Die alten Griechen empfahlen, ungehorsame Kinder mit Drohungen gefügig zu machen und mit Schlägen zurechtzubiegen. Diese Erziehungsmassnahme basierte auf einer von ihnen begründeten Wissenschaft: der Pädagogik.

Heute verstehen wir unter «Pädagogik» etwas anderes und würden die empfohlene Massnahme deutsch und deutlich Kindsmisshandlung nennen. Die Ansichten, was für Kinder gut oder schlecht sein soll und worauf in der Erziehung der Fokus zu legen sei, können nie losgelöst vom historischen, kulturellen und gesellschaftlichen Kontext betrachtet werden.

So befremdet das bis in neuere Zeit häufig gehörte Sprichwort «Wer seine Rute schont, der hasst seinen Sohn; wer ihn aber liebhat, der züchtigt ihn beizeiten» heute ebenso wie der Umgang unserer Urgrossmütter mit unseren neugeborenen Grossvätern: Weil sie selber Haus und Acker bewirtschaften mussten, legten sie die Säuglinge unter einen Apfelbaum, wo sich diese die Seele aus dem Leib schrien. Solch stundenlanges Babygeschrei würde heute wohl die Vormundschaftsbehörde auf den Plan rufen. Doch unsere Urgrossmütter waren keine Rabenmütter. Im Gegenteil: Sie freuten sich, weil ihre kleinen Schreihälse dank früh geübter Atemtechnik starke Lungen bekamen.

Das Gesetz zieht nach
Während zu Zeiten unserer Urgrossmütter Disziplin, Pflichterfüllung, Gehorsam und Bescheidenheit oberste Maxime waren, werden heute Autonomie, Demokratie, Selbstentfaltung und Emanzipation von Autoritäten angestrebt. Solche veränderten gesellschaftlichen Wertvorstellungen schlagen sich auch in den Gesetzen nieder: So wurde der Satz «Die Eltern sind befugt, die zur Erziehung der Kinder nötigen Züchtigungsmittel anzuwenden» bereits 1978 aus dem Schweizerischen Zivilgesetzbuch gestrichen. Heute stehen dort Bestimmungen, die der gesellschaftlichen Entwicklung besser Rechnung tragen: «Die Eltern leiten im Blick auf das Wohl des Kindes seine Pflege und Erziehung und treffen unter Vorbehalt seiner eigenen Handlungsfähigkeit die nötigen Entscheidungen.» Sie müssen dem Kind «die seiner Reife entsprechende Freiheit der Lebensgestaltung» gewähren und haben auf seine Meinung Rücksicht zu nehmen.

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Darüber hinaus hat man stets dafür zu sorgen, dass das Kindswohl gewahrt bleibt. Ist das nicht ein bisschen viel? Nein. Man kann in der Erziehung nicht viel falsch machen, solange man - wie es die Uno-Kinderrechtsdeklaration vorsieht - dafür sorgt, dass sich ein Kind «gesund und natürlich, in Freiheit und Würde körperlich, geistig, moralisch, seelisch und sozial entwickeln kann». Leider sagen weder Uno noch das ZGB, welche Erziehungsmethode die «richtige» ist.

Das ist aber auch nicht nötig: Wer im Jahr 2008 in Mitteleuropa lebt, weiss, was Freiheit und Würde beinhalten, und kann danach handeln. Ob man dann einen autoritären, einen demokratischen oder einen «Laisser-faire»-Erziehungsstil oder ein Gemisch aus allem wählt, ist letztlich eine Frage der persönlichen Einstellung.