Nur auf das Abspielen der Hymnen wird verzichtet, sonst ist alles «wie richtig». Mannschaften und Publikum fiebern dem Anpfiff entgegen. Die Medienleute - zwei Beobachter-Journalisten, ein Fotograf und drei Videofilmerinnen des Teams der Koch-Website waskochen.ch - stehen bereit. Das Stadion: ein schmuckes Kochstudio namens «La Cuisine» in Zürich, ausgerüstet mit vier grossen Kochinseln, den heutigen Spielfeldern.

Auch die Regeln sind geklärt: In der Schweiz lebende Personen, die aus den Ländern der WM-Vorrundengruppe G stammen, sollen ihre «Nati» in einem friedlichen Wettstreit am Kochherd statt auf dem Fussballplatz für die nächste Runde qualifizieren. Schweiss soll, wenn überhaupt, nur der scharfen Gewürze wegen fliessen. Erlaubt ist alles, was schmeckt. Fouls und andere Regelwidrigkeiten sind nicht vorgesehen. Und sogar die Teamgrösse ist variabel.

Sehr variabel sogar: Frankreich, vertreten durch den Sozialpädagogen Laurent Orizet, tritt solo an. Die Schweiz mit dem Euro-08-Verantwortlichen Martin Kallen und Ehefrau Liselotte stellt ein eingespieltes Zweierteam. Für Südkorea ist das Trio Soon-Ae Renggli-Choi, Myong-Suk Kim und Hansjörg Renggli bereit, das Beste zu geben.

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Und Togo? Togo hat gleich eine ganze Fussballmannschaft mitgebracht: elf Personen, von der 13 Monate alten Rufi bis zu Léopold Azangbé, Teamchef und Präsident des togolesischen Freundeskreises in der Schweiz.

Networking am gegnerischen Herd

Frankreich legt gleich nach dem Anpfiff ein horrendes Tempo vor. Laurent Orizets ehrgeiziges Ziel ist eine Bouillabaisse «à ma façon», und so schnipselt der gelernte Koch mit ungeheurem Drang Richtung Pfanne alles, was ihm in die Finger kommt: Zwiebeln, Knoblauch, Tomaten, Stangensellerie und Fenchel verschwinden mitsamt anderthalb Kilogramm Fisch, Weisswein und einem Spritzer Pastis im grossen Topf. Der Fond für die Bouillabaisse ist aufgesetzt, bevor sich die anderen Teams so richtig warm gelaufen haben.

Die Pastis-Flasche in der französischen Platzhälfte verleitet den Schweiz-Südkoreaner Hansjörg Renggli zu einem eleganten Dribbling um Gegner, Fotografen und Videofilmer. Seine Rolle ist am ehesten mit jener eines Teamchefs zu vergleichen: Er ist Coach, Mediensprecher und Networker, auf dem Spielfeld (sprich: am Herd) aber eher selten zu sehen. «In Südkorea kochen die Frauen», sagt er. Und wie: schnell, ohne viel Worte - und mit blossen Händen. Myong-Suk Kim bearbeitet in einer Schüssel fein geschnittene Entrecôte-Streifen für ein Bulgogi. Soon-Ae Renggli-Choi mischt unterdessen die Zutaten für ein Kimchi (eingelegter Chinakohl), das bei keiner südkoreanischen Mahlzeit fehlen darf.

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Auf dem Spielfeld nebenan geht die gut organisierte Schweiz die Sache gelassener an. Die Befürchtung von Liselotte Kallen, den variantenreichen Togolesinnen, den Südkoreanerinnen mit ihrem handfesten Stil und dem tempostarken Franzosen nicht gewachsen zu sein, verleitet sie aus der vermeintlichen Defensive heraus zu Höchstleistungen. Ihr Spiel baut auf einen sorgfältig hergerichteten Apéro mit Salami, Bündnerfleisch, Hobelkäse und Vacherin Mont d’Or. Ganz die effektive Spielmacherin, lanciert sie ihren Gatten Martin mit diskreten Steilpässen: «Fang jetzt mal mit den Kartoffeln für die rohe Rösti an.» Dieser tut wie geheissen. Während sich Martin Kallen mit der Raffel abmüht, gibt er unumwunden zu, dass er am Herd einen gewissen Trainingsrückstand aufweist. Er beruhigt aber gleich wieder: Am vorherigen Sonntag habe er alles probehalber schon einmal gekocht.

