Es hätte ein so schönes Nachtessen werden können: Frisches Gemüse aus dem eigenen Garten, ein zartes Bioplätzli und für die Eltern ein Glas feinsten Weins stehen auf dem Tisch. Doch schon beim Schöpfen geht das Geschrei los. Der Nachwuchs meutert, will nichts essen, nicht einmal eine Gabel voll probieren – Totalverweigerung. Was als genussvolles Nachtmahl geplant war, endet als Machtkampf mit einem Bauch voll Ärger.

Kinder essen anders als Erwachsene, und das aus gutem Grund: Sie müssen erst lernen, welche Speisen ihnen gut tun. Unsere Urahnen, die Sammler und Jäger, mussten giftige Beeren und Pilze sicher von den geniessbaren unterscheiden können. Diese Urangst vor Ungeniessbarem ist heute noch in den Kindern tief verwurzelt. Deshalb erfreuen sich wiedererkennbare Speisen mit eindeutigen Formen grosser Beliebtheit: Spaghetti oder Pommes frites sind stets top, der undefinierbare Brei oder komisches Grünzeug ein Flop.

Doch gerade diese Vorlieben geben in vielen Familien regelmässig Anlass zu Reibereien. Das muss aber nicht sein: Wer über das Essverhalten des Nachwuchses Bescheid weiss, kann sich leichter darauf einstellen. Ausserdem können auch die Erwachsenen einiges dazu beitragen, dass ihre Kinder Lust auf gesundes Essen haben.

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Das sind die Antworten auf die wichtigsten Fragen, die sich viele Eltern regelmässig stellen:

Wann beginnen Kinder etwaszu schmecken?
Bereits die Ernährung der werdenden Mutter beeinflusst den Geschmack des Fruchtwassers. Isst eine Mutter während der Schwangerschaft sehr vielseitig, gewöhnt sie das Ungeborene an unterschiedlichste Aromen. Auch die Muttermilch schmeckt mit jeder Mahlzeit wieder etwas anders, denn Aromastoffe – zum Beispiel aus Käse oder Knoblauch – gehen in die Muttermilch über. Kinder, die lange gestillt werden, sind deshalb meist aufgeschlossener gegenüber neuen Geschmacksrichtungen. Gekaufte Säuglingsmilch dagegen bietet diese Abwechslung nicht, die frühkulinarische Entwicklung fällt dürftiger aus.

Haben Kinder ein anderes Geschmacksempfinden als Erwachsene?
Kinder sind viel empfindlicher bezüglich Gewürzen und Aromastoffen, da sie weit mehr Geschmacksknospen auf der Zunge haben als Erwachsene. Die Zahl reduziert sich im Lauf der Jahre allerdings. Bei Kindern isst auch das Auge viel stärker mit: Die braune Linsensuppe oder der blasse Haferbrei fallen oft schon rein optisch durch. Deshalb sollte das Essen schön farbig sein, einladend riechen und selbstverständlich gut schmecken. Chips überzeugen Kinder durch ihr Crackgeräusch, und Hamburger sind angenehm anzufassen.

Gibt es Lebensmittel, die die meisten Kinder mögen?
Jedes Kind liebt Süsses. Diese Vorliebe ist angeboren und sinnvoll, da auch die Muttermilch sehr süss ist. Bittere und saure sowie scharfe Lebensmittel lehnen kleine Kinder hingegen ab. Sie gewöhnen sich erst mit der Zeit daran. Wenn ein Kind Salat nicht mag, kann es helfen, wenn man die Sauce mit weniger Essig anrührt oder Joghurt darin verwendet.

Beeinflussen Vater und Mutter das Essverhalten der Kinder?
Auch bezüglich Essen gilt das bekannte Sprichwort: «Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.» Wenn die Eltern gern neue Gerichte ausprobieren und «Allesesser» sind, entwickelt sich meistens auch das Kind zu einem guten Esser. Betitelt der Vater den Salat aber als «Grünzeug für Hasen», werden ihn auch die Kinder ablehnen. Die frühe Prägung durch das elterliche Vorbild ist viel grösser als der spätere Einfluss durch Freunde oder Klassenkameraden.

