Beobachter: Ich sehe, Sie sind schwanger.
Irene Kriesi: Ja, mein Erstes.

Beobachter: Werden Sie mit Kind weiterarbeiten?
Kriesi: Ich werde auf 80 Prozent reduzieren. Auch mein Mann hat vor, nur noch vier Tage zu arbeiten. Für die restliche Zeit behelfen wir uns mit Eltern und Krippe.

Beobachter: Ein Berufsausstieg kommt für Sie also nicht in Frage?
Kriesi: Ich bin 37 und habe viel Zeit und Energie in meinen Beruf investiert. Die Arbeit gefällt mir. Die Frage wäre eher, warum ich das aufgeben und nur noch zu Hause bleiben sollte.

Beobachter: Das Buch «Das Eva-Prinzip. Für eine neue Weiblichkeit», in dem die deutsche «Tagesschau»-Moderatorin Eva Herman für die Rückkehr zu den traditionellen Geschlechterrollen plädiert, hat in den Medien heftige Debatten ausgelöst. Warum?
Kriesi: Das Thema verkauft sich gut, weil es alle berührt. Das fixe Rollenverständnis von Mann und Frau gibt es nicht mehr. Das verunsichert viele Leute. Einfache Rezepte, wie Herman sie bietet, sind verlockend.

Beobachter: Haben Sie sich über den Medienwirbel geärgert?
Kriesi: Das Buch von Herman habe ich nicht gelesen, nur die Buchbesprechungen. Sofern diese den Inhalt richtig wiedergegeben haben, kann ich nur sagen: Warum gibt man solch wissenschaftlich völlig unfundiertem Mist so viel Raum?

Beobachter: Frauen, die aus dem Beruf aussteigen und sich mit Hingabe Haushalt und Kind widmen: Was ist neu daran?
Kriesi: Nichts. Und die Aussage ist statistisch auch nicht haltbar. Die Zahl berufstätiger Frauen steigt stetig, auch und vor allem bei gut ausgebildeten Frauen.

Beobachter: Wie freiwillig ist der Rückzug ins Private für Frauen wirklich?
Kriesi: Das Hauptproblem ist, dass sich der Partner kaum an der Kinderbetreuung beteiligt. 99 Prozent der Väter haben einen Vollzeitjob. Wenn die Frauen arbeiten, müssen sie sich gleichzeitig um Haushalt und Familie kümmern. Unter diesen Bedingungen müssen sie gar nicht erst an Karriere denken. Denn Karriere heisst in der Schweiz für Männer und Frauen nach wie vor oft 200-prozentiges Engagement.

Beobachter: Eine Umfrage der Zeitschriften «Annabelle» und «Femina» zeigt: Fast die Hälfte der Mütter von kleinen Kindern sind Vollzeit-Hausfrauen. Auch wenn die Kinder grösser sind, bleibt ein Drittel zu Hause. Die meisten Mütter wünschen sich keine berufliche Selbstverwirklichung, sie sind mit ihrer Situation zufrieden. Nehmen Sie das den Frauen ab?
Kriesi: Ja und nein. Es gibt Frauen, die finden: Mutter und Hausfrau ist meine Berufung. Anderseits haben viele Frauen keine Alternative. Sie sind in bestimmten Strukturen gefangen: zu wenig Krippenplätze, ein Partner, der Vollzeit arbeitet, und so weiter. Sie arrangieren sich mit der Situation, sie passen ihre Einstellung den Umständen an. Es ist auch eine Frage des Selbstschutzes: Die Frauen konzentrieren sich auf die Rolle, die gesellschaftlich am besten legitimiert ist und in der sie am wenigsten angegriffen werden.

Beobachter: Wollen die Frauen wirklich kein gleichberechtigtes Leben?
Kriesi: Wenn man die Frauen befragen würde, ob sie gleichberechtigt sind, würden die meisten mit voller Überzeugung Ja sagen. Die tatsächliche Chancenungleichheit, die herrscht, wahrzunehmen ist gar nicht so einfach. Das hiesse auch, sich einzugestehen, Opfer zu sein.

Beobachter: Bei Mädchen sind typische Frauenberufe wie etwa Coiffeuse hoch im Kurs - obwohl es da keine Karrierechancen gibt.
Kriesi: Und wenn die Arbeit nicht attraktiv ist, fällt der Ausstieg, wenn das erste Kind da ist, umso leichter. Frauenberufe sind oft Sackgassen, und dafür ist unser Ausbildungssystem mitverantwortlich: Die Lehre mündet in einen spezifischen Beruf. Wer nachher noch wechseln möchte, muss sich oft umschulen. Der Zeitpunkt der Berufswahl ist sehr früh angesetzt, er fällt genau in die Pubertät. In dem Alter ist es besonders schwierig, sich über Geschlechterbilder hinwegzusetzen.

Beobachter: In Schweden arbeiten 65 Prozent, in Frankreich 52 Prozent der Mütter voll. In der Schweiz nur zwölf Prozent. Andere Länder, andere Mutterbilder?
Kriesi: Eine gute Mutter ist immer für die Kinder da, rund um die Uhr - dieses kulturell geprägte Bild ist im Denken von uns Schweizern und Schweizerinnen stark verankert. In den skandinavischen Ländern wird Kinderbetreuung viel stärker als Aufgabe des Staats betrachtet.

Beobachter: Zu wenig Krippen- und Hortplätze, Schulen ohne Blockzeiten - kein Wunder, bleiben die Mütter zu Hause. Kann sich der Staat das leisten?
Kriesi: Nicht wirklich. In der Ökonomie spricht man in diesem Zusammenhang von Humankapitalverschleiss.

Beobachter: Wie bitte?
Kriesi: Wenn Frauen lange Ausbildungen machen, danach aber ihre Fähigkeiten und ihr Wissen - ihr Humankapital - nicht in den Arbeitsmarkt einbringen, ist das für den Staat teilweise verschwendetes Geld. Die Schweiz hat das Problem des Arbeitskräftemangels lange mit Migration gelöst: Sie hat sich die fehlenden Arbeitskräfte aus dem Ausland geholt.

Beobachter: Was müsste passieren, damit die Mütter hierzulande frei wählen könnten?
Kriesi: Das Engagement der Männer müsste zunehmen. Auch müsste das öffentliche Betreuungsangebot besser werden. Und es bräuchte einen Mentalitätswandel.

Quelle: Renate Wernli