Hier zeigt sich die Landesregierung wirklich staatstragend: Die sieben amtierenden Bundesräte bringen es auf total 20 Kinder - das entspricht einem Schnitt von 2,86. Der Fruchtbarste ist SVP-Vertreter Christoph Blocher mit vier Sprösslingen. Da vermag das gemeine Volk nicht mitzuhalten: Derzeit gebären Frauen hierzulande im Schnitt noch 1,4 Kinder - 2,1 müssten es sein für den Generationenerhalt. Der Nachwuchs wird knapp.

Die «Generation kinderlos» hat Folgen, wie das Bundesamt für Statistik (BFS) im Bericht «Demografische Entwicklung in den Kantonen von 2002 bis 2040» prognostiziert. Diesem Beobachter-Artikel liegt jenes Szenario zugrunde, das die Trends der letzten Jahre fortschreibt. Demnach verwandelt sich der Altersaufbau, der heute optisch einer Tanne gleicht, immer mehr in eine Suppenschüssel - die älteren Jahrgänge legen zu, die Kinder- und Jugendjahrgänge stagnieren:

  • 2040 macht der Anteil der bis 19-Jährigen an der Gesamtbevölkerung noch 20,1 Prozent aus - das sind gut zehn Prozent weniger als 2001. Die Entwicklung verläuft allerdings nicht linear: Die Zahl der Kinder und Jugendlichen geht von 1,66 Millionen (2001) auf 1,47 Millionen (2020) zurück, steigt wieder auf 1,51 Millionen (2034) und schrumpft dann auf 1,49 Millionen (2040). Und es gibt grosse kantonale Unterschiede: Genf plus 13 Prozent, Glarus und Uri minus 30 Prozent.
  • Bei den 20- bis 64-Jährigen steigt die Zahl von 4,47 Millionen (2001) auf 4,61 Millionen (2012), um bis 2040 auf 4,1 Millionen abzusinken. Dies entspricht einem Minus von acht Prozent. Die kantonalen Extreme: plus neun Prozent für Freiburg, Schwyz und Zug, minus 25 Prozent für Glarus und Uri.
  • Die 65-Jährigen und Älteren legen von 1,12 Millionen (2001) um gut 70’0000 oder 63 Prozent auf 1,83 Millionen (2040) zu. In den Kantonen Nidwalden, Schwyz und Zug macht der Zuwachs über 120 Prozent aus, während Basel-Stadt dannzumal zehn Prozent weniger Rentner zählen wird.
  • Insgesamt wächst die Schweizer Bevölkerung noch bis 2026, danach geht die Zahl stetig zurück.
  • 2001 standen 100 Einwohnern im erwerbsfähigen Alter rund 25 Personen im Pensionsalter gegenüber - bis zum Jahr 2040 wird sich der Anteil der Pensionäre auf fast 45 erhöht haben. In Uri beträgt diese Relation dannzumal 60 zu 100, in Genf und Zürich knapp 40 zu 100.


«Toll - endlich mehr Platz!»

Dieses Szenario ist ziemlich realistisch. Die Schüler des Jahres 2015 und die Erwerbstätigen des Jahres 2050 sind bereits geboren. Als wahrscheinlich gilt, dass Kinder aus Kleinfamilien eher noch weniger Nachwuchs zeugen als ihre Eltern. Und deutlich mehr Zuwanderung als Ausgleich - aktuell wächst die Schweiz vor allem noch dank der Immigranten - ist aus politischen Gründen nicht opportun. Nicht allzu weit zum Fenster hinauslehnen wollen sich die Zahlendeuter des BFS bei der «dauerhaften Entleerung der Randregionen». Da relativiert man die eigenen Prognosen - wohl auch aus föderalistischer Raison. «Einigen Randgebieten dürfte es dank Ausbau des touristischen Angebots, der Nähe zu Grossagglomerationen und der Ansiedlung von Unternehmen gelingen, sich dem Abwärtstrend zu widersetzen», heisst es im Demografiebericht.

