dass Sie und Ihr Mann sich über Erziehungsfragen streiten, ist verständlich. Während zum Beispiel Lehrer im Studium ganz verschiedene pädagogische Richtungen und Konzepte kennen lernen, müssen Eltern ihre Aufgabe ohne spezifische Ausbildung wahrnehmen, was oft zu Irritationen führt. Zum einen wiederholen Eltern – unbewusst – ihre eigene Erziehung, anderseits werden sie vom Zeitgeist beeinflusst.

Die Geschichte zeigt, dass die Erziehungsmethoden immer vom Bild abhängen, das sich die Gesellschaft von Kindern oder der Kindheit macht. Im Mittelalter etwa wurden Kinder als kleine Erwachsene betrachtet: Man schützte sie vor Gefahren und ernährte sie, Erziehungslehren gab es damals noch nicht. Erst im 18. Jahrhundert wuchs langsam das Bewusstsein, dass die Kindheit eine wichtige Entwicklungsphase ist, der man besondere Aufmerksamkeit schenken sollte. Die Zeit der Pädagogik brach an.

Im 20. Jahrhundert überwog zunächst die Haltung, dass Erziehung vor allem darin zu bestehen habe, die Kinder zu züchtigen. In den siebziger Jahren dann war mit der antiautoritären Pädagogik genau das Gegenteil Trumpf. Heute nun spüren die meisten Eltern, dass Kinder Erziehung brauchen, aber sie wollen nicht autoritär sein.

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Übertriebene Fürsorge «kommt Misshandlung gleich»
Einer der häufigsten Fehler ist es, Kinder zu verwöhnen, indem man ihnen alle Probleme aus dem Weg räumt, sie mit materiellen Gütern überschüttet und sofort einspringt, wenn sie in Schwierigkeiten geraten. Das mag das Leben zwar einen kurzen Moment lang erleichtern, auf Dauer aber schadet es den Kleinen.

Kinder wollen Aufgaben selber lösen und Erfahrungen, auch negative, selber machen, um daraus zu lernen. Wird dieser Drang zur Selbstständigkeit durch Verwöhnen ertränkt, «so kommt das einer Misshandlung gleich», sagt der Zürcher Psychologe Jürg Frick (siehe Buchtipp).

Wer ein Kind wirklich liebt, ermutigt es zur eigenständigen Bewältigung von Problemen. Gute Erzieher achten etwa darauf, dass Kinder Konflikte mit anderen Kindern selber lösen – gewaltfrei natürlich. Auch beim Basteln, den Hausaufgaben oder beim Sport sollten Eltern nur Hilfe bieten, wenn sie darum gebeten werden. Erleben Kinder Enttäuschungen und Misserfolge, ist ihnen nicht geholfen, wenn die Eltern alles beschönigen oder wegreden. Selbstverständlich darf und soll man die Kinder trösten und dazu ermutigen, kreativ andere Wege zum Ziel zu suchen.

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Eine solche Erziehung führt mit hoher Wahrscheinlichkeit zu einem gesunden Selbstbewusstsein, zu Ausdauer, einer hohen Frustrationstoleranz und zur Fähigkeit, mit anderen zusammenzuarbeiten.

Buchtipp

Jürg Frick: «Die Droge Verwöhnung.» Verlag Hans Huber, 2001, Fr. 34.80