Der zehnjährige Kevin starrt seine Mutter entsetzt an: «Was hast du gemacht?» – «Ich habe die alten Kleider aus deinem Schrank entsorgt», wiederholt sie leicht genervt. «Das sind meine Kleider!», hört sie ihren Sohn gerade noch sagen, bevor er die Zimmertür zuknallt und zu heulen beginnt.

Die Wut auf die Mutter hat nicht nur mit Kleidern zu tun. Was Kevin mehr beschäftigt, ist die Ohnmacht, die Demütigung, dass die Mutter sich über seinen Kleiderschrank hermacht und über etwas entscheidet, was allein seine Sache ist.

Diese Erfahrung wird noch lange zwischen Mutter und Sohn stehen. Oft seien sich Eltern nicht bewusst, wie wenig es brauche, um die Kinder zu irritieren und zu verletzen, sagt die Psychologin Marie-Anne Rahel. Kinder spürten schon früh, ob sie von den Erwachsenen ernst genommen werden oder nicht. «Ein Kind kann seine Eltern aber nicht austauschen. Sie sind die primären Bezugspersonen mit grossem Einfluss auf die Persönlichkeitsbildung.» Respektiert man den persönlichen Bereich der Kinder, dann lernen sie, selbstständig zu agieren, und erfahren, was es heisst, eine eigene Meinung zu vertreten. Je älter sie werden, desto stärker wird das Bedürfnis nach Eigenständigkeit.

Wie reagieren Eltern optimal auf dieses Bedürfnis? «Indem sie lernen, ein Kind zu ‹lesen›», sagt Kinderarzt und Buchautor Remo Largo. Statt es zu zwingen, jedem die Hand zu geben und sich von der Tante küssen zu lassen, beobachten sie ihr Kind und wollen herausfinden, was es braucht und wo seine Rückzugsgebiete liegen. Auf diese Weise bringen sie dem Kind schrittweise bei, sich selbst zu vertreten.

Mit der Pubertät kommt es dann allerdings zu einem Bruch: Alles wird in Frage gestellt, und die Jugendlichen suchen bewusst die Auseinandersetzung mit den Erwachsenen. So paradox es tönt: Jetzt sind die Eltern besonders wichtig. «Sie haben als einzige Erwachsene den langen Atem, um dem Kind das Gefühl zu geben: ‹Du bist okay›», sagt Marie-Anne Rahel.

Niemals im PC der Kinder schnüffeln
Die besondere Bedeutung der Eltern birgt aber Risiken: Wer die Privatsphäre verletzt, indem er die Post der Jugendlichen liest, in deren Computer schnüffelt oder Freunde ausfragt, schafft Verunsicherung und Misstrauen. Rahel: «Solche Kinder leben in ständiger Alarmbereitschaft und nehmen diese in andere Beziehungen mit – indem sie zum Beispiel lernen, die eigenen Bedürfnisse zu unterdrücken und sich anzupassen.» Möglich sei aber auch das andere Extrem: die totale Opposition, die Verweigerung von Kooperation, der Griff zu Drogen. «Das Respektieren der Privatsphäre ist also auch ein Beitrag zur Suchtprävention», folgert Marie-Anne Rahel.

Doch was verstehen Kinder unter Privatsphäre? «Dass sich Erwachsene nicht in mein Leben einmischen», sagt die 13-jährige Zoë. «Mir nachspionieren, mein Tagebuch lesen oder mit dem Lehrer reden, ohne mich zu informieren», wäre für sie «das Letzte». Was sie auch ziemlich schlimm findet: «Wenn meine Eltern mich vor Freunden tätscheln und küssen.» Ihre 16-jährige Schwester versteht unter Privatsphäre «meine eigene Welt». Schlimm fände sie es, wenn die Eltern einfach ins Zimmer platzten oder ungefragt Dinge für sie erledigten.

Im Alltag vieler Familien geschieht dies laufend. «Manche Eltern meinen, sie hätten eine naturgegebene Macht über ihr Kind», sagt Marie-Anne Rahel. Andere haben Angst um die Sprösslinge, verfügen über zu wenig Gespür für dessen Bedürfnisse und Fähigkeiten.

Oder sie benutzen die Kontrolle, um das Abgrenzungsverhalten ihrer Kinder zu unterlaufen. Dabei ist Abgrenzung nichts anderes als der Versuch, die Selbstständigkeit und gleichzeitig die Belastbarkeit der Elternbeziehung zu testen.

Wichtig sind gute Abmachungen
«Gelingt es den Eltern in dieser Situation, ruhig zu bleiben und trotz dem vielen Ärger die Individualität des Kindes zu respektieren, werden die meisten Jugendlichen kooperativ sein», sagt Rahel. Besonders wichtig dabei sei, «mit den Kindern Abmachungen zu treffen, in denen es keine Verlierer gibt».