Zur guten Erziehung gehören sowohl Verständnis als auch klare Regeln und Konsequenz bei ihrer Durchsetzung. Das Problem mit dem Zubettgehen ist weit verbreitet. Wer die Kinder verstehen will, muss sich bewusst sein, dass es für alle Leute zum Einschlafen nötig ist, sich zu entspannen und innerlich loslassen zu können. Das gelingt nicht, wenn Ängste vorhanden sind. Das ist bei Kindern häufig der Fall. Vielleicht haben sie Angst vor dem Räuber, Gespenstern, einem Tier im Schrank oder ganz einfach vor dem Alleinsein und der Dunkelheit. Trotzdem gehören die Kinder rechtzeitig ins Bett damit sie genug Schlaf kriegen und damit die Eltern abends noch etwas Zeit füreinander und für sich selbst haben.

Bewährt zur Durchsetzung dieser Regel haben sich Zubettgeh-Rituale. Der gleiche Ablauf jeden Abend spielt sich ein und spart Kräfte. Also immer um die gleiche Zeit: Zähne putzen, unter die Decke und ein Verslein oder ein Lied mit Vater oder Mutter, ein Kuss, eine Umarmung und Lichterlöschen oder Nachtlicht an.

Ängste verringern, Übergänge erleichtern

Kinder lieben Rituale und erfinden sie übrigens auch spielerisch selber. Aber auch im Erwachsenenleben erfüllen sie eine wichtige Funktion. Sie haben sowohl eine psychologische als auch eine soziale Bedeutung. An der Universität Heidelberg gibt es einen interdisziplinären Sonderforschungsbereich zu diesem wichtigen Thema. Rituale können mindestens viererlei leisten:

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  • Sie binden Angst.
  • Sie stärken den sozialen Zusammenhang.
  • Sie erleichtern Übergänge.
  • Sie entlasten den Willen.


Alle vier Komponenten lassen sich beim Zubettgehen finden. Das Ritual verringert eine allfällige Angst des Kindes, und es erleichtert den Übergang vom Wachen zum Schlafen. Wenn der Prozess einmal eingespielt ist, brauchen weder das Kind noch die Eltern grosse Willensanstrengungen, und die gemeinsamen Momente werden die Beziehung zwischen Eltern und Kind intensivieren und damit andere Erziehungsaufgaben erleichtern.

Aber zurück zu den Erwachsenen: Die grossen Rituale wie Hochzeit, Taufe, Abdankung und Beerdigung erleichtern Übergänge und markieren sie auch deutlich. Aber es gibt im Erwachsenenleben auch die kleinen Rituale. So entwickeln Liebespaare schnell gemeinsame Gewohnheiten, die die Bindung verstärken: der Kuss vor dem Weggehen, ein bestimmter Gruss, vielleicht eine Geste, die eine sexuelle Begegnung einleitet. Auch hier entsteht dadurch ein Gefühl der Sicherheit, der Kontinuität, der Stabilität.

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Ganze Familien entwickeln ebenfalls Rituale, die das Zusammenleben erleichtern und allen ein Gefühl von Heimat und Geborgenheit geben: Man wünscht sich vor dem Essen einen guten Appetit oder fasst sich gar an den Händen, am Sonntagmorgen gibts den Familienbrunch, Gipfeli vom Beck oder den Sonntagszopf.

Mit einem Ritual zum Olympiasieg

Nicht minder wichtig sind Rituale für Alleinlebende. Sie halten die Angst vor der Einsamkeit in Schach und geben dem Leben eine klare Struktur. Abends immer die Nachrichten, am Morgen die Zeitung, am Samstag ins Einkaufszentrum und einen Lottozettel ausfüllen. Es geht nicht um die Inhalte der Rituale, das Ritual selbst ist der Wirkfaktor.

Schliesslich noch zur vierten Funktion, der Willensentlastung: Wer einen guten Vorsatz gefasst hat und diesen auch nachhaltig befolgen will, tut gut daran, ihn mit einem Ritual zu verbinden etwa beim Fitnesstraining immer zur selben Zeit am selben Ort das Gleiche ausführen. Nach mehreren Wiederholungen packt man es wie von selbst an, und wenn man es mal unterlässt, fehlt einem etwas.

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Ein schönes Beispiel zur Angstbindung hat uns Bernhard Russi gegeben. Um 1972 in Sapporo die Nerven zu behalten, las er jeden Abend drei Seiten in einem Buch, das er so eingeteilt hatte, dass am Abend vor dem Wettkampf noch drei Seiten übrig waren. Das Ritual half: Er wurde Olympiasieger.