1. Home
  2. Familie
  3. Erziehung
  4. Vegetarische Kinder: «Ist die Wurst aus einem Rössli gemacht?»

Vegetarische Kinder«Ist die Wurst aus einem Rössli gemacht?»

Eltern hätten es am liebsten, wenn Kinder nie fragen würden, woher das Fleisch auf dem Teller kommt. Doch irgendwann wollen sie es wissen. Was antworten?

von

«Das ist so gemein!», befand Linus, 6, eines Tages am Mittagstisch. Sein grosser Bruder hatte ihm eben erklärt, dass die Wurst auf seinem Teller aus Fleisch von jungen Rössli besteht. Getöteten jungen Rössli, notabene. Linus, Insektenfreund und Tierliebhaber, war entsetzt. «So öppis iss ich nöd!», befand der Kindergärtler, schob den Teller von sich und war fortan Teilzeitvegetarier. Er wollte bei jedem Stück Fleisch wissen, von welchem Tier es stammt – und entschied dann, ob er es ass oder nicht. Kälber, Kühe, Schweine und Pferde waren von Anfang an tabu. Poulet ass er noch einige Male, weil er Hühner «nicht so herzig» fand. Doch nach einem Besuch eines lebenden Huhns im Kindergarten waren auch Chicken-Nuggets und Pouletbeine gestrichen.

Schimmelpilz als Fleischersatz

Die Gespräche am Familientisch drehten sich in den nächsten Wochen um böse Jäger, Metzger und gebratene Tierleichen. «Wir assen automatisch weniger Fleisch», erinnert sich Karin F., Linus Mutter, «und ich machte mich auf die Suche nach Ersatzprodukten.» Ein Versuch, der kläglich scheiterte. Das erste Würstchen aus Quorn, einem handelsüblichen Fleischersatz aus fermentiertem Schimmelpilz, bescherte ihr heftige Bauchkrämpfe.

Allem Ungemach zum Trotz: Linus zum Fleischkonsum zu zwingen stand nie zur Diskussion. «Uns war es wichtig, dass Linus sich ernst genommen fühlt», sagt sein Vater Stefan H.. Er selber habe als Jugendlicher eine «vegetarische Phase» gehabt und darunter gelitten, dass seine Eltern kein Verständnis gezeigt hätten.

So ass Linus eine Zeitlang hauptsächlich Müesli und Teigwaren und akzeptierte im Gegenzug, dass der Rest der Familie sich zwei-, dreimal die Woche ein Stück Fleisch gönnte. Ehrensache: Bioqualität und aus artgerechter Tierhaltung.

Einen allgemeinen Tipp, wie fleischbegeisterte Eltern mit einem Nachwuchsvegetarier umgehen sollen, kann man nicht geben. Eine Familie, die generell stark auf die Wünsche der Kinder eingeht, wird anders reagieren als eine, in der die Eltern eher autoritär erziehen. Das ist auch gut so. Wichtig ist, dass Eltern sich ihrer eigenen Haltung bewusst werden und diese authentisch vertreten. Und wenn Eltern finden: «Was auf den Tisch kommt, wird gegessen»? Zwang ist keine Lösung, weder auf die eine noch auf die andere Seite.

Gar nichts von solchen Kompromissen wollte Oscar, 6, wissen. Seine Mutter Regula J. erinnert sich: «Wenn wir Freunde zum Grillieren eingeladen hatten, weigerte sich Oscar, aus dem Haus zu kommen. Er verschanzte sich im Zimmer und tobte.» Schon im Alter von drei, vier Jahren interessierte sich der Kleine intensiv für Tiere. «Manchmal fühlte er sich selbst als Affe. Dass er sich eines Tages weigern würde, Fleisch zu essen, war eigentlich nur eine logische Konsequenz», sagt seine Mutter. «Die ganze Sache mit den Tieren hat auch mich zum Nachdenken gezwungen.» Oscar hinterfragte alles. Er wolle gar wissen, ob pflanzenfressende Dinosaurier fleischfressende Pflanzen gefressen hätten.

