Es scheint, als sei vor zwei Jahren ein Damm gebrochen. Die ersten Geschichten von sexuellem Missbrauch an der hessischen Odenwaldschule wurden damals bekannt, und seitdem hören die Geschichten nicht mehr auf. Unzählige Missbrauchsskandale an Schulen, in Internaten und Heimen, oft jahrzehntelang vertuscht, kommen plötzlich ans Licht. Die Medien berichten ununterbrochen. Erschreckend und beunruhigend, gerade auch für Eltern, ist das Ausmass, die schier unermessliche Anzahl Kinder, die Opfer von sexuellen Übergriffen wurden. Catherine Paterson, Schulpsychologin der Stadt Zürich, sagt: «Wir haben viele Anfragen von Eltern und Hortmitarbeiterinnen, die verunsichert sind und wissen wollen, wie sie die Kinder am besten vor Missbrauch schützen können.» Paterson ist froh, dass endlich breiter über sexuellen Missbrauch und Prävention gesprochen wird. «Es ist zu Hause und in den Schulen immer noch ein Tabuthema, als wollte man nicht wahrhaben, dass Übergriffe zur Realität gehören.»

Die Verunsicherung ist inzwischen so gross, dass immer mehr Eltern ihren Nachwuchs mit einem GPS-Peilsender ausrüsten, um jederzeit den Aufenthaltsort abrufen zu können. «Mit Sicherheit die falsche Strategie», sagt Paterson. Aus zwei Gründen: Erstens ist der Täter nur in den seltensten Fällen ein Fremder, der dem Kind auflauert und es entführt. Zweitens werden jüngere Kinder meist von Fami­lienmitgliedern wie Bruder, Vater, Mutter oder Onkel missbraucht, Jugendliche von Gleichaltrigen.

Täter kommen oft aus dem engen Umfeld

Zu diesem Resultat kommt die im März publizierte Optimus-Studie Schweiz. Wissenschaftler der Universität Zürich haben für diese Studie 6700 Jugendliche im Alter von 15 bis 17 Jahren sowie über 320 Kinderschutzorganisationen befragt. Fast 30 Prozent der Jugendlichen gaben an, bereits sexuelle Aggressionen übers Internet und übers Handy erlebt zu haben. Jeder Siebte wurde schon einmal gegen seinen Willen zu Sexualverkehr gezwungen oder an in­timen Stellen berührt – und meistens war der Täter der aktuelle Partner, der Ex, ein Kollege oder eine neue Date-Bekanntschaft, auf jeden Fall gleich alt. Auch deshalb ist der GPS-Peilsender für Paterson keine Lösung: «Die Studie zeigt, wie oft es zu brenzligen Situationen kommen kann, und zwar unter Freunden, an ganz normalen Orten wie dem Pausenplatz. Da hilft die totale Kontrolle nichts.»

Opfer müssen sich selber wehren können

Die Psychologin hat kein Patentrezept, sie sagt auch, dass es keine absolute Sicherheit gibt, im Gegenteil: «Die Kinder bewegen sich in einer Welt, in der sexuelle Übergriffe schnell passieren können, sei es in den elektronischen Medien, aber auch ganz ­real. Das sollten Eltern wissen. Überbehütung hilft nichts, Kinder und Jugendliche müssen sich selbst wehren können.»

Steig nicht in fremde Autos! Geh mit niemandem mit! – «Solche Regeln greifen zu kurz in Zeiten, in denen der Täter der ­eigene Freund oder der Schulkollege ist.» So sehr sich Eltern von Experten handfeste Lösungen wünschen würden, Paterson kann eigentlich nur immer wieder an diesen einen, sehr allgemeinen Satz erinnern: «Der beste Schutz ist die eigene Stärke des Kindes.» Stärke heisst Selbstbewusstsein; heisst, sich zu getrauen, gegenüber Erwachsenen nein zu sagen; heisst, dem eigenen Gefühl zu glauben und zu wissen, was guttut und was nicht.

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Schutz vor Missbrauch ist auch eine Frage der Erziehung. Das sei nichts Neues, gibt Paterson zu, aber es müsse dennoch immer wieder gesagt werden, weil es in vielen Familien halt immer noch nach diesem Muster ablaufe: Mädchen, die nicht wütend sein dürfen, und Jungen, die nicht weinen sollen; Kinder, deren Ängste und Enttäuschungen ständig belächelt und nicht ernst genommen werden. «Wie soll man in so einem Umfeld lernen, seinen Gefühlen zu vertrauen?» Die Enkelin, die der Oma ein Küsschen geben muss, obwohl sie grad keine Lust hat, der Sohn, der pappsatt ist und trotzdem seinen Teller leer essen soll. «Irgendwann gewöhnen sich die Kinder daran, dass die von ihnen gesetzten Grenzen nicht respektiert werden.» Und im Ernstfall getrauen sie sich dann vielleicht nicht, sich zu wehren.

«Zu Hause sollte eine Kultur des Re­spekts herrschen», sagt Catherine Paterson. Sie meint vor allem Respekt vor den Grenzen, den eigenen und den Grenzen der anderen. Sie erinnert die Eltern auch an ihre Vorbildfunktion. «Eltern sollten sich fragen: Welches Rollenverständnis leben wir als Mann und Frau, als Vater und Mutter unseren Kindern eigentlich vor? Setzen wir uns ein für uns selbst, sind wir eigenständig oder lassen wir vieles einfach mit uns geschehen?» Respekt und Wertschätzung seien aber nicht nur der Weg zu besserem Schutz, sondern auch die Grundlage für ein vertrauensvolles Verhältnis – und damit ein starkes Auffangnetz, falls wirklich einmal etwas passieren sollte. «Wird ein Kind Opfer eines Übergriffs, fühlt es sich oft schuldig, ihm ist es furchtbar peinlich. Wenn kein Vertrauen da ist, besteht die Gefahr, dass es den Missbrauch für sich behält.»

