Gemäss einer neuen Auslegeordnung des Bundesamts für Justiz (BJ) werden ab 2005 diverse Angebote der offenen Sozialpädagogik (siehe Reportage) nicht mehr unterstützt. Die Neuinterpretation der Richtlinien von 1997 fordert, dass schwierige Kinder und Jugendliche zwingend rund um die Uhr während 365 Tagen betreut werden. «Der Bund nimmt keine Änderung seiner Politik vor», sagt Walter Troxler, Sektionschef im Bundesamt für Justiz.

Der Finanzdruck zwinge das BJ aber, sich klarer an die Vorschriften zu halten. Das BJ sei nur für jene Klientel zuständig, die eine umfassende stationäre Betreuung benötige. «Auf Angebotsseite gibts mittlerweile alles Mögliche. Es ist nicht Aufgabe des Bundes, dieses ungeheuer breite Angebot zu kontrollieren und zu unterstützen», so Troxler.

Im kommenden Jahr sollen bei den Erziehungseinrichtungen sechs Millionen Franken eingespart werden. «Das Vorgehen des Bundes ist fachlich fragwürdig und unverhältnismässig», sagt Kurt Marti von der Gesundheits- und Fürsorgedirektion des Kantons Bern.

Er hat im Frühjahr eine Liste mit neun Jugendheimen erhalten, denen per 1. Januar 2005 die Bundessubventionen entzogen werden sollen. Der Bund richte seine Bewilligungsbedingungen auf die schwierigste Klientel aus, obwohl er für eine grosse Bandbreite – vom Straffälligen bis zum sozial Benachteiligten, der durch einen Schicksalsschlag seine Eltern verloren hat – zuständig sei.

«Das Ganze ist eine Sparübung auf Kosten der Kantone», sagt Marti. Der Spareffekt der neuen Anordnungen ist indes fraglich: Ein offener Betreuungsplatz kostet rund 230 Franken pro Tag. Eine Betreuung rund um die Uhr dürfte doppelt so teuer sein. «Da wird unter dem Deckmantel des Sparens die zeitgenössische Pädagogik zu Grabe getragen», sagt ein Sozialpädagoge, der namentlich nicht genannt werden will.

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