Die Schweiz des Jahres 2040 wird in vielen Bereichen des täglichen Lebens anders aussehen. Geht es nach dem Ökonomieprofessor Thomas Straubhaar, Schweizer Leiter des Weltwirtschaftsinstituts in Hamburg, wird «für die wenigen alles besser». Der Vater von drei Kindern drückte dies in der NZZ auf pointierte Art aus: «Toll - endlich mehr Platz!» Es gebe mehr Wohnraum, mehr Parkplätze, weniger Staus und kürzere Wartezeiten. Kurzum: Der Kuchen werde auf weniger Leute verteilt - und damit das Stück für jeden grösser. Optimist Straubhaar nennt allerdings zwei Bedingungen: Die Produktivität müsse so stark gesteigert werden, dass die Rentensicherung auch noch mit halb so vielen Erwerbstätigen pro Pensionsbezüger funktioniere; Voraussetzungen dafür seien lebenslanges Lernen, mehr Alters-Teilzeitarbeit und stärkere Integration der Frauen. Ausserdem will der Wirtschaftsprofessor die Renten von der Lohnentwicklung abkoppeln - sprich: weniger rasch steigen lassen.

Vor allem Letzteres ist ein schwieriges Unterfangen. Das Schrauben an den Renten lässt sich politisch schwer durchsetzen: Bereits im Jahr 2010 wird nämlich mehr als die Hälfte der Stimmbürger über 50 Jahre alt sein - und diese werden ihren Lebensstandard an der Urne verteidigen. Ohne deutlich mehr Wirtschaftswachstum stehen harte Verteilkämpfe ins Haus: 2040 müssten die Erwerbstätigen doppelt so viel an die Rentner abgeben, oder deren Kuchen würde halbiert. Und das ist noch nicht alles, denn 2040 werden in der Schweiz laut BFS rund 570’000 Hochbetagte im Alter von 80 und mehr Jahren leben - 300’000 mehr als heute. Viele von ihnen werden Pflege brauchen: Nach einer Studie der Universität Neuenburg steigen die Kosten für die Langzeitpflege schon bis 2030 von gut 6 auf über 15 Milliarden Franken.

Dank ihrer schieren Übermacht werden die Senioren nicht nur politisch den Takt bestimmen. «Die neuen Alten haben mehr Geld, wissen, was sie wollen, kennen nicht nur den Preis, sondern auch den Wert der Dinge. Sie entscheiden und konsumieren dementsprechend», schreibt die Trendforscherin Karin Frick vom Gottlieb-Duttweiler-Institut (GDI) in Rüschlikon ZH in ihrer Studie zur so genannten «Generation Gold». Die Alten von morgen werden sich - so Frick - «mehrmals im Leben neu erfinden und anders verhalten, als man dies von ihrer Altersklasse erwartet».

Diese «Best-Age-Shoppers», Konsumenten in den besten Jahren, wollen es einfach, praktisch und bequem. Noch wichtiger als der Preis ist ihnen die Qualität der Ware sowie bedienungsfreundliche Produkte - und das Verhalten des Personals. Die «Generation Gold» hat Musse, will Einkaufen als Erlebnis erfahren und soziale Kontakte knüpfen. Vor allem im Bereich Kleider wollen die Senioren mehr Auswahl als heute, da die Mode vor allem jung ist. Laut GDI wird der Dreiklang von Körper, Geist und Seele zur neuen Lebensphilosophie werden. Doch natürlich zu bleiben und erfolgreich zu altern ist anstrengend. Daher gilt für viele Oldies bald die Devise: «Easy Aging» statt «Anti-Aging». Wellnessen wird zunehmend zum Konsumgut und Mittel der Selbstdarstellung.

Ist die Schweiz bereit für diese schöne neue Welt? Der Beobachter hat bei Leuten nachgefragt, die es wissen müssen:

Der Schulpolitiker

Der Glarner Erziehungsdirektor Jakob Kamm ist ein demografisch gebranntes Kind: «Mitte der neunziger Jahre haben wir durchschnittlich 500 Kinder eingeschult. Dann brach die Zahl innert weniger Jahre auf 350 ein.» Die Folgen: 42 Lehrerstellen gingen seither verloren. Die Schulgemeinden sind gezwungen, Schüler auszutauschen und kleine Klassen zusammenzulegen.

Kommt hinzu, dass ein Sparbeschluss des Parlaments auch die Bildung betrifft - der grösste Brocken im Budget frisst 55 Prozent des Staatssteuerertrags. Eine Massnahme war der Numerus clausus für das Untergymnasium, der nun vom Bundesgericht gestoppt wurde; es braucht zuerst eine Gesetzesänderung.

Wie solls im Kleinkanton mit rund 38’000 Einwohnern weitergehen, der nach den Prognosen des Bundesamts für Statistik bis 2040 bei den unter 64-Jährigen um rund 30 Prozent schrumpfen soll? Kamm, seit zwölf Jahren Regierungsrat, bleibt äusserlich gelassen: «Ich bin kein Hellseher.» Die BFS-Prognose wertet er als allzu pessimistisch. So sei der vorhergesagte Rückgang der Gesamtbevölkerung um 600 Personen bis 2004 nicht eingetroffen.

