Dass Sie sich Sorgen machen, ist verständlich. Am besten drücken Sie diese ohne Druck und Vorwürfe auch Ihrem Sohn gegenüber aus. Aber ohne dabei den Vater zu erwähnen. Das könnte zum Beispiel etwa so klingen: «Ich mache mir Sorgen, dass du gesundheitsschädigende Dinge tust, wie Rauchen, Trinken oder andere Drogen konsumieren, wenn du im Ausgang bist. Ich wüsste auch gern, wo und mit wem du deine Freizeit verbringst.» Sie sollten ihn bitten, seine Bekannten mal mitzubringen, damit Sie diese kennenlernen können. Das wird für beide Seiten eine gewisse Verbindlichkeit herstellen und Sie beruhigen. Sie sollten allerdings die vermutete Ähnlichkeit mit dem Vater nicht ins Spiel bringen, denn Ihr Sohn möchte als eigenständige Persönlichkeit wahrgenommen werden.

Ihre momentane Angst hat eine kontraproduktive Komponente. Sie könnte zur sich selbst erfüllenden Prophezeiung werden. Der amerikanische Psychologe Robert Rosenthal hat 1965 entdeckt und wissenschaftlich auch nachgewiesen, dass positive oder negative Erwartungen, die man unausgesprochen gegenüber einer Person hat, von dieser bis zu einem gewissen Grade auch erfüllt werden. Je nach Vorurteil ihrer Lehrer hat sich damals sogar der Intelligenzquotient der Schüler verändert.

Bestimmte Befürchtungen könnten also auch wahr werden, nur weil Sie diese hegen. Es ist deshalb sehr viel fruchtbarer, wenn Sie Ihrem Sohn mit Vertrauen begegnen und positive Erwartungen bezüglich seiner Entwicklung haben.

Ihre Frage, ob eine gesunde Entwicklung Ihres Sohnes gefährdet ist, weil er das Wesen des Vaters geerbt haben könnte, lässt sich nicht so einfach beantworten.

Drei Faktoren bestimmen nämlich das Verhalten eines Menschen: endogene, exogene und autogene. Gewisse Grundlagen des Verhaltens sind in der Tat vererbt (endogen = von innen kommend), andere Verhaltenszüge entstehen unter dem Einfluss der Umwelt (exogen = von aussen kommend) und schliesslich ist jeder Mensch ein einzigartiges Wesen, das autonom handeln kann (autogen = aus sich selbst kommend).

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Natürlich beschäftigt sich die psychologische Forschung seit Jahren mit der Frage nach dem Verhältnis von Vererbung und Umwelt. Die Mehrzahl der Forscher ist der Meinung, dass man die Frage, welche Rolle der eine oder andere Faktor spielt, nicht beantworten kann. Unbestritten ist die enge Verschränkung der Einflüsse.

Vertrauen Sie Ihrer Erziehungsarbeit

Auf Ihr Problem angewandt, heisst dies Folgendes: Wir wissen nicht, ob das offenbar eher asoziale Verhalten Ihres Ex-Mannes auf eine genetisch festgeschriebene Charakterstruktur zurückging oder lediglich auf äussere Einflüsse in seiner Umwelt oder gar auf eigene Entscheidungen. Selbst wenn da doch etwas genetisch und auf Ihren Sohn vererbt worden wäre, ist dies keinesfalls ein fertiges Verhalten, sondern höchstens eine sogenannte Prädisposition, die Möglichkeit einer Entwicklung. Ob diese eintritt, hängt dann wieder von der Umwelt und dem eigenen Willen Ihres Sohnes ab. Ein wichtiger Umweltfaktor sind und waren Sie. Vertrauen Sie also Ihrer Erziehung. Natürlich gehört auch die Gleichaltrigengruppe dazu – und deshalb ist es für Sie wichtig, diese Leute kennenzulernen. Ausserdem haben aber auch Sie Ihrem Sohn gewisse Charaktereigenschaften vererbt.

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Um schliesslich die eigenständige Entwicklung Ihres Sohnes zu stärken, sollten Sie auf seine Eigenheiten achten und das betonen und begrüssen, was an ihm weder vom Vater noch von der Mutter stammt, sondern ganz allein aus ihm selbst kommt.

Es ist fruchtbar, wenn er spürt, dass er die Verantwortung für sein Leben hat, unabhängig davon, wie sein Vater lebt oder gelebt hat. Und er braucht dazu Ihr Vertrauen und Ihre Liebe.