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Familie SchweizerSehnsucht nach Altbewährtem

Trost, Schutz, Geborgenheit: Beim Stichwort Familie malen Schweizerinnen und Schweizer ein idyllisches Bild. Also alles gut und alles beim Alten? Nicht ganz.

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Da war dieser merkwürdige Satz. Soeben hatte der Kollege seinen Arbeitstag geschildert, an dem nichts so lief, wie er wollte, einen zum Davonlaufen eben, als er gegen Ende seiner Ausführungen sagte: «Dann kam ich nach Hause zu meinen Lieben, und alles war gut.» Sagte ausgerechnet jener aus der Runde, der daheim zwei pubertierende Kinder sitzen hat. Es schien ihm ernst zu sein.

Zwei Tage später lagen die Resultate des ersten Beobachter-Familienmonitors, bei dem 1000 Männer und Frauen über 18 Jahre zum Thema Familie befragt wurden, druckfrisch auf dem Redaktionspult - und der Satz des Kollegen war wieder präsent.

Auf die Frage nach der Bedeutung der Familie zeichneten die Teilnehmer der Studie ein idyllisches Bild: Mit «Familie» assoziierten sie am häufigsten Verantwortung, Liebe, friedliches Zusammenleben, Glück, Verständnis und Spass. So als hätte es nie die 68er Bewegung gegeben, die Familien als Auslaufmodell abstempelte, das die eigene Entfaltung einschränke und deshalb möglichst schnell durch andere Formen des Zusammenlebens ersetzt werden müsse. So als gäbe es auch nicht einen Alltag, in dem gewalttätige Jugendliche für Schlagzeilen sorgen, mehr Kinderkrippen gefordert und Kinder immer wieder als Armutsrisiko bezeichnet werden. Und in dem von überforderten Eltern oder von der mangelnden Solidarität unter den Generationen die Rede ist.

Dieses Resultat mag irritieren. Es zeigt aber, dass die Menschen mit dem Begriff Familie eine Sehnsucht verbinden, die vielleicht wenig spektakulär ist, dafür aber umso existentieller. Mit «Familie» ist der Ort gemeint, der Geborgenheit, Trost, Rückhalt und Sicherheit vermittelt - unabhängig von gesellschaftlichen Idealen, politischer Gesinnung oder auch vom Alter, wie etwa ein Resultat der deutschen Shell-Studie 2006 zeigt. Dort waren notabene 72 Prozent der Jugendlichen der Meinung, dass man eine Familie braucht, um wirklich glücklich leben zu können.

«Die Institution Familie ist das Fundament jedes Zusammenlebens, und das dürfte so lange Bestand haben, wie es Menschen geben wird», sagt der Soziologieprofessor Beat Fux, der sich stark mit dem Wandel familiärer Lebensformen auseinandersetzt.

Die Kirche voller Freunde

Aber was heisst eigentlich Familie? Nur Mutter, Vater, Kind? Oder gehört die Grossmutter oder der Onkel auch dazu? Bildet eine Alleinerziehende mit zwei Töchtern ebenfalls eine Familie, und was ist eigentlich mit dem Schwiegervater? Denn auch wenn das «Fundament Familie» unerschütterlich ist - seine Definition ist wandlungsfähig. In erster Linie verstehen die Befragten darunter die Herkunftsfamilie, erst in zweiter Linie Lebenspartner oder Kinder. Dann, am dritthäufigsten genannt, folgen bereits die Freunde - weit vor den übrigen Verwandten. Das Beispiel aus der Praxis: War es vor 30 Jahren für ein Paar klar, dass an der Hochzeit sämtliche Onkel, Tanten, Cousinen mit ihren Familien teilnahmen, ist die Kirche heute vor allem mit guten Freunden gefüllt - ohne dass sich deswegen die Verwandtschaft verkracht.

Auch zu den Lebenskonzepten und -zielen der Bevölkerung in der Schweiz liefert der Familienmonitor Aussagen. Zum Beispiel zur Frage, was es bedeutet, Nachwuchs zu haben. Knapp 90 Prozent - unabhängig davon, ob sie eigene Kinder haben oder nicht - sehen in der Elternschaft eine biologische Funktion. Rund zwei Drittel der Befragten finden, dass Kinder dem Leben Sinn geben und die Beziehung mit dem anderen Elternteil «stärken». Dem steht ein deutlich kleinerer Anteil der Antwortenden gegenüber, die in Kindern das «Ende» einer «lebendigen Partnerschaft» und eine «Einschränkung persönlicher Interessen» sehen und sie mit «Ärger und Konflikten» assoziieren.


Das augenfälligste Resultat im Themenbereich «Lebensziele»: Allen Diskussionen über die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zum Trotz herrscht in der Bevölkerung nach wie vor das Gefühl, sich entweder für das eine oder für das andere entscheiden zu müssen. Die Polarität zwischen «Kinder haben» und «beruflicher Erfüllung» scheint unüberbrückbar - vor allem dann, wenn jemandem eines der beiden Ziele besonders am Herzen liegt.

