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GesellschaftDie Familie verändert ihr Gesicht

Wie sieht die Familie von morgen aus? Politikerinnen, Forscher und ein Hausmann stellen verschiedene Szenarien vor.

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Was ist der Unterschied zwischen in die Zukunft blicken und orakeln? Dazu ein kurzes Rätselraten. Nachfolgend ein paar Behauptungen zur Situation der Schweizer Familien in zehn Jahren, also 2019:

1. Jeder sechste Teenager wird nur mit der Mutter oder mit dem Vater zusammenleben.

2. Die Schweiz wird am untersten Ende der europäischen Skala sein, was die Sozialleistungen für Familien und Kinder betrifft.

3. Nicht mal jeder zweite 15-Jährige wird in Umfragen angeben, dass seine Eltern mehrmals in der Woche mit ihm diskutieren.

4. Eine nationale Studie wird zum Schluss kommen, dass 50'000 Krippenplätze fehlen.

5. Das durchschnittliche Alter verheirateter Mütter bei der Geburt ihres ersten Kindes wird bei knapp 30 Jahren liegen.

Haben Sie soeben mehrmals genickt, weil Sie glauben, das eine oder andere Szenario könnte eintreffen – oder treffe sogar schon heute zu? Dann liegen Sie richtig: Die Aussagen beschreiben keine Visionen, sondern den aktuellen Zustand der Familie. Sie stammen aus dem Bericht «Familien in der Schweiz», den das Bundesamt für Statistik im November 2008 publizierte. In die Zukunft zu blicken unterscheidet sich von Orakeln denn auch in dem Punkt, dass dabei das Morgen nicht ohne das Jetzt gedacht wird.

Die Weichen werden heute gestellt

Statistiken bilden immer nur den Durchschnitt ab, und «Familie» ist ein weiter Begriff, das zeigen nur schon die verschiedenen Patchworkgebilde, die heute Realität sind. Der gängigste gemeinsame Nenner im Familienverständnis ist der, dass mindestens ein Kind dazugehört. Und eines trifft auf jede Familie zu, ob mit oder ohne Kind: Sie ist keine Oase der Sicherheit und Geborgenheit, die gegen äussere Einflüsse immun ist. Familie heisst ständige Veränderung, und nicht jede davon ist selbstgewählt.

Deshalb kommen bei den folgenden Szenarien für die Zukunft neben Forschern auch Eltern und Familienpolitikerinnen zu Wort, denn die Pflöcke, die heute eingeschlagen werden, entscheiden massgeblich mit, wie Familien morgen leben werden. Vier Eckpfeiler sind hierbei von zentraler Bedeutung:

Familienplanung: Kinder als Option

Statistisch gesehen müsste jede Frau in der Schweiz etwas mehr als zwei Kinder zur Welt bringen, damit die hiesige Bevölkerung ohne Zuwanderung stabil bliebe. 2007 lag die Geburtenziffer pro Frau bei 1,46 Kindern. Und die neuen Eltern werden immer älter: Allein zwischen 2002 und 2007 ist das durchschnittliche Alter verheirateter Mütter bei der Geburt ihres ersten Kindes um fast ein Jahr gestiegen und liegt nun bei 29,8 Jahren.

Der Luzerner Zukunftsforscher Georges T. Roos und die Ostschweizer CVP-Politikerin Lucrezia Meier-Schatz sind sich einig: «Der Schritt zur Elternschaft bleibt auch künftig ein später. Für viele Paare ist Elternschaft nur eine Option in einer Lebensbiographie», sagt Meier-Schatz, und Roos: «Es wird auch mehr Kinderlose geben, das zeigte sich in einer Umfrage, die wir machten. Neben Deutschland ist die Schweiz in Europa schon jetzt das Land mit den meisten Frauen, die nie Kinder haben, nämlich rund ein Drittel.»