Können Vater und Mutter dem Kind den Appetit verderben?
Ja. Regelmässige Probleme am Esstisch sind ein Hinweis dafür, dass eine grundlegende Missstimmung zwischen Eltern und Kindern besteht. Ein ständig nörgelndes Kind bekommt automatisch mehr Aufmerksamkeit von seinen Eltern als ein brav essendes. Gut möglich, dass das Kind auf diese Weise Zuwendung sucht. Auch Probleme in der Schule oder Streitereien mit den Geschwistern können den kindlichen Appetit beeinträchtigen.

Muss ein Kind alles essen, was auf den Tisch kommt?
Jeder Mensch kennt Speisen, die er weniger mag; dies sollte auch bei Kindern respektiert werden. Eine hilfreiche Methode, damit umzugehen, ist das Abwählen: Jedes Familienmitglied darf drei (oder auch mehr) Lebensmittel benennen, die es nicht mag – zum Beispiel Leber, Champignons oder Spinat. Alles andere wird zumindest probiert. So lassen sich Machtkämpfe vermeiden, ohne dass die Kinder ihre Eltern als autoritär empfinden. Schwieriger wird es allerdings, wenn der Sohn oder die Tochter eine ganze Kategorie von Lebensmitteln abwählt, zum Beispiel alle Gemüsesorten. Dann empfiehlt sich ein eingehendes Gespräch mit dem Kind oder der Rat einer Ernährungsberaterin.

Sollte man Kinder zum Aufessen drängen?
Nein, das schafft bloss unnötige Machtkämpfe. Ganz wichtig ist aber, dass die Eltern bestimmen, was auf den Tisch kommt. Das Kind hingegen bestimmt, wie viel es davon essen möchte. Es probiert – mit Ausnahme der abgewählten Lebensmittel – alles, muss aber nur so viel davon nehmen, wie es will. Deshalb sollen Kinder selber schöpfen dürfen. Doch Vorsicht: Die meisten Kleinkinder kennen das richtige Mass noch nicht.

Kann man Kinder zu guten Essern erziehen?
Gutes Essverhalten lässt sich weit stärker vorleben als anerziehen. Deshalb gilt die Grundregel: Niemand am Tisch soll über das Essen stänkern dürfen, denn das überträgt sich auf die anderen – und am Schluss isst niemand mehr. Es hilft, wenn man Speisen zubereitet, die alle fünf Sinne ansprechen: Die Tomate mit Mayonnaisetupfen kommt als Fliegenpilz daher; auch «Bananenkrokodil» oder «Apfelkrone» gefallen und schmecken. Kinder, die das Menü mitbestimmen können und beim Kochen helfen dürfen, sind in der Regel bessere Esser.

Welche Kinder entwickeln sich zu schlechten Essern?
Auffallend häufig sind es gerade die übergewichtigen Kinder: Sie dürfen das essen, was ihnen am besten schmeckt. Statt zu Salat, Früchten und Gemüse greifen sie lieber zu Süssigkeiten, Chips und Hamburgern. Wählerischer sind auch Kinder, die selten mit anderen Kindern und Erwachsenen zusammen essen. Umgekehrt stimuliert das Essen in Kinderkrippen, der Tagesschule oder am Mittagstisch die Lust auf Abwechslung: Hier hat man schlicht weniger Zeit, auf die Vorlieben und Abneigungen einzelner Kinder einzugehen – gegessen wird, was auf den Tisch kommt, Alternativen gibt es nicht.

Wann müssen sich die Eltern um das Kind Sorgen machen?
Wenn ein Kind plötzlich abnimmt und andere Krankheitszeichen hinzukommen, sollte der Haus- oder der Kinderarzt beigezogen werden. Das Gleiche gilt, wenn es mit Durchfall, Erbrechen oder Ausschlägen auf den Genuss bestimmter Lebensmittel reagiert. Zu bedenken ist auch, dass Magersucht heute schon viel früher vorkommt als noch vor zwanzig Jahren. Solange das Kind aber gesund wirkt, darf es auch mal nichts essen.

Mitarbeit: Marianne Botta Diener