Beobachter: Sie schreiben Geschichten für Kinder. Und Kinder schreiben, wie die Sammlung «Lieber Franz Hohler!» zeigt, auch Geschichten für Sie. Was können Sie von Kindern lernen?
Franz Hohler: Direktheit, Spontaneität und auch Flexibilität gegenüber der Wirklichkeit. Dass die Kinder dabei genauso schwarze und brutale Phantasien entwickeln wie die Erwachsenen, ist für mich kein Alarmzeichen.

Beobachter: Muss das Böse in Kindergeschichten seinen Platz haben?
Hohler: Ja, unbedingt. Kinder fühlen sich von Kriegen und Katastrophen genauso angezogen wie von glücklichen, fröhlichen Ereignissen. Ich persönlich zeichnete als Kind besonders gerne Schlachtaufstellungen mit kämpfenden Kriegern. Das Blut musste in Strömen fliessen. Trotzdem sei ich ein sehr friedliches Kind gewesen, sagen meine Eltern.

Beobachter: Die kindliche Vorliebe für Grausliges deutet also nicht auf eine abnorme Entwicklung hin.
Hohler: Kinder setzen sich wie Erwachsene mit dem gesamten Lebensbereich auseinander, und dazu gehören auch Tabus wie das Fäkale, Anale oder Sexuelle. Das sollte in der Kinderliteratur mitschwingen, finde ich. Mit Kriterien, was die Kinderbuchliteratur soll oder nicht, bin ich vorsichtig.
Beobachter: Was ist in Ihren Augen schlechte Kinderbuchliteratur?
Hohler: Diese Frage der Abgrenzung ist ein Dauerbrenner. In meiner Kindheit nannte man das Schund. Die Figur Globi beispielsweise löste heftige Diskussionen aus. Es gab eine starke Fraktion, die das Schnabelwesen absolut ablehnte.

Beobachter: Weil mit der Figur auch Werbung verbunden war?
Hohler: Nein. Globi ist eine Vogelfigur, die für den Menschen steht. Dieses Menschenbild war umstritten. Mein Bruder und ich liebten Globi über alles. Gewisse Passagen konnten wir auswendig. Aber diejenigen, die zu wissen glaubten, was gut und schlecht ist, sahen in dieser Figur ein negatives Bild. Auch Mickey Mouse war bei der pädagogisch sauberen Fraktion sehr verpönt.

Beobachter: Wie geht man heute mit den Begriffen «gut» und «schlecht» um?
Hohler: Die Diskussion geht heute nahtlos weiter: Sollen sich Kinder einen Horrorfilm wie «The Shining» ansehen? Ich neige eher zu einem Nein. Aber Kinder machen dabei möglicherweise eine Erfahrung, und wenn nur die eine: nie wieder.

Beobachter: Also keine Verbote?
Hohler: Eltern sollen nicht gleichgültig sein und sagen: Lies, was du willst. Aber bei Geschmacksfragen bin ich vorsichtig. Jedenfalls kann ein schlichtes Verbot keinen Prozess in Gang bringen.

Beobachter: Soll man Kinder überhaupt vor gewissen Büchern schützen?
Hohler: Ich finde, Eltern sollten Kinder auf alle Fälle beim Lesen begleiten und darauf achten, welche Art von Lesestoff sie nach Hause bringen. Satanistische oder pornographische Bücher etwa können ein seelisches Bedürfnis oder ein Manko anzeigen. Das wäre dann der Zeitpunkt für eine Diskussion und nicht für ein Verbot.

Beobachter: Fehlt es bei uns an einer Leselobby?
Hohler: Das kann man so nicht sagen. Es gibt sehr viele Aktivitäten in Schulen und Bibliotheken, die Kinder zum Lesen ermuntern. Doch das Publikum ist begrenzt. Das Buch war, glaube ich, immer ein Minderheitenvergnügen.

Beobachter: Und dem kann man nicht abhelfen?
Hohler: Doch, mit guten Büchern. Es ist eine wichtige Aufgabe gerade auch der Schule, den Kindern die Welt der Bücher näherzubringen. Dann entdecken sie plötzlich, dass es ein Vergnügen ist, während ein paar Stunden aus Buchstaben zwischen zwei Buchdeckeln für sich eine Welt zu erschaffen.

Beobachter: Ist Lesen ein Menschenrecht?
Hohler: Ja, ganz klar. Und das zu lesen, was man will, erst recht. Eine Diktatur erkennt man sehr schnell daran, dass Bücher verboten werden - auch solche für Kinder.

Quelle: Christian Altorfer