Regula J. besorgte sich ein vegetarisches Kochbuch. Sie «quälte» sich durch Bioläden, kochte Gemüse, Hülsenfrüchte, Sojaplätzli. Oscar mochte alles nicht. «Ich wusste bald nicht mehr, was ich auftischen sollte», erinnert sich Regula J.. Umso mehr freute sie sich, als die Grossmutter eines Tages anrief und verriet, der Kleine habe bei ihr ein Stück Salami stibitzt. «Zwei Tage später wollte er für mich ein Fleischplättli zusammenstellen. Der ganze Spuk war vorbei»

«Wir sind nun mal Allesfresser»

«Viele Kinder realisieren irgendwann im Vorschulalter, dass Fleisch von Tieren stammt», sagt Ernährungsberaterin Regula Widmer Boos. Sie unterrichtet Krippen- und Hortpersonal im vegetarischen Kochen für Kinder. Persönlich hält sie aber einen gemässigten Fleischkonsum für gesünder und ökologischer. Sie rät, Kindern den Kreislauf der Natur zu erklären. «Wir sind nun mal Allesfresser.» Wer Milch trinken und Käse essen wolle, müsse konsequenterweise auch ab und zu Fleisch essen. Denn um Milch geben zu können, müsse eine Kuh regelmässig ein Kalb bekommen. «Genau genommen müsste man also auf Milchprodukte verzichten, wenn man kein Fleisch essen will.» Für Kinder sei dies aber kein gangbarer Weg. Solche Zusammenhänge könne man grösseren Kindern durchaus aufzeigen.

Würden wir unsere Hunde grillieren?

Tabea P. isst seit der Geburt ihrer ersten Tochter weder Fisch noch Fleisch. «Ich wusste, dass ich die Art, wie wir Menschen mit Tieren umspringen, vor den Kindern nicht vertreten könnte.» Sie ernährte ihre beiden Töchter von Anfang an ovo-lacto-vegetarisch, also ohne Fleisch und Fisch. Die beiden sind heute sieben und zehn Jahre alt – und scheinen kerngesund.

Brauchen denn Kinder Fleisch, um gross und stark zu werden? «Wenn ein Kind einmal ein paar Wochen oder Monate kein Fleisch isst, fehlt ihm nichts, da der Körper über Reserven an Vitaminen und Mineralstoffen verfügt», sagt Ernährungsberaterin Widmer Boos. Wer Kinder aber über längere Zeit fleischlos ernähren möchte, müsse sich zwingend informieren. «Einfach das Fleisch wegzulassen und nur die Beilagen zu servieren ist keine Lösung. Genügend Eiweiss und genügend Eisen sind wichtig.» Beides sei grundsätzlich fleischlos möglich, allerdings nur, wenn Lebensmittel richtig kombiniert würden. In der traditionellen Schweizer Küche wurden solche Regeln noch beachtet, zum Beispiel bei Gschwellti mit Käse oder Rösti und Spiegelei.

Und was ist mit Massentierhaltung, Tiertransporten und Welthunger? Viele Eltern tun sich da schwer mit Antworten, weil die Fragen der Kinder verdrängte Schuldgefühle aktivieren. Kaum jemandem ist es ganz wohl beim Gedanken, Tiere allein zum Töten zu züchten. So fragt etwa der US-Autor Jonathan Safran Foer: «Würden wir unsere Hunde grillieren?» Nein. Wahrscheinlich auch, weil Hunde «so herzig» sind.

Womit wir wieder bei Linus wären. Der züchtet im Moment Kellerasseln und isst wieder Fleisch. Aber Vegetarier ist er immer noch. Sagt er. Einfach mit Ausnahmen. Zum Beispiel im Hort, weil dort das Fleisch einfach «scho no fein» ist. Und daheim, weil es dort so viel davon gibt und er schliesslich nicht verhungern will.

Wichtiges Eiweiss für Kinder

Alternativen zu 50 Gramm* Fleisch:

  • 35 Gramm Parmesan oder
  • 1 Ei oder
  • 100 Gramm Magerquark oder
  • 4 Deziliter Milchdrink

*50 Gramm Fleisch: empfohlene Menge für zwei- bis sechsjährige Kinder, maximal fünfmal pro Woche; 50 Gramm enthalten rund 11 Gramm Eiweiss.
Quelle: Schweizerische Gesellschaft für Ernährung www.sge-ssn.ch

Kleine Vegi-Kunde

Veganer lehnen nicht nur Fleisch und Fisch ab, sondern auch alle anderen tierischen Produkte wie Eier, Milch, Milchprodukte und Honig.

Lacto-Vegetarier meiden Fleisch, Wurst und Fisch, akzeptieren jedoch Milch und Milchprodukte.

