Beobachter: Herr Bundesrat Couchepin, warum sind dem Staat Strassen wichtiger als Familien?
Pascal Couchepin: Die Strassen sind dem Staat doch nicht wichtiger.

Beobachter: Warum gibt es dann ein Bundesamt für Strassen, aber keines für Familien?
Couchepin: Die Familienpolitik ist gemäss Verfassung Sache der Kantone. Doch zunehmend kümmert sich auch der Bund darum. Mittlerweile haben wir in der Schweiz einheitliche Kinderzulagen und die Mutterschaftsversicherung. Mein Departement verfasste 2004 zudem einen Bericht über den Zustand der Familien in der Schweiz und machte Vorschläge.

Beobachter: Was ist eigentlich aus der Konferenz der kantonalen Familiendirektoren geworden, die Sie 2004 ankündigten?
Couchepin: Die gibt es jetzt, faktisch ist das die Konferenz der Sozialdirektoren, die sich vermehrt um Familienthemen kümmert. Mehrere meiner Vorschläge sind in Angriff genommen worden: Blockzeiten, Betreuungsgutscheine für die Krippen und die frühere Einschulung. Das wird jetzt von Gemeinden und Kantonen umgesetzt.

Beobachter: Wogegen es viel Widerstand gibt, vor allem von der SVP.
Couchepin: Ich bin nicht verantwortlich für den Widerstand der SVP gegen die Familienpolitik. Ich nehme das zwar ernst. Das Projekt Harmos (Anm. d. Red.: Harmonisierung der Volksschule, Früheinschulung ist ein Teil davon) ist ein Projekt aller Kantone. Um in Kraft zu treten, muss es von zehn Kantonen unterschrieben werden.

Beobachter: Viele Eltern wollen das nicht, klagen, der Staat nehme ihnen die Kinder schon mit vier Jahren weg. Das sei zu früh.
Couchepin: Erst Ende des vierten Jahres! Es ist wie im 19. Jahrhundert, da gab es auch Leute, die Angst vor der obligatorischen Volksschule hatten.

Beobachter: Die Kritik lautet doch auch: Jetzt muss die Schule auch noch die Kleinkinder erziehen.
Couchepin: Das ist falsch. Die Erziehung ist und bleibt Sache der Eltern - wahrscheinlich in noch grösserem Ausmass als früher. Wenn man aber glaubt, die Kinder künstlich vor den Gefahren des Lebens schützen zu können, indem man sie zu Hause lässt, dann endet das in einer Katastrophe.

Beobachter: Ist Erziehung heute anspruchsvoller als früher?
Couchepin: Ja, weil viele Beziehungsnetze verschwunden sind. Nehmen Sie die Kirche. Als ich im Wallis aufwuchs, gab es immer Priester oder Nonnen, mit denen man sprechen konnte. Aber auch die Nachbarn. Das alles verschwindet. Ich bedaure das nicht, die Gesellschaft entwickelt sich und bringt auch viel Positives. Nostalgie wäre fehl am Platz.

Beobachter: In Ihrem Buch «Ich glaube an die Politik» erzählen Sie von der 120-köpfigen Grossfamilie Couchepin. Sogar bei den Couchepins sei die Solidarität in den letzten 20 Jahren geschwunden.
Couchepin: Es ist wahr, es gibt eine Individualisierung. Aber verbunden mit mehr Freiheit für den Einzelnen, denn die Grossfamilie war ja auch autoritär. Aber sie hatte für mich auch viel Positives, ich fand immer jemanden, mit dem ich sprechen konnte. Ich erinnere mich, da war ich 15, ein Rebell, wie man das in diesem Alter üblicherweise ist. Über Wochen besuchte ich sonntags nachmittags meine 70-jährige, ledige Grosstante. Sie war glücklich, mich zu sehen, hörte nur zu, ab und zu gab sie mir ein Biscuit. Ich jedenfalls ging immer ruhiger nach Hause, als ich gekommen war. Das war phantastisch. So was ist heute viel seltener.

