Die Risse, die sich durch die schweizerische Gesellschaft ziehen, weiten sich aus - Reiche und Arme, Junge und Alte, Beschäftigte und Arbeitslose, Gesunde und Kranke, Schweizer und Ausländer entfremden sich. Oben wird Luxus zelebriert, unten das Sozialgeld gekürzt. Die Wirtschaft läuft, doch viel zu viele Junge warten auf Lehrstellen und Einstiegsjobs. Und die Asylabstimmung vom September hat gezeigt, dass Fremde wenig Kredit haben. Der Zusammenhalt bröckelt, und die Verlierer dieser Entwicklung drohen durch die Maschen zu fallen.

Da tun Stimmen wie jene des 72-jährigen Berners Franz Kaufmann gut. «Wir dürfen sie nicht sich selber überlassen», sagt er und meint die stellensuchenden Jugendlichen, denen der Zugang zur Arbeitswelt verwehrt bleibt, weil es an geeigneten Ausbildungsplätzen mangelt. Rentner Kaufmann leistet in seinem Umfeld tatkräftig Hilfe: Allein dieses Jahr hat er 60 Jugendlichen einen Job vermittelt.

Die Schweiz darf sich glücklich schätzen, viele Kaufmanns zu haben: engagierte Frauen und Männer, die das Auseinanderdriften der Gesellschaft nicht hinnehmen, für die Solidarität mit den Schwächeren mehr als ein Lippenbekenntnis ist. Sie sind freiwillige Überzeugungstäter, die im Hintergrund Unverzichtbares leisten, oder Berufsleute, die mehr tun, als es der Stellenbeschrieb von ihnen verlangt.

Fünf solche Leute werden hier porträtiert; vier davon sind Frauen, und das ist kein Zufall, sondern ein Abbild der Realität. Sie stehen stellvertretend für andere Menschen, die die Schweiz zusammenhalten. Es ist an der Zeit, die stillen Heldinnen und Helden des Alltags in den Mittelpunkt zu stellen!




Ein Stück Dorf in der Stadt


Vreni Hauri ist auf dem Land aufgewachsen. Und weil es ihr in der grossen Stadt oftmals zu anonym ist, hat sie für Abhilfe gesorgt.


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Da haben Migros und Coop keine Chance: Vreni Hauri vor ihrem Laden. Die Jugendlichen aus dem Quartier schätzen die Alternative.

Hägglingen AG liegt auch im Zürcher Kreis 3. Dafür hat Vreni Hauri gesorgt. Vor elf Jahren gründete die Sozialpädagogin mit Freundinnen in einem ehemaligen Kolonialwarengeschäft einen Hort für acht Kinder, darunter ihre beiden Buben. Dann übernahm sie den Quartierladen schräg gegenüber. Heute pendelt sie hin und her, beschäftigt 15 Angestellte, betreut im Hort Kinder und bedient im Laden Väter, Mütter, Quartierbewohner. «Ich brauche kein Handy», sagt die 50-jährige gebürtige Hägglingerin: «Ich bin immer da, immer auf der Kreuzung, könnte dort wohnen.» So ist mitten in Zürich ein kleines Dorfzentrum entstanden.

Vreni Hauris Tage beginnen um neun im Laden. «Sollen wir die Bioorangen oder die konventionellen zurückgeben?», fragt eine Mitarbeiterin. Der Lieferant hat zu viel gebracht. Der Pöstler kommt. Alle freuen sich, dass er so früh da ist. Sein Vorgänger, bei dessen Pensionierung der Laden einen Apéro spendierte, kam jeweils gegen Mittag. «Aber wenn er einen Brief für mich als wichtig erachtete, suchte er mich überall, um ihn mir persönlich zu übergeben», lacht Vreni, die mit dem Vornamen angesprochen werden will.

Es sei wichtig, dass man sich nicht zurückziehe trotz all der latenten Angst, sagt Vreni. Angst vor Arbeitslosigkeit, Angst vor Einsamkeit, Angst vor Gewalt. Sie kümmert sich darum, dass Einsame nicht einsam bleiben, dass Jugendliche einen Ort haben, wo sie hingehen können. Sie sorgt für den Kitt in der Stadt. «Ein Quartierladen ist da ideal», sagt Vreni. «Ein Grüezi genügt, bald kennt man die Namen der Kunden, weiss, was jemand so macht, nimmt Anteil am Leben der andern.»

