Eine Katastrophe - die Sandburg hat keinen Wassergraben. Den braucht sie aber unbedingt. Höchste Wichtigkeit - jedenfalls für Jonathan. Dass seine Mami bereits vor 20 Minuten mahnte, er solle sich bitte parat machen, denn sie seien spät dran, kommt dem Sechsjährigen jetzt nicht in den Sinn. Fort auch die Erinnerung daran, dass schon gestern Feuer unter dem Familiendach war, weil er partout erst seine Eisenbahnbrücke fertig bauen musste, bevor er zum Frühstück kommen konnte. «Es ist unheimlich schwierig, Jonathan zu irgendeiner Aktion zu motivieren, wenn er in sein Tun vertieft ist», seufzt Mutter Susanne Brüllmann aus Wettingen. «Zeit hat dann irgendwie keine Bedeutung.» Da können die Grossen bitten und betteln, schimpfen und strafen: Ein Begriff wie «beeilen» ist für Kinder viele Jahre lang ebenso nichtssagend wie relative Zeitausdrücke von «gleich» über «später» bis «noch lange nicht».

Erst ab sieben Jahren pünktlich
Der bekannte Schweizer Entwicklungspsychologe Jean Piaget erforschte, wie Kinder eine Vorstellung von Zeit entwickeln. Bis sie drei Jahre alt sind, haben Kinder in der Regel kein Zeitgefühl. Nach und nach aber werden sie gewahr, dass es zwischen dem hellen Morgen und dem Dunkel des Abends eine Menge zu entdecken gibt. Wie lange das im Einzelnen dauert, ist ihnen allerdings einerlei.

Für Kleinkinder wird der Tag nicht diktiert vom 24-Stunden-Rhythmus, sie orientieren sich an Geschehnissen. «Noch dreimal schlafen, dann kommt Papa von der Geschäftsreise zurück», weiss die dreijährige Ezgi aus Zürich-Altstetten. Und: «Der Osterhase ist wie der Samichlaus. Er kommt erst wieder, wenn ich vier bin.» Essen, in die Spielgruppe gehen oder die Grosseltern besuchen - solche Eckpfeiler helfen Kindern, die Dauer von Zeit zu erahnen.

«Es ist falsch zu glauben, wenn Kinder im Vorschulalter korrekte Zeitbegriffe verwenden, hätten sie auch eine Idee über die Zeitdauer», sagt Oskar Jenni, Leiter der Abteilung Entwicklungspädiatrie am Kinderspital Zürich. Einem Vierjährigen zu sagen, man müsse sich beeilen, der Bus fahre in drei Minuten, ist meist verschwendete Liebesmüh: Für den Kleinen existiert der Bus erst, wenn er ihn sieht. «Selbst ein Kind, das die Uhr lesen kann, hat im Vorschulalter noch keine Vorstellung davon, wie lange eine Minute oder eine Stunde wirklich dauert», erklärt Jenni. «Wer das nicht in Betracht zieht, überfordert Kinder.» Erst ab etwa sieben Jahren verstehen sie, was es bedeutet, sich zu beeilen oder pünktlich zu sein. Und mit neun vermögen sie in etwa einzuschätzen, wie lange Handlungen dauern werden.

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«Wenn Erwachsene mehr über das Zeitverständnis von Kindern wüssten, könnten sie angemessener mit ihnen umgehen», so Jenni. Will heissen: Trödeln ist im Vorschulalter mitnichten bewusste Provokation. Kinder können sich noch nicht in jemand anderen hineinversetzen, wissen also nicht, weshalb die Eltern so drängeln. Statt Kinder zur Eile aufzufordern, kann man etwa einen kleinen Wettbewerb veranstalten: «Wer hat die Schuhe schneller an, du oder ich?» So haben die Kinder einen Vergleichsmassstab und beeilen sich von selbst. Bis ins Teeniealter empfiehlt sich zudem, mit Kindern klare Zeichen auszuhandeln: «Wenn der Wecker klingelt, fängst du bitte mit den Hausaufgaben an.» Oder: «Wenn Papa nach Hause kommt, trägst du bitte den Abfallsack raus.»

Ganz schön mühsam? Mag sein, doch die Zeit der ewigen Gegenwart geht vorbei. Bis zum zwölften Lebensjahr haben die meisten Kinder ein Bewusstsein für zeitliche Perspektiven entwickelt - damit aber auch abgelegt, was uns Erwachsenen so schätzenswert erscheint: die Fähigkeit, sich völlig auf den Augenblick zu konzentrieren. Schade eigentlich.