Machen Sie sich keine Sorgen: Die Jungs von Tokio Hotel lösen bei vielen Mädchen hysterische Reaktionen aus - ihre Tochter reagiert also normal. Man darf in der Pubertät auch mal verrückt sein und ausser Rand und Band geraten. Das Erwachsenenleben zähmt einen noch früh genug.

Das Phänomen trat vor 40 Jahren bei Beatles-Konzerten zum ersten Mal auf und sorgte damals für Schlagzeilen: weinende und kreischende Mädchen in den ersten Reihen des Publikums beim Auftritt ihrer Idole. Den Begriff Hysterie brauchte einst der Psychologe Sigmund Freud für besonders spektakuläre und farbige Symptome seiner Patientinnen. Hysterische Ohnmachten, Erbrechen, ja sogar Lähmungen und Blindheit bei erwachsenen Frauen führte Freud auf sexuelle Blockaden zurück - und diese waren in der damaligen puritanischen Gesellschaft weit verbreitet.

Unbegrenztes Abheben in die Welt der Fantasien
Wahrscheinlich steckt auch in der Exaltiertheit der weiblichen Fans von Tokio Hotel erotische Energie. Das hat aber nichts Krankhaftes an sich, sondern es ist für die Mädchen einfach noch zu früh, sich auf reale Freundschaften mit dem anderen Geschlecht einzulassen. Ist es dann mal so weit, kommen die Jugendlichen wieder auf den Boden der Realität zurück. Die hysterische Leidenschaft für die Teenie-Gruppe ist eben ein unbegrenztes Abheben in die Welt der Fantasien und der Projektionen. Natürlich wird dies durch die Atmosphäre an einem Konzert und durch die Nähe zu anderen Fans begünstigt. Es gibt eine Art Ansteckung - eine Massenhysterie.

Das Wort Hysterie kommt vom griechischen «hystera» und bedeutet Gebärmutter. Man glaubte früher, dass nur Frauen hysterisch reagieren können, doch das stimmt nicht. Allerdings geraten Jungs bei Konzerten von weiblichen Stars nicht derart aus dem Häuschen wie Mädchen bei ihren Helden. Das hat weniger mit vererbten Geschlechtsunterschieden als mit Normen in der Jugendkultur zu tun. Es gibt aber auch Untergruppen, in denen Mädchen ebenso cool sein müssen oder wollen wie Knaben.

Den Eltern empfehle ich eine Doppelstrategie: Es ist gut, die Leidenschaft der Mädchen ernst zu nehmen und sich dafür zu interessieren, was sie fasziniert und was sie erleben. Es ist aber ebenso wichtig, den Teenagern ihre Welt zu lassen - nicht in sie zu dringen, keinen Druck auszuüben und sich nicht über ihre Begeisterung lustig zu machen oder sie mit abwertenden Bemerkungen zu kränken.

Gefahren des Starrummels sehe ich darin, dass Jugendliche vor lauter Begeisterung vergessen können, dass sie selber auch wertvoll sind und dass man nicht prominent zu sein braucht, um ein gelungenes Leben zu führen. Und die Teens sollten sich auch nicht dazu verführen lassen, alle Produkte zu kaufen, die mit Hilfe von Stars äusserst clever vermarktet werden.