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FamilienlebenEndlich Zeit. Was nun?

Die Kinder sind erwachsen und gehen ihren eigenen Weg. Die berufliche Laufbahn ist abgeschlossen. Was bedeutet das für den Beziehungsalltag? Drei Paare geben Einblick.

«Mehr Zeit mit den Enkeln verbringen»

Kurt, 63, und Heidi Zobrist, 61, sind beide berufstätig, seit 38 Jahren verheiratet, haben eine Tochter, 36, einen Sohn, 34, und fünf Enkel.

Sie: Weil ich trotz meiner Kinder berufstätig war, fiel es mir leicht, sie gehen zu lassen. Ein bisschen Wehmut kam zwar auf, als das zweite Kind vor zehn Jahren das Haus verliess. Vor allem die lebhaften Gespräche am Esstisch fehlten mir in der ersten Zeit. Gleichzeitig habe ich mich darüber gefreut, mehr Zeit mit meinem Mann zu verbringen. Seitdem die Kinder ausgezogen sind, sind wir uns noch näher gekommen. Als der erste Enkel geboren wurde, war das ein bewegender Augenblick. Erinnerungen an die Zeit, als die Kinder noch klein waren, wurden wach. Daraufhin haben mein Mann und ich die alten Babyfotos hervorgeholt. Manchmal denke ich, es wäre schön, mehr Zeit für die Enkel zu haben. Aber ich würde nie nur Grossmutter sein wollen. Ich habe mich an meine Unabhängigkeit gewöhnt und will mich nicht fest verpflichten. Am Wochenende gehen mein Mann und ich oft ins Bündnerland wandern. Wenn ich pensioniert bin, habe ich hoffentlich wieder Zeit für das Töpfern, ein Hobby, das in den letzten Jahren zu kurz kam.19-06-familienleben01.jpgEr: Als das zweite Kind aus dem Haus ging, war das auch eine Erleichterung, weil ich die Verantwortung, die ich als Ernährer hatte, abgeben konnte. Es wurde nicht still im Haus, da die Kinder nie der einzige Gesprächsstoff waren. Wir unternehmen noch mehr miteinander, seit wir vor fünf Jahren den Fernseher entsorgt haben. Wenn ich allein sein möchte, verziehe ich mich in mein Gärtchen oder setze mich auf meinen neuen Roller. Ich habe nicht darauf gewartet, Enkelkinder zu haben. Gefreut habe ich mich trotzdem riesig. Es ist ein wunderbares Gefühl, die Enkel zu verwöhnen - und sie dann wieder abgeben zu können. Es geht ganz schön an die Substanz, Kinder zu hüten. Ich brauche mehr Erholung als früher. Wenn ich pensioniert bin, möchte ich mehr Zeit mit den Enkeln verbringen.


«Momente zu zweit halten unsere Partnerschaft am Leben»

Bettina, 58, und Ruedi Berthold, 71, sind seit sieben Jahren verheiratet. Beide sind pensioniert und kümmern sich um Bettina Bertholds pflegebedürftige Mutter, 87.

Sie: Vor fünf Jahren zog meine Mutter in unser neues Zweifamilienhaus, wo sie ihre eigene Wohnung hat. Damals ging es ihr gesundheitlich gut. Vor zwei Jahren begann sich ihr Zustand zu verschlechtern. Sie ist fast blind und hat Herzprobleme. Sie kann nicht mehr für sich kochen oder alleine aus dem Haus gehen.

Unser Tagesablauf ist durchorganisiert. Frühstück, Medikamente, Einkaufen, Spaziergang. Abends setzt sich meine Mutter bei uns vor den Fernseher, denn alleine kommt sie mit der Fernbedienung nicht mehr zurecht. Um neun Uhr bringe ich sie ins Bett. Erst dann beginnt unser Feierabend. Die Zeiten, die wir nur für uns alleine haben, sind selten und kommen uns vor wie kleine Ewigkeiten. Diese Momente erhalten unsere Partnerschaft am Leben. Liegen solche Augenblicke zu weit auseinander, entstehen auch mal Spannungen.

