Ratlos wendet sich die Mutter des dreijährigen Tim an die Erziehungshotline des Beobachters: «Mein Sohn ist ein ganz friedlicher Junge», sagt sie, «aber wenn er mit den gleichaltrigen Nachbarsjungen spielen will, schubsen sie ihn, brüllen ihn an und schlagen ihn manchmal sogar.» Sie verstehe nicht, warum Kinder sich so verhalten – ob sie ihrem Sohn helfen könne, von den anderen akzeptiert zu werden? Auf die Frage, ob Tim immer und bei allen Kindern diese Erfahrungen mache, entgegnet die Mutter: «Mit seinen Cousinen kann er stundenlang ohne Streit spielen.»

Tim muss schmerzlich erfahren, dass nicht alle Kinder nett mit ihm spielen wollen oder können. Liegt das an seinem Verhalten? Wohl kaum. Das Problem ist grundsätzlicher: Kinder im Alter von zwei bis drei Jahren tragen ihre Konflikte nicht selten ungehemmt körperlich aus. Kleine Streitereien können sehr schnell in Schlägereien und Raufereien ausarten. Das richtige Mass und Mittel für die Kontaktaufnahme und die Durchsetzung der eigenen Interessen zu finden ist bei jedem Kind ein langer Lernprozess. Kinder probieren aus, wie weit ihre Kräfte reichen. So erforschen sie ihren eigenen und den Körper der anderen. Spielerische Aggressionen sind also nicht aussergewöhnlich. Heftige Streitereien sind kein Indiz dafür, dass sich die Kinder nicht leiden können. In den meisten Fällen spielen sie nach einer gewissen Zeit wieder friedlich miteinander.

Möglicherweise wollen die Nachbarsjungen Tim einfach provozieren, um Grenzen auszuloten. Hinter den Streitereien können sich aber auch kleine Machtkämpfe verstecken. Mutter und Vater haben es in der Hand, mit ihrem Kind Strategien zu entwickeln, wie es sich verhalten soll. Zurückzuschlagen ist allerdings keine Option. Der Bub muss lernen «nein» zu sagen oder «hör auf!». Auch kleine Rollenspiele können helfen, verschiedene Reaktionsmöglichkeiten aufzuzeigen. Wenn sich der ausgestossene Tim zum Beispiel einfach zurückzieht, sich in eine andere Beschäftigung vertieft oder den Streithahn schlicht ignoriert, macht er den Kontrahenten vielleicht neugierig: «Aha, mal sehen, was Tim jetzt macht, vielleicht ist das auch für mich eine spannende Abwechslung.»

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Den Kindern Alternativen aufzeigen

Grundsätzlich gilt: Eltern sollen sich aus Streitereien der Kinder heraushalten. Läuft die Auseinandersetzung aber aus dem Ruder und kommt es zu Verletzungen durch Beissen, Schlagen oder Kratzen, müssen die Erwachsenen sofort eingreifen und ihren Jüngsten erklären, dass ein solches Verhalten nicht geduldet wird. Wenn sie Alternativen aufzeigen und im Wiederholungsfall die Streithähne konsequent trennen, wird sich der Streit legen. Gut ist, die Kinder etwa fünf Minuten zu trennen. Danach erhalten sie die Möglichkeit, friedlich weiterzuspielen. Versöhnen sie sich schnell wieder, haben sie ein Lob verdient. Das stärkt ihr Selbstbewusstsein, und sie haben mit der Zeit das Gerangel nicht mehr nötig.

Tröstlich ist, dass ab dem Ende des dritten Lebensjahrs Besserung ansteht: Dann gelangen Kinder zunehmend zur Einsicht, dass es klügere Methoden der Kontaktaufnahme gibt als körperliche Angriffe.

Buchtipp

David McKee: «Du hast angefangen! Nein, du!»; Verlag Sauerländer, 2006, 28 Seiten, CHF 25.90, ab vier Jahren