Beobachter: Wird heute Erziehung nicht langsam ausgelagert an Krippen und Schulen und so an den Staat delegiert?
Couchepin: Es stimmt, der Staat greift hier sicher stärker ein als früher. Gerade deshalb wird die Kernfamilie noch wichtiger als früher.

Beobachter: Hören wir richtig: Sie befürworten, dass sich der Staat hier in Familienangelegenheiten mischt?
Couchepin: Ja, ich bin pragmatisch.

Beobachter: Unsere Umfrage deutet auf eine grosse Sehnsucht nach Familie hin. Überrascht Sie das?
Couchepin: Nein. Familien sind wichtig für die Stabilität der Gesellschaft.

Beobachter: Im erwähnten Buch sagen Sie, der starke Geburtenrückgang beunruhige Sie. Könnten Sie das erläutern?
Couchepin: Sobald eine Gesellschaft reicher wird, macht sie weniger Kinder. Das geht sehr schnell, fast mechanisch. Wir sind mit den USA der reichste Teil der Welt. Der Teil, wo man genügend Mittel hätte, um Kindern eine schöne Zukunft zu geben. Und genau in diesem Teil ist man unfähig, den Geburtenrückgang zu bremsen. Wir können nur hoffen, dass die Geburten wieder zunehmen. Sonst braucht es mehr Einwanderer, was wieder andere Schwierigkeiten mit sich bringt.

Beobachter: Und wieso haben wir so wenig Kinder?
Die Rahmenbedingungen...
Couchepin: Ja, die Rahmenbedingungen. Was mich immer wieder erstaunt, ist die negative Haltung der Schweizer gegenüber Kindern. Gehen Sie in Italien oder in Amerika mit Kindern in ein Restaurant! Das ist ein Fest. Die Leute sind zufrieden, lachen, sind glücklich. Bei uns wird das fast als Zumutung empfunden, und man muss aufpassen, dass die Kinder keinen Lärm machen und dass sie die andern Gäste nicht stören.

Beobachter: Sprechen Sie jetzt aus eigener Erfahrung als Vater von drei Kindern?
Couchepin: Ja natürlich. In Italien oder Amerika spielen die Leute mit den Kindern, rufen: «Oh, wie schön!» Hier heisst die Devise: Kinder sollen die Gesellschaft nicht stören. Aber es liegt nun mal in der Natur von Kindern, dass sie stören - und das ist gut so. Nur eine sterbende Gesellschaft möchte in Ruhe gelassen werden. Wussten Sie, dass die Mailänder, als Verdi in einem Hotel in Mailand starb, Stroh aufs Pflaster streuen liessen, damit er in Ruhe sterben konnte? Manchmal habe ich den Eindruck, die Schweiz ist auf dem Weg dorthin: Sie möchte Stroh, damit sie in Ruhe sterben kann. Dabei brauchen wir mehr gesunde Störung durch Kinder und Jugendliche.

Beobachter: Wären Sie ein anderer Mensch, wenn Sie keine Kinder hätten?
Couchepin: Ich wäre sicher weniger tolerant. Und mein Glaube an die Zukunft wäre wohl kleiner. Meine zwei kleinen Enkel stören mich ab und zu, wenn meine Frau sie hütet. Ich mag das, diese Störungen.

Grossvater Pascal Couchepin steht auf und holt ein Foto seiner 16 Monate alten Enkelin, das er zu seinem 66. Geburtstag zwei Tage vor dem Interview zugesandt erhielt. Stolz fragt er: «Nicht schlecht, finden Sie nicht?»

Beobachter: Neben «gesunden» gibt es auch negative Störungen von Jugendlichen, was in den Medien als Jugendgewalt bezeichnet wird. Finden Sie das übertrieben?
Couchepin: Man muss immer aufmerksam sein. Aber insgesamt treffe ich offene junge Leute. Einige sind aggressiver, aber oft in einem positiven Sinn. Viele grüssen. In einer Gruppe sind sie frecher, wie wir das früher auch waren. Ich war ja auch ein Rebell, allerdings eher ein Einzelgänger. Jugendliche müssen das ausleben, Grenzen ausloten können.

