Je älter Jungs werden, umso weniger und umso weniger gerne lesen sie. Bei der letzten Pisa-Studie im Jahr 2009 ­gaben beispielsweise nur noch 39 Prozent der männlichen Jugendlichen im Kanton Zürich an, dass ihnen Lesen Spass mache. Bei den Mädchen im gleichen Alter waren es 66 Prozent. Da überrascht es wenig, dass die Jungen bei der Leseleistung im Pisa-Test hinter den Mädchen abfielen.

«Es fehlen die sozialen Vorbilder», sagt Francesca Micelli, die sich am Schweizer Institut für Kinder- und Jugendmedien mit der Leseförderung von Buben beschäftigt. «Ein cooler Typ mit einem Buch in der Hand gehört nicht zu den Bildern, die die Jungs im Kopf haben», sagt sie. Und gerade in diesem Alter sei es Knaben enorm wichtig, was ihre Kollegen finden – und vor allem, was ihre Kollegen cool finden. «Lesen gilt heute unter männlichen Jugendlichen als weibisch», schreibt die deutsche Journalistin Katrin Müller-Walde in ihrem Buch «Warum Jungen nicht mehr lesen und wie wir das ändern können».

Jede Art von Lektüre ist wertvoll

Die entscheidende Frage dabei ist, was man unter Lesen versteht. Nur wer sich durch einen dicken Schmöker, einen Roman, ein anspruchsvolles Buch ackere, werde als lesender Mensch wahrgenommen. Auch Lehrpersonen hängen häufig noch diesem klassisch geprägten Lesebegriff an. Aus diesem Grund würden Buben, je älter sie sind, in der Schule zunehmend das Interesse am Lesen verlieren und ihre Leistungen in der Folge abfallen.

«Es stimmt jedoch nicht, dass Jungen nicht lesen», sagt Micelli. «Sie lesen, und wir merken es nicht mal.» Denn das, was sie lesen, werde häufig nicht als sogenannt wertvolle Lektüre anerkannt. Knaben lieben Comics, Fantasy- und Abenteuergeschichten, Sachbücher, Zeitungen und Magazine. Und das, so Micelli, sei der wichtigste Tipp für Eltern: Man solle sie lesen lassen, was sie interessiert. Egal, ob es der Sportteil oder ein Superman-Comic ist: Auch das ist Lesen. «Wir brauchen einen neuen Lesebegriff», sagt die Pädagogin. ­Einen Lesebegriff, der – gerade auch in der Schule – nicht nur die Vorlieben der Mädchen berücksichtige. Dann würden auch die Leistungen der Jungs wieder steigen.

Am wichtigsten sei es, die Buben bei ihren Interessen abzuholen. Jeder interessiert sich für irgendetwas, sagt Müller-Walde. Egal, ob es Schlachten sind oder Programmiersprachen. «Die wichtigste Botschaft für Eltern ist: Lesen macht Spass, wenn man liest, was einen interessiert.» Sie empfiehlt, gezielt Bücher zu suchen, die den Interessen des Jungen entsprechen. Und man solle sich nicht scheuen, auch einem älteren Jungen einmal ein Stück vorzu­lesen, bis er selbst so weit eingetaucht ist, dass er unbedingt weiterlesen möchte.

Die Verlage haben ältere Jungen als Zielgruppe bereits entdeckt. Längst gibt es viele Titel und Reihen, die dem Interesse von Buben entsprechen. Die Comic-Roman-Reihe «Gregs Tagebuch» etwa hat sich allein im deutschsprachigen Raum fünf Millionen Mal verkauft.

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