Doch Kamm ist auch Realist: «Wir werden uns anstrengen müssen.» Die Regierung möchte Glarus attraktiver machen: Man will Betriebe anlocken und hat die Unternehmenssteuern gesenkt. Das Wohnortmarketing wurde verstärkt und die Bahnanbindung ans Zentrum Zürich verbessert. Zudem soll die an der Landsgemeinde von Anfang Mai vorgespurte radikale Strukturreform mit noch drei Gemeinden die Abläufe vereinfachen und so Steuermittel für andere Aufgaben freisetzen. Kamms Zukunftshoffnung: «Wenn die Städter mit der Arbeit fertig sind, wollen sie raus aufs Land.»

Der Personalmanager

Auf dem weitläufigen Betriebsgelände der Firma SFS in Heerbrugg SG steht es an mehreren Türen: «Lernende». Insgesamt 172 Lehrlinge werden es ab August schweizweit sein - ein stattliches Potenzial an hauseigenem Nachwuchs. Total beschäftigt die in der Befestigungstechnik und Zulieferindustrie tätige SFS-Gruppe hierzulande rund 2’300 Angestellte. «Wir setzen auf langfristige Partnerschaften», sagt Christian Fiechter, Geschäftsleitungsmitglied und verantwortlich für das Personalmanagement. Weiter sei es das Firmenprinzip, Führungspositionen mit eigenen Mitarbeitern zu besetzen. Fiechter ist mit 43-jähriger Betriebszugehörigkeit der beste Beweis dafür.

Gemäss Statistik nimmt die Zahl der bis 19-Jährigen im Kanton St. Gallen bis 2040 um 4’400 ab. Doch diese Tatsache beunruhigt den SFS-Personalfachmann weniger als die Qualität der Bewerber: «Das Allgemeinwissen sinkt ständig. Wir sind aber auf Leute mit Potenzial angewiesen.» Diese wiederum landen vermehrt in den Mittelschulen, das Image der Berufslehre sei schlechter. «Zu Unrecht», findet Fiechter. Und er schüttelt besorgt den Kopf, wenn er an das Schicksal der Ungelernten denkt. Für diese Gruppe gebe es künftig kaum noch Nischen.

Muss SFS seine Produktion auslagern, weil der Nachwuchs fehlt? Das glaubt Fiechter nicht, denn die Produktivität steige ebenfalls. Und er stellt seine Firma ins gute Licht: Man bleibe ja ein attraktiver Arbeitgeber. Dies, wenn möglich, bis zur Pensionierung: «Wir hätten gern, wenn jeder gesund und motiviert bis 65 bei uns arbeitet.» Was Fiechter in der Gesellschaft vermisst, ist eine Kultur der Arbeit im Alter. Kürzer zu treten sei immer noch mit sozialem Gesichtsverlust verbunden: «Da müssen wir Gegensteuer geben.»

Der Bankchef

Der Vorplatz wurde vom Künstlerduo Pipilotti Rist und Carlos Martinez als «Stadtlounge» rot eingefärbt, das neue Verwaltungsgebäude passt mit seinem edlen Interieur dazu - der Hauptsitz der Raiffeisen-Gruppe in St.Gallen steht da als betonierter Zukunftsglaube. Bankchef Pierin Vincenz ist zuversichtlich: «Wir werden es packen.» Auch wenn sich Randregionen in den nächsten Jahren entleeren - ausgerechnet dort, wo Raiffeisen viele Banken und ausstehende Hypotheken hat? «Für unsere Gruppe ist die Regionalpolitik das grösste Risiko. Es braucht Schulen und staatliche Angestellte. Dann werden weiterhin Hypotheken nachgefragt», so Vincenz. Daher bleibe die Raiffeisen auch politisch am Ball.

Laut dem bekennenden Städter - seine Eltern stammen aus einem Bündner Minidorf mit 150 Einwohnern - wäre es für Regionen indes fatal, nur auf staatliche Umverteilung zu hoffen. Eigeninitiative sei gefragt. Dann gebe es auch keine Entvölkerung der Regionen: «Der Schweizer ist verwurzelt und pendelt lieber.» Schwierig werde es für Kleinstdörfer in Seitentälern. Da werde man Aktivitäten - auch Bankstellen - an den Verkehrsachsen konzentrieren. Seine Prognose für die nächsten drei, vier Jahrzehnte: rund 200 Raiffeisen-Banken weniger. Heute sind es 1’250.