Beobachter: Waren Sie ein strenger Vater?
Couchepin: Die Kinder sagen mir, ich hätte sie positiv beeinflusst in Kulturfragen. Wir unternahmen viele Reisen zusammen, jeweils eine Mischung von Schwimmbad und Ruinen besuchen. Eine Tochter sagte mir, ich hätte ihr zwei-, dreimal die Geschichte von Ödipus erzählt, aber jedes Mal habe sie die Geschichte anders wahrgenommen, sie war ja inzwischen älter geworden. Das war mein Einfluss, auf den ich stolz bin. Die tägliche Erziehung hat bei uns vor allem meine Frau übernommen.

Beobachter: Sie führen ein anstrengendes Politikerleben. Verbrachten Sie genügend Zeit mit Ihren Kindern?
Couchepin: Erziehung ist nicht nur eine Frage der Zeit, sondern auch der Intensität und der Ehrlichkeit. Wenn die Kinder sehen, dass die Eltern es anders machen, als sie predigen, dann hat man verloren. Ehrlichkeit gegenüber den Kindern ist zentral.

Beobachter: In Ihrer Generation waren die Rollen meist klar verteilt: Der Mann arbeitete, die Frau erzog und machte die Hausarbeit. Heute teilen sich viele Paare beides, was es nicht einfacher macht. Wie sehen Sie das?
Couchepin: Dieses Modell bringt mehr Offenheit in der Erziehung. Beide können ihre Ideale einbringen, was natürlich auch Konfliktpotential mit sich bringt. Ich habe nie behauptet, Erziehung sei eine leichte Übung. Aber wenn eine junge Frau eine gute Ausbildung hat, können Sie nicht verlangen, dass sie zu Hause bleiben muss.

Beobachter: Wieso haben gerade Akademikerinnen keine Kinder mehr? Bevorzugen sie die Karriere?
Couchepin: Wahrscheinlich. Aber mit 60 bereuen sie es oft.


Beobachter: Was macht Sie da so sicher?
Couchepin: Ich kenne Beispiele. Nicht dass sie frustriert wären, aber viele sagen, wenn sie nochmals wählen könnten, würden sie eine Familie gründen.

Beobachter: Interessant, dass Sie sagen: mit 60. Die Ernte der Elternschaft, das Kinderglück, wird also erst im Alter eingefahren?
Couchepin: Da müssen Sie keine teure Studie machen, um das herauszufinden. Wenn man mit 60 eine Bilanz des Lebens macht, fragt man sich: Was bleibt? Was nützen einem Reichen 100 Millionen? Klar, es ist besser, als arm zu sein.

Beobachter: Es bleibt zum Beispiel der Ruhm, Bundesrat gewesen zu sein?
Couchepin: Der ist nicht schlecht, aber er erfüllt einen nicht. Das (er zeigt nochmals das Foto seiner Enkelin) macht einen reich. Und man weiss, wofür man kämpft.

Beobachter: Ist das geringe Prestige von Hausarbeit und Erziehung nicht auch ein Problem?
Couchepin: Nur wenn man sich zurückzieht und klagt: «Ich bin ein Opfer der Gesellschaft, tue das nur für die Kinder.» Aber man kann ja auch Verantwortung übernehmen in der Gemeinde oder in einer gemeinnützigen Institution, dann wird man bestimmt nicht belächelt.

Beobachter: Wieso redet man in der Schweiz im Zusammenhang mit Kindern und Familie so oft über das Geld?
Couchepin: Wir sind eine reiche Gesellschaft. Lesen Sie Tocqueville. Gleichheit, «égalité»! Alle haben den Eindruck, wenn sie weniger als der Nachbar haben, dann seien sie benachteiligt. Natürlich gibt es materielle Probleme. So haben jüngere Familien grössere Geldprobleme als andere.

Beobachter: Soll man deshalb Familien mit Kindern steuerlich entlasten, nachdem man nun die Unternehmer entlastet hat?
Couchepin: Ja, es braucht auch Steuervergünstigungen für Familien mit Kindern. Aber das Problem ist viel tiefgreifender, schauen Sie beispielsweise auf das Problem der Pensionskasse. Soll man, wie das heute der Fall ist, noch länger die ältere Generation zulasten der Jungen privilegieren? Die ältere Generation ist erstens reicher und profitiert zweitens vom Opfer der Jungen. Man sollte den Umwandlungssatz rascher reduzieren, damit die Jungen entlastet werden. Davon hätten auch die jungen Eltern etwas. Ausserdem gibt es ja bereits die Kinderzulagen.

