Während italienische Bambini früher unter den Kohlköpfen hervorschlüpften («I bambini nascono sotto i cavoli»), wurden Babys von englischen Müttern neun Monate lang im Ofen gebacken («to have a bun in the oven»), bevor sie zur Welt kamen. Die Spanierinnen dagegen gingen neun Monate lang mit einer grossen Trommel spazieren («tener un bombo»), bevor sie diese gegen eine kleine Chica oder einen Chico eintauschten. Hierzulande wurden unsere Grossmütter vom Storch ins Bein gebissen und mussten in der Folge so lange das Bett hüten, bis Meister Adebar den Wunsch der Kinder erhörte: «Klapperstorch, Langbein! Bring meiner Mutter ein Kind heim!»

Spätestens in den späten sechziger Jahren, als es kaum noch Störche gab und die Antibabypille auf den Markt kam, kamen die Kinder endlich auf natürlichem Weg zur Welt. So natürlich, wie die Blumen die Bienen bestäuben. Oder umgekehrt. Ich habe schon damals nicht begriffen, was Bienchen und Blümchen mit Kinderkriegen zu tun haben. Ausserdem interessierte ich mich mehr für Sexheftli. Wenn im Dorf Altpapiersammlung war, machte ich mich mit meinen Schulfreunden auf, die Zeitungsbündel am Strassenrand danach zu durchsuchen.

Mehr, als die Eltern wissen

Altpapiersammlungen locken heute keine Kinder mehr aus dem Haus. Warum auch? Bereits zehnjährige Kids haben ein Handy, auf dem sie mit ihren Klassenkameraden Hardcorepornos austauschen. Mit ein paar Mausklicks können sie im Internet zudem detailliert und in Grossaufnahme sehen, worin sich analer von vaginalem Geschlechtsverkehr unterscheidet, und erfahren, was Blowjobs oder Swingerpartys sind - Dinge, die vielleicht nicht mal die Eltern wissen. Und weil das alles so leicht zugänglich ist, halten sie Gruppensex oder Cybersex für normal.

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Es geht nicht nur um Genitalien

Pornographie regt bei vielen die Phantasie an und eignet sich zur Selbstbefriedigung. Dummerweise führt sie fast immer zu Missverständnissen - bei Erwachsenen übrigens genauso wie bei Jugendlichen: Während Pornographie nur von allzeit bereiten Genitalien handelt, ist menschliche Sexualität etwas anderes als nackte Geilheit. Sie ist auch mehr als Sex in der Tierwelt, der hauptsächlich auf blossem Instinkt beruht. Die menschliche Sexualität dient der Fortpflanzung, verschafft Lust, definiert zwischenmenschliche Beziehungen und ist ein wesentlicher Bestandteil der Identität. Sie ist ein Ausdruck von Lust, die durch Phantasie, Erfahrungen, Erinnerungen und Körper- und Hautkontakt entsteht und ausgelebt werden will.

Deshalb muss Aufklärung alles umfassen, was mit der Entfaltung der Persönlichkeit zu tun hat, denn Sexualität ist ein Bestandteil der Persönlichkeit. Aufklärung darf sich nicht auf die Funktion der Geschlechtsorgane beschränken, sondern soll das Gefühlsleben, die Beziehung zu anderen und das Verantwortungsbewusstsein thematisieren. Der Schlüssel zu einer ganzheitlichen Sexualerziehung ist aber nicht sexuelle Freizügigkeit, sondern Offenheit in sexuellen Fragen und die Bereitschaft, eine harmonische Familienatmosphäre zu gestalten, in der Vertrauen, Achtung, Rücksicht und Verständnis mehr als Schlagworte sind. Dann ist es möglich, dass Kinder mit den Eltern darüber sprechen, welche Begriffe sie aufgeschnappt und welche Bilder und Filme sie gesehen haben. Ansonsten bleibt die ganze Aufklärung dem Internet überlassen - oder man könnte den Kindern wieder erzählen, dass der Storch die Kinder bringt.