Rund 260'000 über 50-jährige Frauen und Männer in der Schweiz haben einen Zweitjob – als regelmässige Betreuer ihrer Grosskinder. Dafür setzen sie jährlich 100 Millionen Stunden ein und leisten damit auch volkswirtschaftlich Beachtliches: Bei einem bescheidenen Stundensatz von 20 Franken ergibt sich für die «Krippe Grosi» ein Wert von zwei Milliarden Franken.

Diese Zahlen aus einer Studie des Ökonomen Tobias Bauer verdeutlichen: Nie waren die Grosseltern im familiären Beziehungsgeflecht so wertvoll wie heute. Zuzuschreiben ist dies der demografischen Entwicklung. Weil die älteren Menschen immer länger vital bleiben, hat die gemeinsame Lebenszeit der Grosseltern-, Eltern- und Enkelgeneration in den letzten Jahrzehnten deutlich zugenommen.

Die Formen, in denen die Drei-Generationen-Beziehungen gelebt werden, sind vielfältig. Die zentrale Fragestellung dabei: Wie viel Nähe lässt man im familiären Alltag zu, ohne dass der Wunsch nach Selbstbestimmung zu kurz kommt? Besonders die «Sandwichgeneration» der Eltern befindet sich in der Zwickmühle: Wohl geniessen sie die Annehmlichkeiten kostenloser Hilfestellungen, dafür droht ein Verlust an Autonomie. Diese beanspruchen auf der anderen Seite auch die fitten Omas und Opas, die ihre Vitalität lieber für eigene Bedürfnisse nutzen, statt sich in einen Hütedienst einspannen zu lassen. Der Beobachter ging diesem Spannungsfeld nach mit Besuchen bei einer Familie, in der drei Generationen unter einem Dach leben (siehe nachfolgendes «Beispiel 1»), und einem Grosselternpaar, das auf den eigenen Freiraum pocht (siehe nachfolgendes «Beispiel 2»).

Die intensiveren Kontakte zwischen Grosseltern und Enkeln stehen als neueres gesellschaftliches Phänomen auch im Fokus der Forschung. «Waren solche Beziehungen früher formal und autoritär, sind sie heute wärmer und nachsichtiger», hat etwa der Soziologe François Höpflinger festgestellt. Für den Altersforscher ist diese Entwicklung insofern von Bedeutung, als für viele Kinder Oma oder Opa oft der einzige Kontakt zu einem Vertreter der älteren Generation überhaupt sind (siehe nachfolgendes «Beispiel 3»).

Die Drei-Generationen-Familie als Gegenmodell zur oft beklagten Entfremdung zwischen Jung und Alt? Es scheint so. Angebote wie «Ein Grosi fürs Klassenzimmer» gibt es immer mehr. Im Alters- und Blindenwohnheim Mühlehalde in Zürich ist gar eine Kindertagesstätte eingemietet. «Eine wunderbare Vermischung der Generationen», schwärmt Heimleiterin Fatima Heussler. «Das bringt Lebensfreude.»

Beispiel 1: Die Grossfamilie

Ein wunderschönes Bauernhaus, erbaut 1774: Seit drei Monaten wohnen hier die Grosseltern Peter und Marlis Marti, die Eltern Daniela und Rudolf Bühler und ihre drei Kinder Larissa, 6, Leila, 4, und Josua, 11?2, unter einem Dach. Das Haus mit weitläufigem Garten steht in einem kleinen Dorf im Berner Seeland. «Bis vor kurzem konnte ich mir überhaupt nicht vorstellen, aufs Land zu ziehen», sagt der 36-jährige Elektroingenieur Rudolf Bühler. Davor hatte er grössere Angst als vor der Enge einer Grossfamilie. Bühlers wohnten zuvor in einer Vierzimmerwohnung unweit von Biel. «Es war kein bewusster Plan, sondern eine Verkettung von Zufällen, die uns zusammengeführt hat», ergänzt Peter Marti, 59, der mit seiner Frau Marlis, 58, seit knapp 30 Jahren im Bauernhaus wohnt.