Um zehn Uhr ist Sitzung im Hort gegenüber. Wie viele Kinder kommen heute? Wer kocht? Wer betreut? Wer kauft für den Adventskalender ein? Es gibt Gipfeli vom Laden, Vreni erteilt Aufträge. Zwei Betreuer sind frühere Hortkinder - das Netz wird sichtbar, an dem Vreni täglich webt.

Es braucht etwas Wertschätzung

Wenn Jugendliche vor dem Hort oder dem Laden rumlümmeln, geht Vreni zu ihnen und sagt: «Wollt ihr nicht etwas Sinnvolles tun? Für zehn Franken die Stunde könnt ihr mir im Lager helfen.» Und die 15-Jährigen tun es. «Die Jungen spüren zu oft, dass man sie gar nicht braucht», sagt die Sozialpädagogin. «Sie finden keine Lehrstelle und können zu Hause wenig helfen.»

Damals in Hägglingen war das anders: Sie musste mit ihren Eltern heuen, trug Brennholz in die Kammer und putzte samstags die Schuhe. «Natürlich habe ichs nicht gerne gemacht, aber ich fühlte eine gewisse Wertschätzung. Das fehlt den Jungen heute.»

Ein Licht ging Vreni Hauri vor 15 Jahren auf, als sie beim Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienst des Kantons Zürich arbeitete. Da sass jeweils ein kleines Geschöpf vor ihr, über das sie «einen riesigen Berg Akten» gelesen hatte. Sie wusste also sehr genau, was dieses Kind alles nicht konnte. «Plötzlich fragte ich mich: Was kann es denn eigentlich gut?»

Zurück in den Laden. Eine Mitarbeiterin kocht für ältere Leute aus dem Quartier, die hier ihr Mittagessen holen. Vreni winkt zwei Kindern, die draussen vorbeigehen. «Vom Hort lebe ich», sagt sie, «der Laden ist mein Hobby.» Der Hort steht heute auf soliden finanziellen Füssen - mit jährlich nur 20'000 Franken Betriebsbeitrag der Stadt. Anders der Laden: Es werden zwar wettbewerbsfähige Löhne gezahlt, doch gibt es keine Reserve etwa für neue Kühltruhen.

Nachmittags betreut Vreni im Hort, auch samstags hilft sie im Laden. Die Frau hat etwas Unermüdliches. «Natürlich mache ich das alles nicht alleine. Viele gute Geister helfen mit.» Wenn das Geld knapp wird, auch das halbe Quartier. Im Oktober haben an einem Lotto für den Laden rund 300 Leute teilgenommen. Das kleine Dorf im Zürcher Kreis 3 funktioniert.



Portugiesische Wegweiserin für die Schweiz


Portugiesen sind in unserer Wirtschaft unverzichtbar. Isabel Brandao hilft ihnen, sich hier zurechtzufinden.


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Vermittlerin zwischen zwei Welten: Isabel Brandao kennt sowohl Portugal als auch die Schweiz.

Der junge Portugiese hat Isabel Brandao zwei Briefe in die Hand gedrückt und möchte diese verstehen. Er sitzt in ihrem Wohnzimmer im Polstersessel neben dem türkisen Kachelofen, die «Begleiterin Integration» der Gemeinde Spreitenbach AG erklärt. Das eine sei ein Kontoauszug über die Mietkaution. Das andere eine Rechnung des Spitals, wo er behandelt wurde. Eine Kopie müsse er der Versicherung weiterleiten. Der Mann dankt und verabschiedet sich.

«Viele Portugiesen können auch nach Jahren in der Schweiz noch kein Deutsch», sagt die 64-jährige Brandao, selber ursprünglich aus Portugal, aber seit 42 Jahren in der Schweiz. Die Unkenntnis sei ein grosses Problem. «Wenn man nicht versteht, was um einen herum passiert, hat man unheimliche Angst. Angst vor der Polizei, vor dem Staat, vor dem Lehrer.» Darum findet sie es auch richtig, dass Fahrprüfungen ab 2008 nur noch in den Landessprachen abgenommen werden. «Aber für Ausländer ist es sehr schwierig, Deutsch zu lernen», verteidigt sie umgehend ihre Schützlinge. «Bei der Arbeit sind sie nur mit Ausländern zusammen, die Deutschkurse der Gemeinde beginnen um 18.30 Uhr. Dann arbeiten die meisten Portugiesen noch.» Sie empfehle ihren Kunden, an den Tagen der Deutschkurse den Arbeitgeber um früheren Feierabend zu bitten. Doch von Dutzenden Chefs habe bisher nur einer Hand geboten.