Beobachter: Die knapp für die Windelration reichen...
Couchepin: Immerhin. Ferner soll man Krippenplätze fördern. Frühere Einschulung, Betreuungsgutscheine, es gibt eine ganze Palette von wichtigen Massnahmen. Die Anreize sollten in diesem Bereich nicht primär über die Steuern laufen.

Beobachter: Finden Sie, die Leistungen der Familien werden genügend anerkannt?
Couchepin: Da ist wieder dieses Wort, das ich in diesem Zusammenhang nicht mag. Leistung! Als ob man alles mit Geld abgelten könnte.

Beobachter: Immerhin leisten Familien 34 Millionen Pflegestunden pro Jahr. Müsste man so etwas nicht entschädigen?
Couchepin: Nein!

Beobachter: Oder andere Formen von...?
Couchepin: Nein! Die Gesellschaft soll über Freude an den Kindern die Anerkennung geben. Ich persönlich tue das, wenn ich eine Mutter mit ihren Kindern sehe. Wenn ich Zeit habe, grüsse ich, gratuliere und schwatze ein wenig.

Beobachter: Sie befürworten Krippen. Aber wieso soll eine Mutter arbeiten, wenn das ganze zusätzliche Geld für Krippen wieder draufgeht?
Couchepin: Noch haben wir nicht genügend Krippenplätze. Das hat erste Priorität.

Beobachter: Befürworten Sie auch subventionierte Krippenplätze?
Couchepin: Natürlich soll nicht der ganze zusätzliche Lohn für die Krippe draufgehen. Aber wahrscheinlich ist das nicht der Fall.

Beobachter: Soll der Staat garantieren, dass kein Kind in Armut aufwächst?
Couchepin: Als ich noch Gemeindepräsident von Martigny war, pflegte ich dem Sozialdienst zu sagen: «Seien Sie hart mit den Erwachsenen. Aber Kinder sollen nicht in Armut aufwachsen müssen. Wenn es um Kinder geht, seien Sie offen und grossherzig.» Und das ist bis heute meine Grundphilosophie.

Beobachter: Ihr Vater starb, als Ihre Mutter 40 war. Sie war alleinerziehende Mutter von vier Kindern. Haben Sie Ihre Mutter je jammern gehört?
Couchepin: Nein. Dazu muss ich sagen: Das war damals gar nicht so selten. Wir kauften halt keine neuen Kleider und trugen die Mäntel der Cousins.

Beobachter: Jammern die Eltern von heute zu rasch?
Couchepin: Die Eltern jammern gar nicht. Es gibt viele gesunde Geister in der Schweiz.

Beobachter: Sind Sie eigentlich ein Feminist?
Couchepin: Na klar. Ich habe zwei Töchter.

Beobachter: Wir fragen, weil Ihr Departement in der Bundesverwaltung am meisten Frauen in Kaderpositionen beschäftigt.
Couchepin: Frau Dreifuss hat da auch ziemlich viel gemacht. Aber ich habe den Standard gehalten.

Beobachter: Sind Sie zufrieden mit der Erziehung Ihrer Kinder?
Couchepin: Ich unternahm einmal eine Reise mit meinen Kindern nach Athen, sie waren so um die 15 Jahre alt. Wenn die Kinder damals den Besuch des Schwimmbads der Akropolis vorgezogen hätten, hätte ich das Gefühl gehabt, in der Erziehung versagt zu haben. Es ist zum Glück nicht passiert. Noch heute mache ich Kulturreisen mit meinen Kindern, so waren wir mit ihren Partnern über Ostern in Rom.

Beobachter: Was raten Sie einem jungen Paar, das sich in der Frage des Nachwuchses noch nicht einig ist?
Couchepin: Wenn Sie an das Leben glauben, machen Sie Kinder.