Die Einliegerwohnung im Haus der Martis musste saniert werden, die alten Mieter waren bereits ausgezogen, und Daniela und Rudolf Bühler suchten eine grössere Wohnung, da sie ihr viertes Kind erwarten. Die Wohnung wurde um- und ausgebaut. «Perfekt für uns», so die 33-jährige Daniela Bühler. Ausschlaggebend, dass nun drei Generationen zusammenleben, waren diese praktischen Gründe – mit der «Krippe Grosi» frei Haus.

Sie habe sich einige Gedanken gemacht, ob die noch kleinen Kinder für ihre Eltern nicht zu viel werden könnten, ob sie deren Lärm nicht störe, sagt Daniela Bühler. Doch Peter und Marlis Marti winken ab: «Die Kinder halten uns jung. Das ist doch wunderbar.» Zudem hätten sie beide noch ihren Beruf und könnten sich auch gut abgrenzen – das grosse Haus machts möglich. «Vor zu viel Nähe haben wir uns nicht gefürchtet», sagt Peter Marti, «schliesslich kennen wir uns gut und wissen, dass wir ähnlich ticken, auch in Erziehungsfragen.» Seine Frau Marlis erzählt, wie sehr sie sich über die Bemerkungen von Bekannten gewundert habe. «Man warnte uns, wie schwierig das sei, mit der Tochter und dem Schwiegersohn unter einem Dach, und dazu noch die kleinen Kinder» – für die jung gebliebene Grossmutter waren das unverständliche und egoistische Reaktionen.

Für ihre Kinder sei der alltägliche Kontakt zu den Grosseltern eine «Horizonterweiterung», ist Daniela Bühler überzeugt. «Meine Eltern kennen Spiele, die ich längst vergessen habe. So wird den Kleinen eine grössere Vielfalt geboten.» Die Kinder könnten gut unterscheiden zwischen den Eltern und den Grosseltern. «Bei uns müssen sie vielleicht ein bisschen mehr aufräumen», schmunzelt Grossvater Marti. Er freut sich schon auf seine Pensionierung – dann wird er noch mehr Zeit für seine Enkelkinder haben. Einen Schönheitsfehler gibts aber dennoch im Familienidyll: «Meine eigene Mutter kommt nun etwas zu kurz, weil sie ihre Enkel seltener sieht», ist sich Rudolf Bühler bewusst.

Beispiel 2: Eigenständige Grosseltern

Friedrich Mez’ Reich liegt im Keller des hellen Einfamilienhauses im aargauischen Lupfig: ein zu einer veritablen Schreinerei ausgebauter Hobbyraum. Hier kann der 73-Jährige stundenlang werkeln – «Auftragsarbeiten», schmunzelt der früher im Kraftwerksbau von BBC tätige Ingenieur. Zur Kundschaft gehören nicht zuletzt die vier Enkel im Alter zwischen ein und zweieinhalb Jahren. Auch im Kinderzimmer des Hauses Mez steht ein Gitterbett der Marke Eigenbau.

Besetzt ist das Bettchen aber nur etwa einmal pro Monat, wenn eine der drei Töchter von Friedrich und Regine Mez ihren Nachwuchs zum Hüten bringt. Sich trotz Pensioniertendasein häufiger und vor allem regelmässig für Betreuungsaufgaben zu verpflichten stand für die Grosseltern zum vornherein nicht zur Diskussion. «Wir helfen gerne aus, wenn es uns braucht. Aber grundsätzlich ist das Sache der Jungen, sie sollen sich arrangieren», sagt Friedrich Mez – auch aus egoistischen Motiven: «Schliesslich brauchen wir Zeit für unsere eigenen Interessen.»

Zwischen Januar und März müsse man von ihrem Mann, dem passionierten Skifahrer, gar nichts wollen, bestätigt Regine Mez augenzwinkernd. Sie selber hat zwei, drei Abende pro Woche verplant – im Chor, in der Kirchenpflege, als Deutschlehrerin für Fremdsprachige, als Aushilfe im Altersheim. Bei all diesen Engagements ist die 64-jährige frühere Primarlehrerin froh, nicht auch noch eine «Familienkrippe» betreiben zu müssen. Obwohl: «Ich hätte dazu wohl Ja gesagt – aber zum Glück hat niemand gefragt.»

