Ich würde mir das nicht selber überlegen, sondern direkt die Buben fragen, ob sie es gut fänden, wenn der Nikolaus auch dieses Jahr käme – und ich würde mich wundern, wenn sie Nein sagten. Der Zehnjährige glaubt zwar sicher nicht mehr daran, dass ein alter, weissbärtiger Mann im Wald wohnt, der das Jahr über beobachtet, ob die Kinder brav sind – um dann die ganz Missratenen am 6. Dezember in seinem Sack mitzunehmen.

Aber Kinder lieben und brauchen Rituale. Und der gute alte Samichlaus-Besuch gehört in diese Kategorie. Leider wird er vom amerikanischen Weihnachtsmann, der nur noch mit einem Schlitten voller Geschenke vorbeisaust, arg bedrängt. Dabei ist unser klassischer Samichlaus für kleine Kinder eine echte und nützliche Herausforderung: Beim Aufsagen eines Sprüchleins müssen sie den Mut beweisen, sich vor einen Fremden hinzustellen und etwas zu präsentieren. Nachher wird reflektiert, ob sich das Kind gut oder eher destruktiv verhalten hat – wobei es damit rechnen kann, dass ihm am Schluss verziehen wird und es den Sack mit Lebkuchen, Nüssen und Mandarinen erhält. Aus pädagogischer Sicht dient dieses Ritual der Gewissensbildung.

Was immer gleich abläuft, gibt Sicherheit
Es gehört zum Wesen aller Rituale, dass sie immer gleich ablaufen und manchmal Jahrhunderte überdauern. Ihr Ziel besteht darin, Sicherheit zu geben. Sie verbinden Menschen, die daran teilnehmen, ebenso wie Gegenwart und Vergangenheit. Beispiele gibt es viele: gesellschaftliche Rituale wie das Grüssen oder den Handschlag, intime Rituale, die Liebespaare gemeinsam erfinden, Rituale in der Schule wie beispielsweise das Aufstehen beim Eintreten der Lehrerin oder des Lehrers.

Kinder lieben es, wenn beim Schlafengehen eine Geschichte erzählt oder ein Lied gesungen wird. Mahlzeiten verlaufen ruhiger, wenn sich vorher alle an den Händen halten und sich guten Appetit wünschen. Pflichten wie Schulaufgaben oder Zähneputzen fallen leichter, wenn sie den immer gleichen rituellen Verlauf nehmen.

Schon bei archaischen Völkern spielten Rituale eine zentrale Rolle. In unserer hektischen Welt können sie als kleine Inseln der Ruhe und Besinnung dienen. Demnächst feiern wir wieder Weihnachten als Familienritual mit dem Thema Schenken und den Jahreswechsel mit den Themen Abschied und Neuanfang. Auch Hochzeit, Beerdigung, Taufe und Konfirmation sind Rituale, die wichtige Lebensübergänge markieren.

Rituale sind gesund für die Seele, schreibt der deutsche Arzt und Buchautor Rüdiger Dahlke. Wer sie vernachlässigt, entwickelt nicht selten zwanghafte Ersatzhandlungen wie zum Beispiel Putzsucht oder Waschzwang.

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