Am Anfang hatte ich Mühe damit, dass meine Mutter plötzlich meine Hilfe braucht und nicht umgekehrt. Wenn man ein Kind hat, wird es von Tag zu Tag selbstständiger. Bei pflegebedürftigen alten Menschen ist es umgekehrt. Die Entscheidung, meine Mutter nicht in ein Pflegeheim zu geben, halte ich immer noch für richtig. Sie hängt an ihren eigenen vier Wänden, an all ihren Sachen. In ihrem Leben hat sie viel geschrieben, gesammelt und gelesen. Ins Pflegeheim könnte sie längst nicht alles mitnehmen.

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Er: Für mich ist es selbstverständlich, meiner Schwiegermutter zu helfen. Zweimal in der Woche kommt die Spitex am Morgen, um uns zu entlasten. Meine Schwiegermutter wollte anfänglich nicht, dass die Spitex kommt. Es war ihr nicht bewusst, dass ich auch ab und zu eine Pause brauche. Einmal pro Jahr geht sie für drei Wochen in Kur. Meine Frau und ich geniessen jede Minute, die wir nur für uns haben. Wir arbeiten gerne im Garten, schauen, ob unsere Vögel schon genistet haben, oder essen spät in der Nacht eine Glace auf dem Sitzplatz. Für den Herbst haben wir eine kleine Reise geplant: eine Kreuzfahrt auf der Mosel. Die Mutter bringen wir dann für drei Tage ins Kurhaus.


«Wir waren nie Glucken-Eltern»

Alfred, 63, und Rosmarie Hidber, 60, sind seit 38 Jahren verheiratet, haben zwei Söhne, 36 und 34, und eine Tochter, 20.

Sie: Als ich 40 wurde, wollte ich wieder in meinen Beruf als SBB-Schalterangestellte einsteigen. Doch daraus wurde nichts, weil ich überraschend nochmals Mutter wurde. Trotzdem hatte ich nie das Gefühl, mir falle die Decke auf den Kopf. Das liegt unter anderem daran, dass ich für unsere Gemeinde viel ehrenamtliche Arbeit geleistet habe. Da wir über einen langen Zeitraum Kinder im Haus hatten, fiel es mir nicht schwer, meine jüngste Tochter loszulassen, als sie vor einem Jahr auszog. Wir haben immer darauf geachtet, unseren Nachwuchs nicht an uns zu binden. Als junge Frau hatte ich eine kranke Mutter, die mir ständig das Gefühl gab, ich müsste bei ihr bleiben. So etwas wollte ich meinen Kindern ersparen.

Seit Anfang Jahr ist mein Mann pensioniert. Seitdem machen wir unter der Woche manchmal spontan einen Tagesausflug. Ich hatte nie Angst, dass mein Mann mir hinterherdackeln würde. Er kann sich sehr gut selbst beschäftigen. Seit 28 Jahren jasse ich jeden Dienstagnachmittag mit denselben drei Frauen. Jeden Fünfer, den ich habe, spare ich für meine Reisekasse. Im Mai war ich mit einigen Frauen in Istrien, im August mit meinem Mann in Norwegen.

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Er: Wir haben unsere Kinder stets zur Selbstständigkeit erzogen, waren nie Glucken-Eltern. Die Gefahr, dass meine Frau und ich nach dem Auszug der Kinder in ein Loch fallen würden, bestand nie. Kurz nachdem die Jüngste das Haus verlassen hatte, wurde ich pensioniert. Für mich ein befreiendes Ereignis. Meine einzige Sorge war, ob meine Frau mir dreinreden würde, wenn ich mich an den Herd stelle - das Kochen ist unser einziger Konfliktstoff. Wir streiten sonst selten.

Nach dem Auszug der Kinder haben wir alle Zimmer in Beschlag genommen. Ich war in der Archäologie tätig und arbeite auch seit der Pensionierung ein paar Stunden pro Woche an Projekten.

Meine Frau und ich machen gerne Velotouren und Ausflüge. Wir kleben jedoch nicht die ganze Zeit aneinander. Nicht die mangelnde Nähe schafft in Partnerschaften Probleme, sondern die mangelnde Distanz. Das haben wir uns hinter die Ohren geschrieben.

Veröffentlicht am 08. September 2006