Als ich kürzlich in der Migros Schwedenbrötchen in den Einkaufswagen legen wollte, stand dieser nicht mehr neben mir, sondern wie von Geisterhand verschoben wieder vorne bei den Früchten, wo ich eben Orangen gekauft hatte. Kann passieren, dachte ich mir. Doch kaum hatte ich den Wagen wieder gefunden, hatten sich meine Schwedenbrötchen in ein Toastbrot verwandelt. Als ein paar Gestelle weiter aus meinen Freilandeiern ein tiefgekühlter Truthahn geworden und kein Kurt Felix mit seiner Kamera in Sicht war, begann ich ernsthaft an mir zu zweifeln - zumindest so lange, bis ich ein paar Kinder hinter dem Senftuben-Regal kichern und gigelen hörte: Ha, reingelegt!

Zugegeben, ich war ein bisschen verärgert - aber nur so lange, bis ich mich erinnerte, welche Gaudi ich als Kind mit meinen Gspäändli hatte, wenn wir das Fräulein vom Hundertelfi anriefen und fragten, wann das nächste Schiff über den Gotthard fahre. Oder einen Zweifränkler auf die Strasse klebten und hinter einem Gebüsch verharrten, bis sich ein Dummer bückte.

Hier schlummert die Phantasie

Die meisten Streiche werden aus purer Langeweile ausgeheckt, doch Langeweile kann auch schöpferische Kräfte freisetzen. Man muss den Kids also nicht beim kleinsten Anflug von langer Weile gleich Spiel und Spass offerieren. Ebenso falsch wäre jedoch, gelangweilte Kinder einfach sich selbst zu überlassen - in der Hoffnung, die Phantasie erwache irgendwann.

Man muss ihnen etwas Besseres bieten: Zugang zu ihrer inneren Welt, wo sie sich mit sich selbst vertraut machen können. Ansonsten orientieren sie sich nur an der Aussenwelt, in der sie passiv konsumieren und nie gesättigt werden. Je grösser der Hunger nach Konsum, desto grösser die innere Leere. Mit Fragen wie «Was würdest du tun, wenn du zaubern könntest?», «Was befürchtest du?» oder «Was müsste anders sein, damit...?» werden stattdessen direkt die Gefühle angesprochen. Und gleich hinter den Gefühlen schlummern Phantasie, Kreativität und Abenteuerlust und warten nur darauf, geweckt zu werden.

Langeweile ist erst einmal ein unangenehmes Gefühl, das es auszuhalten gilt, doch sie bietet auch Chancen: Gelegenheit, im umtriebigen Tagesablauf innezuhalten etwa, ohne Eile zu verweilen und sich die Frage zu stellen, was man mit seiner Zeit anfangen will und kann. Sie kann bei Kindern genauso wie bei Erwachsenen der Auslöser sein, über das eigene Leben nachzudenken. Manchmal ist sie auch ein Ausdruck dafür, dass man sich nichts Gutes gönnt oder zu viel um die Ohren hat und verlernt hat, sich mit sich selbst zu beschäftigen.

Wie auch immer: Am Anfang ist immer die Langeweile. Das glaubte zumindest der Philosoph Søren Kierkegaard, der überzeugt war, dass die Götter die Menschen bloss aus Langeweile schufen. Und als sich Adam langweilte, wurde ihm Eva zur Seite gegeben. Und als deren Nachkommen den Turm zu Babel bauten, war die Langeweile auf der Welt bereits so gross wie der Turm hoch... Ein anschauliches Beispiel dafür, dass aus Langeweile also durchaus Hervorragendes entstehen kann.

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