Ovo-Lacto-Vegetarier nehmen Milch, Milchprodukte und Eier zu sich.

Ovo-Lacto-Pisce-Vegetarier oder verkürzt Pesco-Vegetarier meiden Fleisch und Wurst, essen jedoch Fische. Vegetarierverbände weisen diese Bezeichnungen zurück und empfinden diese Form als Pseudo-Vegetarismus.

Rohköstler verzichten auf Fleisch, Fisch, Eier, Milch und Milchprodukte wie auch auf gekochte Nahrung.

Veröffentlicht am 19. Juli 2010

Bitte melden Sie sich an, um zu diesem Artikel zu kommen­tieren.

28 Kommentare

Sortieren nach:
Christine Dumbsky
Mich hat es bei meiner Recherche hierher verschlagen bei der Gelegenheit hinterlasse ich hier noch ein Statment zum vegetariersein Es ist am Anfang zunächst der Widerwille Fleisch zu essen, weil wir die Haltung der Tiere einfach nicht “menschenwürdig” haben und die Haltung immer mehr pervertiert. Ich habe das mal versucht in Worte zu fassen und da ein Bild mehr als 1000 Worte sagt, habe ich als Künstlerin versucht das bildlich darzustellen - auch kindgerecht: ++++++++++++ http://www.mausebaeren.com/veggie.html +++++++++++++ Falls man eine Erklärung braucht – und das ist immer wieder nötig, kann man das wohl genauso weitergeben. Also nutzt diesen Link, wenn Euch selbst die Worte fehlen. Viele Grüße, Christine

Bitte melden Sie sich an, um auf diesen Kommentar zu antworten.

Chris
@Chrigu Fleischfresser: Mit demselben Enthusiasmus wie du ihnen den Verzehr von Fleisch beigebracht hast. Wenn du in den Köpfen deiner Kinder Früchte und Gemüse durch entsprechende Aussagen, Gesten und Verhaltensweisen weg vom "Müssen" und hin zum "Mampf" verbindest, klappt das nach einiger Zeit erfahrungsgemäss problemlos. Natürlich setzt das deine eigene Begeisterung voraus. Dazu ist es je nachdem nötig, dass du die Reichhaltigkeit und Vielfalt der Veggie-Küche, die weeeit über den Gemüseteller hinausgeht, kennenlernen kannst. Kannst gerne mal bei mir zum Essen vorbeikommen. Je nachdem wie alt sie sind, dauerts halt eine Zeit. Aber selbst bei mir (damals 29) hats gepasst. Falls du mehr Infos dazu möchtest, dann geb ich sie dir gerne. Einfach hier schreiben.

Bitte melden Sie sich an, um auf diesen Kommentar zu antworten.

Chris
@Tom Hehli Wenn unser Stoffwechsel nicht auf eine vegetarische Lebensweise ausgerichtet ist, dann frage ich mich, wie zum Kuckuck ich seit 6 Jahren vegetarisch, seit 2 Jahren vegan (ganz ohne tierische Produkte) lebe und Muskeln (und dann und wann auch Fett :-D) aufbaue. Zudem sehe ich an diversen Veggie-Events immer wieder hunderte Vegetarier und Veganer, die so gar nicht dem Klischee des selbstgestrickten, mageren, kränklichen...etc. entsprechen. Es kommt immer drauf an, wie man die Ernährung umsetzt. Leider gelten ja Bluthochdruck, Gicht, Krebs, Demenz etc. als Gesellschaftskrankheiten, die man einfach hinnehmen muss, obwohl diese Krankheiten oft durch übermässigen Konsum tierischer Produkte ausgelöst, teilweise sogar medizinisch begründet sind. >Aber wehe ein Vegetarier hu...

Bitte melden Sie sich an, um auf diesen Kommentar zu antworten.

Tom Hehli
Unser Stoffwechsel ist leider noch nicht so weit, dass wir vegetarisch leben können, wenngleich dies ein Ziel ist, das wir als Menschheit verfolgen sollten, in steter Entwicklung, nicht durch Schalterumlegung. Wenn Kinder daher ein Bewusstsein für die Ernährung ist es nur gut. Lieber einmal im Monat ein gutes Stück Kalbsfilet, als jeden Tag "Schweinepressfleisch vom Gammeldiscounter".

Bitte melden Sie sich an, um auf diesen Kommentar zu antworten.