Tim und Luca (Namen geändert) stehen auf dem Dach des selbst gebauten Tipis. Wenn sie mit den Füssen wippen, rieseln trockene Tannennadeln zum Hüttenboden. «Geht rein!», ruft Luca seinem «Götti» und seiner «Gotte» zu. Doch die mögen keinen Nadelregen. «Feiglinge, Feiglinge», neckt Luca. Die vier lachen herzhaft.

Die siebenjährigen Zwillinge kommen mindestens zwei Nachmittage im Monat zu Rosalie Messerli Roth und Matthias Roth auf Besuch. Die Begegnungen sind Teil des Projekts «mit mir», in dem Caritas Bern Patenschaften zwischen Freiwilligen und Familien in einem Engpass vermittelt. Tims und Lucas Mutter ist allein erziehend mit fünf Kindern – da ist ein bisschen Entlastung wichtig.

«Ich war erst gar nicht begeistert von dieser Patenschaftsidee», gesteht Matthias Roth. Als Geschäftsleitungsmitglied einer Spitex-Organisation arbeitet der 49-Jährige viel. Und wenn er endlich zu Hause ist, dann soll er sich auch noch um Kinder kümmern? Seine Skepsis hatte allerdings keine Chance gegen den Enthusiasmus seiner Frau. «Ich wollte Kontakt zu Kindern», sagt die 50-jährige Gesundheitsschwester. So kam vor eineinhalb Jahren die zweiköpfige Rasselbande ins Haus: wilde Energiebündel, die Schuhe zum Fenster hinaus in den Schnee warfen und schreiend hinterherrannten – barfuss.

«Das war schon strub damals», lacht Rosalie, die keine eigenen Kinder hat. «Wir mussten erst lernen, wie man mit so wilden Buben umgeht.» Inzwischen aber seien die beiden viel ruhiger geworden. Wirklich? Im Moment scheinen sie fest entschlossen, ihr Tipi zu bodigen. Tim vergrössert das leise Nadelrieseln zu einem Platzregen, indem er mit einem dicken Stecken auf die Hütte haut, Luca zerrt mit aller Kraft an den Stützstangen. «Wollt ihr es wirklich demontieren?», fragt Rosalie. «Nein, grösser machen», beruhigt Luca.

Gesellschaftlich haben Jung und Alt heute immer weniger miteinander zu tun. Techno und Hiphop neben Wienerwalzer und Ländler, rasante Biketouren neben gemächlichen Wanderungen, SMS neben Postkarte – während Jugendliche zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch kaum Möglichkeiten hatten, eigene Freizeitaktivitäten zu organisieren, hebt sich ihre Kultur heute stark von jener der Älteren ab. Auch Freundschaften über die Generationen hinweg kommen selten vor.

Dafür haben sich die Beziehungen innerhalb der Familie verbessert. Hier ist die Solidarität zwischen Jugendlichen und Eltern ungebrochen. «Es gibt heute sogar wieder mehr Junge, die ihre Eltern als Vorbild ansehen als noch vor zehn Jahren», erklärt der Zürcher Soziologieprofessor François Höpflinger. Auch mit ihren Grosseltern kommt die junge Generation meist sehr gut aus, wie Untersuchungen zeigen.

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Und zwar gerade weil beide Seiten die Grenzen dieser Beziehung wahren: «Die Enkel reden mit ihren Grosseltern gerne über Gesellschaft und Politik», sagt Höpflinger, «aber intime Themen wie etwa Liebesbeziehungen werden ausgespart.»

Und doch ist viel vom «brüchigen Generationenvertrag» oder gar von «Generationenkrieg» zu lesen – zumindest wenn es um die soziale Absicherung von Jung und Alt geht. «Solche Ängste haben vor allem mit dem raschen gesellschaftlichen Wandel und der entsprechenden Verunsicherung zu tun», sagt François Höpflinger.

Die Verunsicherung konzentriert sich allerdings auf den Landesteil östlich des Röstigrabens: In der Deutschschweiz sprechen 60 Prozent der Stimmbürgerinnen und Stimmbürger von starken Gegensätzen zwischen Jungen und Alten – in der Romandie sind es nur 15 Prozent! Höpflinger sieht den Grund darin, dass in der deutschsprachigen Schweiz der Sozialstaat viel stärker ins Schussfeld der Kritik geraten sei als in der Westschweiz.

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Alle Generationen müssen bereit sein
Einander kennen lernen hilft in dieser Situation am besten gegen Vorurteile. «Eine zukunftsfähige Entwicklung wird dann möglich, wenn alle Generationen bereit sind, die eigenen wie die anderen Interessen im Sinn einer gemeinsamen Perspektive abzuwägen», ist Esther Enderli, Mitinitiantin der Internetplattform generationen.ch, überzeugt (siehe Nebenartikel «Jung und alt: Voneinander lernen»). Blieben die Menschen einer Generation aber unter sich, «stehen immer eigene Interessen im Zentrum – die Jungen fordern freies Rollbrettfahren im öffentlichen Raum, die Alten sichere Trottoirs».

Die Zwillinge haben sich an ihrem Tipi ausgetobt. Luca springt in die Arme seines «Göttis» und kuschelt sich an ihn. Heute möchten Matthias Roth und seine Frau die beiden Buben nicht mehr missen. Durch sie habe er erfahren, wie Kinder «ticken» – und wie anspruchsvoll Erziehungsarbeit sein kann. Die Beziehung zu den Buben ist eine auf Distanz – «wir können sie wieder abgeben» – und doch sehr nah: «Wenn die beiden da sind, sind sie es ganz!» Für die Kinder wiederum sei es sehr wertvoll, eine oder zwei Bezugspersonen mehr zu haben, betont Regula Hasler, Leiterin des Patenschaftsprojekts bei der Caritas Bern. «Gerade bei Familien in einem Engpass ist das soziale Netz in der Regel dünn.»

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Zurück beim Bauernhaus in Münsingen. Die Energie von Tim und Luca ist wieder voll da. Sie sind auf das alte Auto von Matthias Roth geklettert und rutschen auf der Motorhaube herum. «Schluss jetzt», ruft er; ohne Wut in der Stimme, denn Geduld und Humor hat er auf Vorrat. Die beiden Kleinen und die beiden Grossen sind ein gutes Gespann.

Eines Tages werden die Buben vielleicht andere Interessen haben und nicht mehr kommen wollen. «Doch bis dahin sind wir für sie da», sagen Rosalie und Matthias einhellig.