Das dreiseitige Schreiben des Teilungsamts der Stadt Luzern traf Erika Hungerbühler wie ein Schlag. Schon beim Lesen des ersten Satzes begann sie zu zittern: «Im Erbschaftsfall Ihres leiblichen Vaters Georg Flückiger gehören Sie zu den gesetzlichen Erben.» Die nach altem Recht Adoptierte hat an ihren Erzeuger keinerlei Erinnerung und wollte dessen Personalien bewusst nie in Erfahrung bringen.

Weiter entnahm sie der amtlichen Mitteilung, er sei am 31. Dezember letzten Jahres gestorben. Die heute 38-jährige Mutter einer eineinhalbjährigen Tochter war so aufgewühlt, dass sie ihren Mann bitten musste, ihr den Brief weiter vorzulesen.

Die dicke Post folgte auf der zweiten Seite: Das Teilungsamt legte ein detailliertes Erbenverzeichnis bei. Daraus geht hervor, dass Georg Flückiger neben einem Schuldenberg vier Ehefrauen und fünf weitere Kinder hinterlässt.

«Das Schreiben war ein Schock»


Erika Hungerbühler und ihre ein Jahr jüngere Schwester aus erster Ehe fanden zusammen bei Adoptiveltern in der Ostschweiz ein fürsorgliches Zuhause. «Aus Dankbarkeit und Liebe meinen Adoptiveltern gegenüber hatte ich nie das Bedürfnis, nach meinen eigentlichen Wurzeln zu forschen», sagt Erika Hungerbühler. Sie wollte ihr Leben ausserdem nicht unnötig mit einer familiären Hypothek belasten. Jetzt befindet sie sich unvermittelt von Amts wegen in einem Wechselbad der Gefühle: Das detaillierte Erbenverzeichnis bringt fünf Halbgeschwister und neben der ihr unbekannten leiblichen Mutter drei Stiefmütter an den Tag.

«Das Schreiben war für mich ein Schock», sagt Erika Hungerbühler. Sie hätte vom Teilungsamt ein sensibleres Vorgehen erwartet, zumal man nicht davon ausgehen könne, dass alle Adoptierten über ihre eigentliche Herkunft Bescheid wissen. Die amtliche Empfehlung, die Erbschaft auszuschlagen, wie es die Witwe bereits getan habe, hätte ihr als Argument
für die eigene Ausschlagungserklärung genügt. «Jetzt habe ich schwarz auf weiss die Namen und teils Adressen der Ehefrauen und Kinder meines leiblichen Vaters, und sie alle kennen jetzt auch meine Personalien», sagt Hungerbühler.

Laut Monika Krummenacher vom Teilungsamt Luzern entspricht diese Vorgehensweise der Praxis im Rahmen des gesetzlichen Auftrags: Nachkommen, die altrechtlich durch Dritte adoptiert wurden, behalten ihr Erbrecht gegenüber den leiblichen Eltern, sofern die Adoption nicht nachträglich dem neuen Recht unterstellt worden ist, was bei Erika Hungerbühler nicht der Fall war: «Ich wurde über diese Möglichkeit nicht orientiert.» Für die Erfüllung des gesetzlichen Auftrags, so Adjunktin Krummenacher, sei es «grundsätzlich nicht relevant», ob Adoptierte generell über ihre Herkunft orientiert sind.

Das Todesdatum wirft Fragen auf


Erika Hungerbühler ist zum Schluss gekommen, dass sie keine weiteren Nachforschungen anstellen will. Allerdings ist nicht auszuschliessen, dass sich aufgrund des Erbenverzeichnisses eines Tages ein Nachkomme ihres Vaters bei ihr meldet. Nachdenklich stimmt sie auch der 31. Dezember als Todesdatum: Ist ihr leiblicher Vater angesichts der Schulden Ende Jahr freiwillig aus dem Leben geschieden? War er krank oder Alkoholiker? Und wenn er ein Vermögen hinterlassen hätte und sie direkt mit den Verwandten, mit denen sie nichts zu tun haben will, konfrontiert worden wäre? Erika Hungerbühler gibt sich einen Ruck und sagt: «Nein, ich will es endgültig nicht wissen.»

Quelle: Lukas Unseld