Das Problem:

Ich bin 19 Jahre alt und werde von meinen Eltern immer kontrolliert, obwohl ich mich regelkonform verhalte: Meine Mutter hört Gespräche mit, liest in meinem Kalender, spioniert mir nach und fragt mich sehr häufig über unwichtige Details aus. Ich vermute, dass sich in ihrem Verhalten eine versteckte Verlustangst äussert, weil mein Bruder mit 18 Jahren auszog und meine Mutter vor vielen Jahren eine Totgeburt hatte. Was kann ich gegen diese Kontrolliererei tun, ohne dass es ständig Streit gibt?

Marcella F.

Koni Rohner, Psychologe FSP:

«Ständig» braucht es in Ihrer Situation nicht Streit zu geben. Aber es ist ein Konflikt da, der gelöst werden muss, am besten ein für allemal. Grundsätzlich sind Sie erwachsen und nicht mehr der Befehlsgewalt der Eltern unterstellt. Sie brauchen sich also nicht länger kontrollieren zu lassen. Natürlich sollten Sie sich an die Regeln halten, so wie man dies in jeder Wohngemeinschaft tun muss.

Schlimmer noch als die Kontrolle scheint mir aber, dass Ihre Mutter die Grenzen zu Ihrem Privatbereich überschreitet, wenn sie Gespräche mithört oder im Kalender liest. Ich empfehle Ihnen, den Stier bei den Hörnern zu packen, um der Streiterei endlich ein Ende zu bereiten.

Bitten Sie Ihre Mutter oder besser noch beide Elternteile um ein ernsthaftes Gespräch.

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Es soll nicht zwischen Tür und Angel stattfinden, sondern klar definiert an einem festgelegten Tag. Sagen Sie vorher deutlich, dass dafür mindestens eine halbe bis eine Stunde Zeit nötig ist. Versuchen Sie nicht, Ihre Mutter zu analysieren, zu therapieren oder ihr etwas zu beweisen. Sagen Sie einfach, dass Sie sich unterdrückt oder wie ein kleines Kind behandelt, eingeengt und kontrolliert fühlen oder was immer Ihre wahren Emotionen sind. Betonen Sie unmissverständlich, dass die Grenzen Ihrer Privatsphäre respektiert werden müssen. Wahrscheinlich haben Sie mit der Ursachendeutung für das Verhalten der Mutter Recht. Zeigen Sie Verständnis für diese Gefühle, ohne sich jedoch von Ihrem Kurs abbringen zu lassen.

Falls ein solches Konfliktlösungsgespräch Sie nicht in genügendem Mass erleichtert oder es das Verhalten der Eltern nicht aufweicht, bleibt Ihnen kaum etwas anderes übrig, als auszuziehen. Sie können das Ihren Eltern auch sagen, bevor Sie den endgültigen Schritt machen. Falls es Ihnen nicht gelingt, diesen Weg allein zu gehen, empfehle ich Ihnen, sich einige Stunden Psychotherapie zu gönnen und dort über Ihre Gefühle und allfällige Strategien zu reden.

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Da diese Kolumne nicht nur von Töchtern und Söhnen gelesen wird, sondern auch von Eltern, noch einige Worte zu deren Erleben: Offenbar geht die Grenzen missachtende Liebe von Marcellas Mutter auf schmerzhafte Verlusterlebnisse zurück. Es ist jedoch für alle Eltern eine schwierige Aufgabe, die heranwachsenden Kinder zur richtigen Zeit im richtigen Mass loszulassen. Vielleicht ist es für Mütter noch schwerer als für Väter, weil sie diese Wesen, die jetzt immer eigenständiger werden, während neun Monaten im eigenen Leib getragen haben.

Obwohl sich alle Eltern freuen, wenn sich Söhne und Töchter prächtig entwickeln, geht auch immer etwas verloren dabei. Wer ehrlich ist, spürt manchmal ein leises Bedauern oder ist sogar richtig traurig darüber. Die Heranwachsenden empfinden den Verlust der Kindlichkeit in der Regel nicht, weil ihr Blick auf die Zukunft gerichtet ist. Gute Eltern können den Besitz ergreifenden, kontrollierenden, umsorgenden Teil der Elternschaft beim Erwachsenwerden von Söhnen und Töchtern sterben lassen und trotzdem eine gute, warmherzige Beziehung zu ihnen behalten.

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