Was wir unseren Mitlebewesen antun, indem wir sie essen, finde ich abscheulich», klagt Tierfreundin Patty in einem Internetforum. «Aber ich schaffe es einfach nicht, auf Fleisch zu verzichten.» Patty findet reichlich Mitgefühl. «Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass mir Pferdefleisch bestens schmeckt, obwohl ich Pferde liebe», schreibt Holly. Und Pemi gibt zu, dass sie Tiere isst, «obwohl ich als Kind mit allen möglichen Prospekten gegen Tierversuche, Pelzfarmen und Stierkampf herumgelaufen bin».

Der Geist ist willig, aber bereits beim Fleisch wird er schwach. So wie die drei Tierfreundinnen haben die Menschen in der Schweiz gelernt, bedauernd oder nicht, mit den Widersprüchen des Alltags zu leben. Für 50 Franken nach London zum Shoppen fliegen, doch ja keinen Fluglärm. Höchstens zehn Autominuten bis zum nächsten Spital, aber nur keine Prämienerhöhungen. Eine Universität mit akademischem Vollprogramm, jedoch nicht mehr Steuern. Nahtloser Handyempfang, aber bloss keine Antenne im eigenen Wohnquartier. Die Liste lässt sich beinahe beliebig fortsetzen.

«Heiliger Sankt Florian, verschon mein Haus, zünd andre an», sagte der Volksmund im Mittelalter dazu. In die Neuzeit übersetzt, hiesse das: «Heiliger Sankt Florian, verbiete den Flugverkehr, ausser wenn ich selber verreise.» Für den Politologen Wolf Linder liegt es «in der Natur des Menschen, den Vorteil einer Sache beizubehalten und die Nachteile zu exportieren». Wer heute noch solidarisch sei, «ist der Dumme». Und wer für den Ausgleich zwischen bürgerlichen Rechten und Pflichten einstehe, «gilt als hoffnungslos konservativ oder sogar reaktionär».

Gilt es, Lärmemissionen, Spardruck oder Gestank abzuwenden, überwindet die Schweizer Bevölkerung ihre angebliche Demokratiemüdigkeit mühelos. Ende Januar protestierten in Kloten 10'000 Leute gegen Südanflüge. Eine Woche zuvor gingen in Murten 5000 für ihr Bezirksspital auf die Strasse, und in Basel wehrten sich 2000 gegen die Sparpläne der Universität. Ebenso vital nehmen Schweizerinnen und Schweizer ihr Mitbestimmungsrecht bei Bauprojekten wahr: 1341 Einsprachen gegen einen Betrieb zur Verwertung von Schlachtabfällen in Oftringen, 730 gegen eine Handyantenne in Aarwangen, 34 gegen eine Gashochdruckleitung im Kanton Zug, drei Einzeleinsprachen und eine Sammeleinsprache gegen einen Erotikklub in Recherswil – Einsprachen zu schreiben entwickelt sich zum Volkssport.

Eine Handyantenne neben dem Schulhaus sei den Kindern nicht zuzumuten. Oder wer gelernt habe, mit Fluglärm zu leben, empfinde ihn weit weniger störend als jene, die noch nicht davon betroffen seien; folglich soll es so bleiben: Wer kämpft, dem ist jedes Argument recht – und sei es noch so scheinheilig. Dabei ist längst nicht jeder Widerstand von der Sorge ums Gemeinwohl getrieben. Manch einer solidarisiert sich mit den Fluglärmgegnern, um den Wert seines Eigenheims zu retten, und nicht, um die Lebensqualität von allen zu erhalten.

Wenn aber alle ihre Eigeninteressen vor das Gemeinwohl stellen, kommt es zum gesellschaftspolitischen Stillstand. Der Reformstau ist inzwischen so gross, dass sich die Schweiz solche Blockaden im Grunde genommen gar nicht leisten kann. Bestes Beispiel ist das überteuerte Gesundheitswesen: Alle sind unzufrieden mit dem Krankenversicherungsgesetz. Aber alle waren zufrieden, als die Revision, die mehr Nutzen bei tieferen Kosten hätte bringen können, im vergangenen Dezember zum zweiten Mal scheiterte – Hauptsache, der Grundsatz «Ich nicht, die anderen sollen» war verteidigt.