Werden verschiedene Daten aus dem Monitor kumuliert, lässt sich denn auch eine Spaltung der Gesellschaft erkennen. Die erste Gruppe umfasst die Familien, sprich Eltern mit abhängigen Kindern, bei denen eher die Gemeinschaft im Vordergrund steht. Die zweite Gruppe besteht aus Singles, Kinderlosen und Eltern mit erwachsenen Kindern, die vor allem ihre persönlichen Interessen verfolgen.

Was bedeuten diese Befunde nun für die Gesellschaft? Sicher ist, dass die Polarität zu Spannungen und schliesslich zu Verteilkämpfen unter den Gruppen führt. Zu sehen ist dies bei politischen Debatten, in denen es um finanzielle Entlastungen der einen oder der anderen Gruppe geht, wie etwa bei der Frage der steuerlichen Behandlung von Familien auf der einen und kinderlosen Paaren auf der anderen Seite.

Doch auch innerhalb der Gruppe, die familienorientiert lebt, unterscheiden sich die Familien in ihrem Alltag: Nach wie vor wählt zwar ein Teil das «klassische» Modell. Mutter und Vater sind verheiratet, er ist der Alleinernährer, und sie kümmert sich um Kind und Haushalt. Doch dies ist immer weniger der Fall. Immer mehr entscheiden sich für die «moderne» Variante, bei der beide Elternteile berufstätig bleiben. Neben den Niederlanden hat die Schweiz mit 59 Prozent den höchsten Anteil von erwerbstätigen Frauen in Europa, die in einem Teilzeitpensum arbeiten, wie das Bundesamt für Statistik Anfang dieses Jahres mitteilte. Auch gibt es mehr Patchworkfamilien als noch vor 30 Jahren: Laut dem Familienmonitor haben heute 15 Prozent der Kinder Stiefgeschwister.

Doch egal, für welches Modell sich diese Familienmenschen entscheiden - generell gilt: In der Schweiz sitzen immer weniger Kinder am Esstisch. Ein Drittel der finanziell abhängigen Kinder wächst laut Untersuchung heute ohne Geschwister auf. Kein Wunder, bei einer Geburtenrate, die im Jahr 2006 bei 1,44 lag. Ohne die Ausländerinnen (1,86) würde sie sogar nur bei 1,3 Kindern pro Frau liegen. Auch wenn in den letzten beiden Jahren wieder mehr Geburten verzeichnet wurden: Die Resultate lassen kein Indiz für eine nachhaltige Trendwende erkennen. Unter den befragten kinderlosen Erwachsenen befinden sich 37 Prozent, die gar nie einen Kinderwunsch hatten und auch jetzt nicht haben.

Die Schweiz ist nicht Skandinavien

Dies ist jedoch kein typisch schweizerisches Phänomen. In Deutschland etwa präsentiert sich die Lage ähnlich. Weiter im Norden Europas aber steigt die Geburtenziffer. In Island etwa liegt sie bei 2,1, ähnliche Zahlen zeigen sich in Schweden oder Dänemark, wo die Vereinbarkeit von Beruf und Familie eine Selbstverständlichkeit ist und wo der Staat entsprechende Rahmenbedingungen wie ausserfamiliäre Betreuungsangebote geschaffen hat.

Natürlich ist die Schweiz nicht Skandinavien. Ein markanter Unterschied zeigt sich schon in den Ansichten darüber, was die Aufgaben des Staates sein sollen. Seit je wird hierzulande die Familie in erster Linie als Privatsache angesehen, in die sich der Staat, wenn überhaupt, erst in zweiter Linie einzumischen hat.

Am deutlichsten ist dies in der Untersuchung beim Thema «ausserfamiliäre Kinderbetreuung» zu erkennen: 72 Prozent der Eltern mit abhängigen Kindern unter zwölf Jahren nehmen private kostenlose Unterstützung etwa durch die eigenen Eltern, Verwandte, Nachbarn oder Freunde in Anspruch. Aber nur gerade mal 13 Prozent nutzen öffentliche kostenpflichtige Betreuungsangebote. Bei der näheren Analyse zeigt sich auch, wer davon Gebrauch macht. Es sind einerseits die unteren Einkommensklassen (bis 5000 Franken pro Monat) und anderseits die oberen (ab 7000 Franken pro Monat). Die Gruppe dazwischen findet zu 97 Prozent private Wege, die Kinder betreuen zu lassen.

Zur Bestandsaufnahme des aktuellen Zustands der Familie, wie sie der Beobachter-Monitor liefert, gehört auch ein Punkt, der bisher ein Tabu war. Die Befragten liessen nämlich auch einen Blick hinter die Fassade zu, hinter eine Fassade, die stets auch dem Schutz der Privatsphäre galt. Als regelrechte «Enttabuisierung» bezeichnet denn auch Studienverfasser Claude Longchamp die Tatsache, in welchem Ausmass die befragten Eltern bereit waren, über ihre Sorgen zu reden - 45 Prozent sagten, sie kämen bei der Kindererziehung «sehr oft», «oft» oder «manchmal» an ihre Grenzen. Bei weiteren 22 Prozent war dies immerhin noch «selten» der Fall. «Mich überrascht diese Ehrlichkeit. Früher wäre es undenkbar gewesen, dass zwei Drittel der Eltern zugeben, Probleme mit ihren Kindern zu haben», sagt Longchamp.

Veröffentlicht am 11. April 2008