Beobachter: Als Mann der Wirtschaft sind Sie mitverantwortlich für eine steigende Zahl von Bedürftigen, für die Sie als Vizepräsident einer Sozialbehörde Geld sprechen müssen. Wie gehen Sie damit um?
Urs Lauffer: Richtig ist, dass zahlreiche Stellen abgebaut wurden, in denen man früher weniger qualifizierte oder leistungsfähige Menschen beschäftigen konnte. Aber kein Unternehmen baut gedankenlos Stellen ab, sondern um die übrigen Arbeitsplätze langfristig zu erhalten. Schliesslich brauchen wir wettbewerbsfähige Unternehmen, die die soziale Sicherheit über Steuern mitfinanzieren.

Beobachter: Aber wenn die Wirtschaft gerade die Stellen jener Leute abbaut, die kaum mehr Aussicht auf eine andere Anstellung haben, nimmt sie doch ihre soziale Verantwortung nicht wahr!
Lauffer: Die grosse Mehrheit der Unternehmen beschäftigt nach wie vor Menschen, die – aus welchen Gründen auch immer – in ihrem Job nicht das Optimum bringen. Es braucht aber tatsächlich einen neuen Pakt zwischen Wirtschaft und Sozialhilfe. Denn die Sozialhilfe ist endgültig überfordert, wenn es nicht gelingt, mehr Menschen in den Arbeitsprozess zurückzubringen.

Beobachter: Wie soll das gelingen? Reicht es, den Unternehmen gut zuzureden, oder ist auch politischer Druck nötig?
Lauffer: Ich bin überzeugt, dass sich mit intensiven Gesprächen, wie sie jetzt in der Stadt Zürich geführt werden, mehr erreichen lässt als mit Parlamentsdebatten.

Beobachter: Noch aber müssen die Löcher bei der Sozialhilfe von privaten Hilfswerken gestopft werden. Auch diese bekommen den Spardruck der öffentlichen Hand zu spüren. Lauffer: Wann geben Sie als Sozialpolitiker Gegensteuer?
Lauffer: Tatsächlich wäre die soziale Sicherheit ohne private Institutionen weder finanzierbar noch leistungsfähig.

Beobachter: Umso besser müsste man sie doch pflegen!
Lauffer: Ich vertrete schon lange die Ansicht, dass sich jeder Franken, mit dem der Staat solche Institutionen unterstützt oder abgilt, überproportional rechnet. Daher muss man sie wirklich pflegen und ihnen faire Leistungsaufträge erteilen. Fair heisst erstens: Drei- bis Fünfjahresverträge, damit sie nicht jedes Jahr um ihre Beiträge fürchten müssen. Und zweitens: partnerschaftliche Verträge – der Staat soll nicht einfach befehlen, dann kann er es gleich selber machen.

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