Ohne Widerstand geht oft nichts
Natürlich gibt es meistens sehr gute Gründe, Widerstand zu leisten, und zwar keineswegs aus eigennützigen Motiven, sondern um politische Fehlentscheide zu korrigieren: «Die Opposition nimmt in unserer direkten Demokratie eine zentrale Kontrollfunktion wahr», sagt Jean-Jacques Fasnacht, der im Zürcher Weinland die Bürgerbewegung gegen das geplante Endlager für Atommüll anführt. «Sie ist unerlässlich, um die Schwachstellen aufzudecken, die jedes Projekt hat. Denn in aller Regel sind die Betroffenen bei der Ausarbeitung nicht dabei.»

Auch der Politologe Hans Hirter ist überzeugt, dass «Widerstand oft zu besseren, nachhaltigeren Lösungen führt und die technologische Entwicklung antreibt». Wofür Armin Braunwalder, Geschäftsleiter der Schweizerischen Energiestiftung, mehrere Beispiele nennt: die Neat-Zufahrt im Kanton Uri, die jetzt im Berg statt im Tal gebaut wird; eine Hochspannungsleitung im Kanton Aargau, die von Wohnquartieren entfernt und besser gesichert wurde; die N4 im Knonauer Amt, die in zusätzlichen Tunnels verläuft. Für Braunwalder gibt es schlicht «zu viele Projekte, die gesetzeswidrig sind und deshalb Einsprachen geradezu erzwingen».

Der Soziologe Kurt Imhof wertet Widerstand «in erster Linie als Ausdruck von diffusen Ängsten in der Bevölkerung». Nie mehr seit den dreissiger Jahren sei die Schweiz derart orientierungslos gewesen wie heute: «Der Kampf gegen eine Mobilfunkantenne, ein Asylantenheim oder angebliche IV-Schmarotzer wird zum greifbaren Mittel, das für Orientierung sorgt: Man hat etwas Konkretes, das schlecht und schuld ist.»

Die aufgeklärte Bevölkerung hat sich längst damit abgefunden, dass ihr die eigene Anspruchshaltung Tag für Tag üble Streiche spielt: Man besteht auf naturnah produzierten Lebensmitteln, doch den Bioapfel mit braunem Fleck legt man zurück ins Gestell. Man fordert einen dichten SBB-Fahrplan und lamentiert bei jeder Verspätung. Man verlangt Frauenförderung und sträubt sich gegen Blockzeiten, Kinderkrippen und Mutterschaftsversicherung.

Es gibt immer einen Verlierer
Die Hersteller machen sich diesen «Patchwork-Lebensstil» der Konsumenten längst zunutze: Seit Jahren propagiert die Autoindustrie Sicherheit vor Ökologie. Mit der Konsequenz, dass bullige Allradfahrzeuge die höchsten Zuwachsraten verzeichnen. Nur übersehen die Käufer, dass diese Sicherheit mit überdurchschnittlichem Treibstoffverbrauch erworben wird.

Der Psychoanalytiker Peter Schneider sieht das Widerspiel zwischen vernünftigem Denken und unlogischem Handeln als Abbild der Kindheit: «Man macht etwas und geht davon aus, dass man die Konsequenzen nicht selber tragen muss – die Verantwortung liegt bei den Eltern.» Die erwachsene Form dieses Musters ist eine Art Lotterie. Schneider: «Wer raucht oder rast, weiss ganz genau, dass es unangenehme Folgen haben kann. Doch jeder hofft, dass nicht ausgerechnet er der Auserwählte ist.»

Nur eben, auch beim grossen Gesellschaftslotto der Problemverteilung kommt auf jeden Winner ein oder mehrere Verlierer.