Das Gottlieb-Duttweiler-Institut (GDI) publizierte 2003 eine Studie zur Zukunft der Familie: Die Prognosen sind auch sechs Jahre später noch aktuell oder sogar plausible Zukunftsmusik, denn gesellschaftlicher Wandel ist ein langsamer Prozess. Hier einige Kernaussagen der GDI-Studie zur künftigen Familienplanung:

  • Die Entscheidung für oder gegen eine eigene Familie ist komplexer und schwieriger, je individualistischer die eigene Lebensbiographie gestaltbar wird. Die zunehmende Planbarkeit von Nachwuchs (Empfängnisverhütung und Fortpflanzungsmedizin) lässt neue Familienbiographien zu, führt aber durch die Vielfalt der Familienoptionen zu hoher Planungskomplexität, emotionaler Verunsicherung und ethischen Grundsatzfragen.

  • Die Fortschritte der Reproduktionsmedizin erhöhen den sozialen Druck auf Kinderlose.

  • Als Gegentrend versuchen die gewollt Kinderlosen, ihre Lebensweise als frei gewählt und dem Familienleben ebenbürtig darzustellen, was allerdings schwierig ist. Denn trotz sinkender Kinderzahl wird die Familie in sämtlichen repräsentativen Umfragen als die erstrebenswerteste Lebensweise bezeichnet.

  • Die Auseinandersetzung zwischen Familien und gewollt Kinderlosen wird sich verschärfen.

Medizinischer Fortschritt: Ältere Eltern

Bislang war es noch immer so, dass die Menschen sich viele neue Errungenschaften gerne zu eigen gemacht haben. Werden also auch die Möglichkeiten der künstlichen Reproduktion voll ausgeschöpft werden, nicht nur von Einzelnen, die es sich leisten können, sondern von der Masse? Georges T. Roos ist skeptisch: «Dass es eine Mehrheit von Leuten gibt, die mit 50 oder 60 Eltern werden, glaube ich nicht. Aber es wird mehr von ihnen geben. Mit 45, 50 hat man schon heute noch rund 30 Jahre vor sich, in denen man fit und gesund ist. Es könnte also eine Option sein, das Kinderkriegen in diesen Lebensabschnitt zu verschieben. Es ist immer wieder erstaunlich, wie schnell ein Tabu keines mehr ist.» Die Forscher und Forscherinnen des GDI kamen zu folgenden Einschätzungen: Die Fortpflanzungsmedizin ist das grosse Thema der nächsten Jahrzehnte, gepaart mit dem Thema Pränataldiagnostik (siehe auch Nebenartikel: «Manche Paare würden alles tun»).

Budget: Familienfreundliche Wirtschaft?

In der Schweiz sind Kinder heute das Armutsrisiko Nummer eins. Die Schwierigkeit, Kinder und Erwerbstätigkeit unter einen Hut zu bringen, ist denn auch das grosse familien- und gesellschaftspolitische Thema unserer Zeit. Davon betroffen sind Väter wie Mütter, aber Letztere verschärft. Wird die Wirtschaft in Zukunft endlich frauen- und familienfreundlicher, und was passiert eigentlich auf politischer Ebene?

Das Wort geht an die Nationalrätinnen, die sich insbesondere mit Familienpolitik auseinandersetzen. Lucrezia Meier-Schatz von der CVP: «Die Unternehmen werden vermehrt auf die Bedürfnisse der Eltern Rücksicht nehmen, denn familienorientierte Personalpolitik wird an Bedeutung gewinnen. In den Agglomerationen wird die Gestaltung der Betreuung und der Erziehung der Kinder durch öffentliche Betreuungsinstitutionen und Tagesschulen erleichtert. Die Eltern im ländlichen Raum hingegen werden nach wie vor mit grossen Problemen im Bereich Vereinbarkeit Beruf und Familie konfrontiert sein.»

Und Jacqueline Fehr von der SP: «Mit der Anstossfinanzierung und Unterstützung der Kantone und Gemeinden wird das Angebot an familienergänzender Betreuung weiter ausgebaut werden und die Preise dafür so angepasst, dass es sich auch für Mittelklassefamilien lohnt, wenn der zweite Elternteil arbeitet.» Neben dem quantitativen Ausbau werde auch eine neue Diskussion über die Qualität dieser Betreuung stattfinden, erklärt Fehr weiter.