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Es gibt gute und schlechte Geheimnisse

Aber auch sexuelle Aufklärung gehört zum Schutz. «Wir leben in einer sexualisierten Gesellschaft, aber das Wissen über den eigenen Körper ist schockierend oberflächlich. Darüber wird bei vielen Kindern zu Hause geschwiegen.» Das Schweigen ist fatal. Irgendwann fragen die Kinder nach den Namen für Scheide und Penis. «Wenn Eltern die Geschlechtsteile aussparen, denkt das Kind: ‹Das ist peinlich, darüber darf ich nicht sprechen.› Aber wie soll es über unangenehme Berührungen sprechen, wenn ihm die Worte fehlen?»

Eltern sollten auf Fragen von Kindern zur Sexualität und zum Körper alters­gerecht und so natürlich wie möglich antworten, sagt Paterson. «Sie sollen ausstrahlen, dass Sexualität etwas Schönes und Natürliches ist. Damit das Kind den Unterschied merkt, wenn es sich im Fall eines Übergriffs unwohl fühlt.» Damit es merkt: Hier stimmt etwas nicht. Die Psychologin findet auch, dass Eltern ruhig mal eine Situation verbal durchspielen können, beispielsweise könnten sie sagen: «Wenn jemand etwas macht, was du nicht willst, dann wehr dich und komm damit zu uns.» Wichtig sei auch, dem Kind klarzumachen, dass es gute Geheimnisse gebe, aber auch schlechte, unangenehme, über die man reden dürfe. «Kinder sind sehr loyal. Wenn ein Täter sie bedrängt, den Missbrauch als Geheimnis zu bewahren, geraten sie in einen Konflikt und behalten den Vorfall oft tatsächlich für sich.»

Unter Aufklärung versteht Paterson aber noch mehr als bloss sexuelle Aufklärung. Ebenso wichtig sei die Aufklärung der Kinder über ihre Rechte. «Für den Volksschulunterricht gibt es inzwischen Lehrmittel zu den Kinderrechten.» Eine bessere Information über die Gesetzeslage und die Kinderrechte forderte jüngst auch Cornelia Bessler, Leiterin der Fachstelle Kinder- und Jugendforensik an der Universität Zürich. Für eine Ende März publizierte Studie wertete sie die Akten aller 223 Jugendlichen aus, die zwischen 2000 und 2008 wegen Sexualdelikten im Kanton Zürich verurteilt wurden. Zwei Erkenntnisse der Studie lassen besonders aufhorchen: Erstens kommt ein Grossteil der Täter aus zerrütteten sozialen Verhältnissen, bei den meisten wurde eine fehlende Sozialkompetenz diagnostiziert. «Viele Jugendliche wissen schlicht nicht, wie sie miteinander umgehen sollen», sagt Bessler dazu. «Oft sind sie sich des Schweregrades ihrer Tat gar nicht bewusst. Die Aktenanalyse zeigt, dass die Täter das Gesetz nicht kennen und deshalb sexuell unüberlegt agieren.» Die zweite wichtige Erkenntnis: Oft mussten die Täter bei den Opfern keine physische Gewalt anwenden, psychischer Druck reichte aus. «Gerade bei jungen Mädchen ist es deshalb wichtig, sie über ihre Rechte zu informieren, damit sie besser Grenzen setzen können», sagt Bessler.

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Was aber, wenn trotz allen Vorsichtsmassnahmen ein Missbrauch passiert, wie merkt man es dem Kind an, falls es nicht darüber spricht? Jedes Kind reagiere anders, sagt Paterson. Auffällig seien plötzliche Veränderungen wie Schlafstörungen, Kopfschmerzen oder wenn ein Kind einen Ort von heute auf morgen meide. Dann sollten die Eltern nachfragen: «Hast du ein Geheimnis, das du uns erzählen möchtest?» Catherine Paterson: «Aber bitte das Kind nicht ausquetschen. Falls ein Verdacht besteht, ist es besser, eine Fachperson beizuziehen.»

Buchtipps für Eltern und Kinder

Gisela Braun und Dorothee Wolters: «Das grosse und das kleine Nein»; ab 5 Jahren, Verlag an der Ruhr, 2006, 20 Seiten, CHF 21.90

Dagmar Geisler: «Mein Körper gehört mir!»; ab 5 Jahren, Verlag Loewe, 2003, 36 Seiten, CHF 16.90

Aliki: «Gefühle sind wie Farben»; ab 7 Jahren, Verlag Beltz & Gelberg, 1987, 32 Seiten, CHF 23.90

Für betroffene Kinder und ihre Vertrauenspersonen: Katrin Lauer und Anette Bley: «Das kummervolle Kuscheltier»; ab 3 Jahren. Ein Bilderbuch über sexuellen Missbrauch. Ars Edition, 2006, 44 Seiten, CHF 15.90. Mit einem Vorwort vom Kinderschutzzentrum München. Wichtiger Hinweis: Sollte nur im Beisein von Erwachsenen angeschaut werden.