Auch die Banken erleben eine «Aldisierung» des Geschäfts. Gleichzeitig wird die Kundschaft anspruchsvoller, lässt sich bei Anlageentscheiden weniger etwas vormachen. Für Vincenz ist das die Herausforderung: «Wir müssen effizienter werden und innovativer sein als die Konkurrenz.» Mit dem dichten Netz bleibe man nahe beim Kunden. Das sei auch noch 2040 so.

Der Touristiker

Die Senioren werden immer mehr, und es zieht sie bevorzugt an die Wärme. Hat da ein Fremdenverkehrsort wie Arosa mit sechs Monaten Winter schlechte Voraussetzungen? «Grundsätzlich ja», findet selbst Arosas Tourismusdirektor Hans-Kaspar Schwarzenbach. Doch zugleich sieht er seinen Ort in guter Position. Wegen der Klimaerwärmung werde es in Zukunft schwüler und heisser, was vor allem älteren Personen Probleme bereite. «Wie angenehm ist da ein Bett auf 1’800 Meter bei unter 20 Grad in der Nacht», macht er sich Mut. Zudem sei ein Winter an Arosas Sonne wärmer als im trüben Mittellandnebel.

In einer Studie hat der Reisekonzern Kuoni mehrere Trends für den Tourismus von morgen festgemacht: Standardisierte Pauschalreisen sind out, der Gesundheitstourismus wird zum grossen Geschäft, und der Markt spaltet sich in Luxus- und Billigferien. Der Gast wird anspruchsvoller und gibt mehr Geld aus für Service als für Produkte. «Darüber könnten wir stundenlang reden», sagt Schwarzenbach. Werbewirksam natürlich. Arosa werde sich nur im Luxussegment positionieren können. Die 35-Millionen-Investition in das Edel-Etablissement «Tschuggen Grand Hotel» beispielsweise sei ein erster Schritt. Ein Resort mit 400 Betten und «ganzheitlichem Wellnessansatz» soll folgen. Dem Touristiker schweben auch Privatkliniken vor, mit Schönheitsoperationen und Burnout-Behandlungen im Angebot. Events wie das World Spirit Forum oder auch das Humor-Festival - Schwarzenbach: «Lachyoga» - zielten auf Wellness für den Geist und die Altersgruppe «40 plus».

Der Detailhändler

Selbst in optimistischen Prognosen wächst der klassische Handel nicht mehr so stark wie in den letzten 20 Jahren. Für Felix Wehrle, Leiter Kommunikation beim Detailriesen Coop, ist die Entwicklung vorgezeichnet: «Der Trend zu Single- und Kleinhaushalten ist im Kaufverhalten heute schon stark spürbar. Das höchste Wachstum erzielen wir bei zielgruppenspezifischen Angeboten wie Weight Watchers, Fine Food, Betty Bossi und Délicorn.»

Der Kunde von morgen sagt, was er wann will und zu welchem Preis. Coop sei da vorbereitet, meint Wehrle: «Das Motto ‹Ich möchte hier und jetzt alles konsumieren, worauf ich Lust habe› ist schon heute erkennbar.» Der Kunde wolle etwa im Bereich der Markenprodukte einen nachvollziehbaren Mehrwert, sonst kaufe er nicht.

Ältere Menschen haben eine kürzere Einkaufsliste, in Zukunft aber auch höhere Erwartungen an den Shopping-Komfort. Der Grossverteiler investiert in verschiedene Kanäle: Das Online-Shopping wird laut Wehrle zunehmen, «weil dannzumal alle mit dem Internet vertraut sind». In grösseren, rollstuhlgängigen Verkaufsstellen sollen ältere Personen ausreichend Platz und bequeme Bedienungstheken vorfinden. Für die eilige Kundschaft setzt man auf «kleinflächige Convenience-Läden mit bedarfsgerechten Öffnungszeiten». Mit Folgen für das Filialnetz: In wachsenden Dörfern und Agglomerationen wird Coop neue, tendenziell mittelgrosse Verkaufsstellen eröffnen und in schrumpfenden Regionen unrentable Läden schliessen.


Weitere Infos

Die Publikation «Demografische Entwicklung in den Kantonen von 2002 bis 2040» des Bundesamts für Statistik kann per Mail unter order@bfs.admin.ch oder per Telefon unter 032 713 60 60 bestellt werden.

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