Eindeutig sicherer fühlt sich der Uefa-Mann, in dessen Händen die Organisation der Euro 2008 liegt, am Ball. Besser gesagt: beim Fachsimpeln über Fussball. Sieben Punkte werde die Schweiz in der Vorrunde holen, prophezeit er, was Hansjörg Renggli (Südkorea), unterwegs zwischen den vier Herden, als Tiefstapelei betrachtet: «Neun Punkte», lautet seine Prognose - die, würde sie wahr, seinem südkoreanischen Team zwangsläufig eine Niederlage bescheren würde.

«Ihr lauft sowieso ausser Konkurrenz»

Im Wettstreit zwischen Frankreich und Togo hat sich Léopold Azangbé, ebenfalls vorwiegend in coachender Funktion unterwegs, weit in die französische Platzhälfte hineingewagt. Er steht am Herd neben Orizet und kommentiert mit einem Grinsen dessen sorgfältige und rasche Arbeit: «Ah, la bouillabaisse, c’est bon, c’est vite fait.» Der Franzose, der sich seit 75 Minuten allein abrackert, ist um eine Antwort nicht verlegen: «Ihr lauft sowieso ausser Konkurrenz, ihr seid zu viele.»

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Tatsächlich zeichnet sich das Spiel von Togo durch eine fröhliche Lebhaftigkeit aus, vor allem aber durch eine wohl kaum Fifa-konforme Anzahl Auswechslungen. Am Herd der Afrikaner herrscht ein reger Betrieb. Männer kommen und gehen, man lacht und feiert. Wer etwas auf sich hält, trägt einen Togo-Dress. «Allez les éperviers (Hopp Sperber)», heisst es auf jenem von Koudzo Gameda. «Wir Togolesen sind wie Sperber, klein und schnell», erklärt er. «Und wenn man nicht aufpasst, greifen wir zu.»

Fussball verbindet, Essen auch

Bis man zugreifen kann, gibt es einiges zu tun, und auch bei Togo sind die zentralen Figuren auf dem Spielfeld allesamt Frauen. «C’est toujours comme ça chez nous!», lacht Pearl Gameda und rührt in einer Pfanne mit togolesischem Spinat. Kochtaktisch haben sich die Afrikanerinnen auf den Gruppenfavoriten Frankreich ausgerichtet. Eigentlich gehörte zu einem togolesischen Menü ja Fisch, sagt Annie Azangbé, aber angesichts einer Bouillabaisse habe man darauf verzichtet. Während sie erzählt, bereitet sie Wéyi zu, gekochte Bohnen, die mit frittierten Bananen serviert werden. Sohn Noah erzählt unterdessen seiner Mutter seine Erkenntnis des Tages: «Es gibt nichts, was die Menschen so sehr verbindet wie Fussball.» - «Doch», entgegnet die Mutter, «das Essen.»

Und dieses ist, pünktlich auf Mittag, auch tatsächlich fertig. Düfte aus allen Kurven ziehen durch das Kochstadion, man schnappt sich einen Teller und darf endlich probieren - querbeet, Offside gibt es nicht.

Das wäre eigentlich die Stunde der Schiedsrichter, die über Sieg oder Niederlage in der Gruppe G entscheiden müssten. Sie verzichten ob all den kulinarischen Köstlichkeiten etwas ratlos darauf, stellen aber eines fest: Wenn die Mannschaften an der WM in Deutschland so gut spielen, wie die Teams in Zürich kochten, dann entscheidet am Schluss wohl das Los darüber, wer es in die nächste Runde schafft.


Die Rezepte

Zum Nachkochen, die ausführlichen Rezepte:
>> Rezepte aus Togo (PDF-Dokument, 112 kb)
>> Rezepte aus Korea (PDF-Dokument, 114 kb)
>> Rezepte aus Frankreich (PDF-Dokument, 111 kb)
>> Rezept aus der Schweiz (PDF-Dokument, 103 kb)

Zum Nachschauen: Filmaufnahmen der multikulturellen Kochaktion sowie alle dazugehörigen Rezepte gibts im Internet zu sehen, und zwar auf der Koch-Site www.waskochen.ch


Haben Sie eigene interessante Rezepte? Tauschen Sie sie aus auf unserer speziellen Rezept-Seite.

Quelle: Niklaus Spoerri
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