Dass sie mit ihrer klaren Haltung keine Erwartungen ihrer Töchter enttäuscht haben, ist dem Ehepaar Mez wichtig. Das familiäre Verhältnis sei auch mit etwas Distanz hervorragend, urteilt der Grosspapa, «man lässt uns toll am Aufwachsen unserer Enkel teilhaben.» So kommt bei Regine Mez denn auch nie das Gefühl auf, etwas zu verpassen, wenn es um ihre Liebsten geht, die ihre Spuren in Form von Fotos oder Spielsachen überall im Haus hinterlassen haben. Im Gegenteil: «Vielleicht sind unsere Treffen intensiver, als wenn wir uns ständig sehen würden.»

Wenn die Eheleute über ihre Enkel sprechen, steht ihnen – ganz stolze Grosseltern – liebevolle Zuneigung ins Gesicht geschrieben. Was geben sie ihnen? Mit zunehmenden Alter komme man an einen Punkt des Stillstands, sagt Regine Mez, man stelle sich die Frage: War es das? «Doch seit die Kleinen da sind, ist unsere Lebensfreude wieder viel grösser.» Und was können umgekehrt die Enkel von Oma und Opa mitnehmen? «Erinnerungen an gute Erlebnisse im Grosselternhaus – einen Gemütsfundus sozusagen.»

Beispiel 3: Grosi und Enkel

Elisabeth Giesbrecht, 80, seit mehr als 30 Jahren Witwe, lebt in einer gepflegten, kleineren Dreizimmerwohnung im Berner Ostring-Quartier. Zu ihren drei Söhnen und acht Enkeln, die zwischen 9 und 23 Jahre alt sind, pflegt sie gute Beziehungen. «Ich habe den engen Kontakt stets gesucht», erklärt die weisshaarige ehemalige Reiseleiterin. Michel Giesbrecht, ihren 19-jährigen Enkel, den sie als «Einzelgänger» bezeichnet, sieht sie «für seine Verhältnisse» ziemlich oft: Mindestens ein Mal pro Monat, meist bei ihr zu Hause. «Seit der Pubertät ist unser Verhältnis noch besser und inniger geworden», sagt Michel, der vor kurzem die Matur gemacht hat und Schauspieler werden will. Seine Grossmutter hat alle seine bisherigen Aufführungen gesehen und ist begeistert: «Wir hatten noch nie einen Schauspieler in der Familie. Ich finde es toll, wie Michel seinen Traumberuf angeht.»

Kulturelles ist ein starkes Bindeglied zwischen den beiden. Sei es der Besuch von Ausstellungen, Konzerten oder Theatervorstellungen – darüber können sie stundenlang diskutieren. «Die Jungen halten einen jung, das ist nicht bloss eine Redensart», sagt Grossmutter Giesbrecht lächelnd und tätschelt den Arm ihres Enkels. Michel helfe ihr immer, wenn sie Schwierigkeiten mit dem Computer oder dem Internet habe: «Er ist mein Computerspezialist.» Im Alter von 78 Jahren hat sich Elisabeth Giesbrecht noch einen PC zugelegt – um auf der Höhe der Zeit zu sein und um nicht auf die wichtige Informationsquelle Internet verzichten zu müssen. «Umgekehrt profitiere aber auch ich stark von meiner Oma», wirft Michel vehement ein. «Wenn ich eine Reise plane, frage ich immer zuerst meine Grossmutter. Sie kennt fast alle Destinationen und hat immer gute Tipps.»

Im Gespräch schauen sich die beiden immer wieder zärtlich an. Michel sagt, dass seine Grossmutter eigentlich die einzige ältere Person sei, zu der er guten Kontakt habe und bei der er sich nicht verstellen müsse: «Sie ist ja auch sehr speziell, so voller Energie.» Michel erzählt, wie seine Oma vor einigen Jahren vernommen habe, dass er und sein Bruder noch nie einen Gletscher gesehen hätten. «Ich war entsetzt», erinnert sich Elisabeth Giesbrecht und lacht, «ich habe die beiden Enkel gepackt und bin zwei Tage mit ihnen zum Grimsel gefahren, um den Aletschgletscher ausführlich zu besichtigen.»

Quelle: Stadler / Uster
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