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Koni Rohner zu Sexualität«Sie kennt keine Scham»

Frage: «Ich sorge mich um meine Enkelin. Sie ist neun und scheint keine Scham zu kennen. Lauthals erzählt sie, jener hätte einen kurzen, dicken oder langen Penis. Ab und zu sitzt sie vor Fremden in aufreizender Stellung da. Bin ich denn zu prüde? Ich fürchte, dass sie einmal Opfer sexueller Übergriffe werden könnte.»

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Für prüde halte ich Sie nicht. Sie spüren mit Recht, dass das Verhalten Ihrer Enkelin unangemessen ist. Es ist zwar nicht seltsam oder unnatürlich, dass ein neunjähriges Mädchen sexuelle Empfindungen und Interesse am Thema hat. Auch Kinder haben bereits Sexualität. Die meisten von uns erinnern sich an Doktorspiele oder Episoden von «Füdlizeigetis». Allerdings ist die Sexualität im Kindesalter noch kein dominierendes Thema. Sie ist ein Spiel neben vielen anderen. Kindersexualität spielt sich im Normalfall zwischen Kindern gleichen Alters ab, und die Kinder tun es im Verborgenen.

Auf der Basis dieser Tatsachen sollten Sie auf Ihre Enkelin reagieren: Zeigen Sie Verständnis für das sexuelle Interesse, verteufeln Sie die dazugehörigen Gefühle nicht, aber weisen Sie deutlich darauf hin, dass Sexualität bei uns nicht in die Öffentlichkeit gehört.

Kinder mit Zugang zu Pornos

Es ist gut, dass Sie frühzeitig an das Thema sexuelle Übergriffe denken. Wohl nicht zuletzt weil Kinder und Jugendliche heute übers Internet bereits Zugang zu Pornofilmen haben, ist die entsprechende Gefahr grösser. Es ist wichtig, vorbeugend zu handeln. Erstens sollten Kinder sexuell aufgeklärt werden, und zweitens sollten sie lernen, Nein zu sagen. Ein gutes Selbstbewusstsein, ein Wissen darum, was einem guttut und was einem schadet, und die Fähigkeit, dies auch auszudrücken, ist überhaupt eine grundlegende Sozialkompetenz. Wenn es um körperliche Nähe oder eben um Sexualität geht, ist es jedoch besonders wichtig, die eigenen Grenzen klar zu deklarieren. Jeder Missbrauch, körperlich oder seelisch, ist deshalb so schädigend, weil die Körper- oder die Persönlichkeitsgrenze überschritten wird. Das zerstört das Selbstbewusstsein und macht so das Opfer anfällig für weitere Übergriffe.

Sexuelle Aufklärung oder besser Sexualerziehung ist eine wichtige Aufgabe des Elternhauses. Die erfahrene ehemalige Primarlehrerin Dorothea Meili hat zusammen mit dem Psychologen Willy Canziani einen einschlägigen Ratgeber für Eltern geschrieben. Er stellt das ins Zentrum, was die Sexualerziehung so schwierig macht: die richtigen Worte zu finden. An Informationen fehlt es ja nicht. Sexualität ist in der heutigen medienüberfluteten Welt allgegenwärtig. Aber wie wird darüber gesprochen? Mit Kindern über Sexualität zu reden ist durch diese ständige Präsenz nicht einfacher geworden.

Besser kein vorbereitetes Programm

Ein erster wichtiger Schritt besteht darin, dass sich Eltern über ihre eigene Sexualität und ihren Umgang damit klar werden. Die eigenen Ansichten lassen sich nämlich nicht ausklammern. Ein weiterer Grundsatz besteht darin, den Kindern immer auf jene Fragen Antwort zu geben, die sie gerade interessieren – also kein vorbereitetes Aufklärungsprogramm durchziehen, sondern das Alter der Kinder berücksichtigen.

Es ist zwar wichtig, dass sie die biologischen Fakten kennen: Geschlechtsunterschiede, Sex, Empfängnis, Geburt, Masturbation, Monatsblutung, Krankheiten und so weiter. Ebenso, dass sie über den Gebrauch von Schutz- und Verhütungsmitteln aufgeklärt werden. Aber Sexualerziehung ist mehr. Es gehe darum, darüber zu reden, heisst es im oben genannten Buch, «dass Sexualität auch eine der herrlichen Gaben ist, die dem Menschen in die Wiege gelegt wurden. Dieses Geschenk sorgsam zu verwalten, freudig anzuwenden und an die Kinder weiterzugeben, das ist der Sinn der Sexualerziehung.»

Buchtipp

Willy Canziani, Dorothea Meili-Lehner: «Was Sie Ihrem Kind schon lange über Liebe und Sex sagen wollten. Sexualerziehung in der Familie»; Verlag Atlantis, 1997, 144 Seiten, Fr. 23.90.

Veröffentlicht am 23. November 2009