Aufgrund der Entwicklungen in anderen Ländern, klarer Forschungsresultate und weil so viele Kinder die Kindertagesstätten und Tagesstrukturen besuchen, werde man auch in der Schweiz realisieren, welchen Bildungswert diese Angebote haben. Kindertagesstätten und Krippen würden noch stärker als heute mit den Eltern zusammenarbeiten und zu eigentlichen Familienhäusern werden. «Ausserdem haben wir bis in zehn Jahren einen verankerten Vaterschaftsurlaub, der es allen Vätern ermöglicht, sich Zeit zu nehmen für den gemeinsamen Start ins neue Familienleben. Damit Kinder nicht mehr das grösste Armutsrisiko sind, werden Familien mit tiefen Einkommen gezielt finanziell unterstützt, ein System von Ergänzungsleistungen wird eingeführt. Dazu läuft bereits ein parlamentarischer Prozess», so Fehr.

Eine andere Frau, die sich mit dem Jetzt auseinandergesetzt hat, ist Pasqualina Perrig-Chiello, Leiterin des Nationalen Forschungsprogramms 52, das Kindheit, Jugend und Generationenbeziehungen sehr genau untersucht hat. Sie prognostiziert: «Dass die Lösung dieses Problems nicht bloss eine private Angelegenheit ist, sondern eine politische Aufgabe von weitreichender gesellschaftlicher Bedeutung, wird zunehmend auch unter Vertreterinnen und Vertretern verschiedener politischer Provenienz geteilt – und das ist ermutigend.»

Vaterrolle: Männer im Umbruch

Ohne Väter keine Familien. Oder doch? Oft war in letzter Zeit zu lesen, Väter seien eigentlich gar nicht notwendig, Kinder kriegen kann die Frau angesichts der neuen medizinischen Möglichkeiten auch ohne Mann. Doch Partner hin oder her: Den Hauptteil der Belastung trägt sowieso die Mutter. Denn auch als Vater muss der Mann ja weiterarbeiten, Vollzeit, weil der Arbeitgeber selten etwas anderes duldet. Wird sich das in den nächsten zehn Jahren schon ändern, werden Väter vermehrt Teilzeit arbeiten und wenigstens annähernd so viel Zeit mit den Kindern verbringen wie die Mütter?

Georges T. Roos glaubt nicht an schnelle Veränderungen: «Noch fehlt es an Visionen und Vorbildern für den emanzipierten Mann von morgen.» Kolumnist und Vorzeige-Hausmann Bänz Friedli appelliert: «Väter müssen ihre Vaterrolle als alltäglich erleben. Weg von der ‹Quality Time›, die ein Witz ist – als ob sich der verpasste Alltag wettmachen liesse, indem man einmal alle zwei Monate schampar abenteuerlich ins ‹Alpamare› oder in den ‹Europapark› fräst. Stattdessen hin zu Alltag, Intensität, echter Bindung zu den Kindern. Mütter müssen loslassen lernen, auf die Supermamirolle verzichten, ihren Partnern auch Raum geben, damit sie die ‹neuen Väter› sein können.»

Bedürfnisse, Ängste, Herausforderungen, Glück und Unglück im Grossen wie im Kleinen, alles hängt – nicht nur, aber auch – mit der Zeit zusammen, in der wir leben, mit den politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sowie auch mit Vorbildern und Trends. Und so kann eine plötzliche, unerwartete Wende alle bisherigen Prognosen ganz schnell alt aussehen lassen – somit ist jeder Versuch, in die Zukunft zu blicken, letztlich doch auch ein Orakeln.

Veröffentlicht am 05. Januar 2009

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1 Kommentar

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Zellweger Guido
In den nächsten 10 Jahren wird die europäische Gesellschaft weiter degenerieren und der Einfluss des Islams wirde weiterhin zunehmen - vermutlich werden östliche Ideologien sogar eine dominierende Stellung innerhalb der europäischen Gesellschaft einnehmen. Anderseits gelangen immer mehr fragwürdige Staaten in den Besitz der Atombombe - daher ist es vermutlich müssig, sich Gedanken über unsere Zukunft zu machen ....

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