In der Ausländerintegration fehle es vor allem an Orientierungshilfe zu Beginn, sagt Brandao freundlich, aber bestimmt. Niemand sage fremdsprachigen Neuzuzügern, wie die Schweiz funktioniere, welche Rechte sie hätten und wo sie Hilfe erhielten.

Isabel Brandao dolmetscht im Kindergarten, geht mit einem Kind zum Zahnarzt, hört vier Stunden lang der Portugiesin zu, die ihr Herz über den gewalttätigen Ehemann ausschüttet, und sucht für eine MS-kranke Frau eine Haushalthilfe. Das alles für ein geringes Entgelt. Seit neuestem steht ihr ein Büro im Gemeindehaus zur Verfügung, doch die meisten ihrer Schützlinge kommen immer noch zu ihr ins Wohnzimmer. Es hat sich herumgesprochen, dass Brandao hilft, den schweizerischen Alltag zu bewältigen.

Portugiesen reklamieren wenig

Rund 170'000 Portugiesen gibt es in der Schweiz, und mit den Bilateralen werden es jährlich mehr. Sie arbeiten häufig als Erntehelfer im Gemüsebau unter sehr schlechten Bedingungen. Ihre Durchschnittslöhne sanken innert zweier Jahre um einen Viertel.

Trotzdem spricht fast niemand von den Portugiesen, wenn es um Probleme mit Ausländern geht. «Sie werden von Arbeitgebern geschätzt, weil sie wenig reklamieren, selten krank sind, korrekt arbeiten», meint Brandao. Und natürlich hätten sie im Unterschied zu Albanern oder Serben die gleiche Religion wie viele Schweizer.

Für die resolute Frau ist der Beginn des Kindergartens der entscheidende Moment für die Integration. Dann kämen viele ausländische Kinder zum ersten Mal intensiver mit der Schweiz in Kontakt. Und sie erzählt von jenem Kindergartenbuben, der noch kaum sprechen kann. In verschiedenen Gesprächen mit der Kindergärtnerin kam man zum Schluss, dass der Knabe einen heilpädagogischen Kindergarten besuchen müsste. Die Mutter sei begeistert gewesen. Doch als der Vater das Gesuch unterschreiben sollte, weigerte er sich und knallte das Formular mit einem stolzen «Nein» auf den Tisch. Brandao erfuhr, dass Kollegen den Vater gehänselt hätten, sein Kind sei zu dumm für den normalen Kindergarten. «Da müssen wir jetzt Überzeugungsarbeit leisten», meint Brandao und lächelt zuversichtlich.



Bei älteren Menschen braucht auch die Seele Pflege


Sie hat einen harten Job. Doch bei ihren Klientinnen sorgt Spitex-Pflegerin Christa Steiner für manches Lächeln.


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Schon das Zuhören kann viel helfen: Spitex-Pflegerin Christa Steiner mit einer Klientin.

Manchmal hilft es, einfach da zu sein. Auf dem Bettrand in einer fremden Wohnung zu sitzen, eine alte, gebrechliche Hand zu halten. Zuzuhören, wenn das Gegenüber erzählen will. Noch ein paar Minuten länger zu bleiben, wenn der Mensch im Bett weint. In Gedanken mit ihm zu sein. «Meistens bleibt ein wenig Zeit dafür», sagt Christa Steiner.

Es sind diese Augenblicke, für die die Spitex-Pflegerin von ihren Klienten erwartet wird. Die eine Stunde am Tag, in der Christa Steiner einen Hauch aus der Welt jenseits der Haustür mitbringt. Der kurze Moment, in dem jemand da ist, dem man von Schmerzen und Gebrechen erzählen kann, von den Grosskindern oder vom letzten Arztbesuch. Die Stunde, in der einem jemand von einem Alltag erzählt, an dem man nicht mehr oder nur noch beschränkt selber teilhaben kann. «Vor allem für ältere Menschen, deren Partner gestorben ist und deren Familie nicht am gleichen Ort wohnt, sind wir von der Spitex oft fast die einzige Verbindung zur Aussenwelt», erzählt Christa Steiner.

Wenn die Pflegerin eintrifft, liegen manche ihrer Klienten («‹Patienten› sagt man nicht mehr in unserem Beruf») noch im Bett. Christa Steiner hilft beim Aufstehen, beim Gang auf die Toilette, bei der täglichen Körperpflege. «Da hat man ausgiebig Zeit zum Reden», erzählt die Spitex-Frau. Ganze Lebensgeschichten hört sie da. Erinnerungen an früher, an den verstorbenen Partner werden wach. Eine an Demenz erkrankte Frau erzählt immer die gleiche Geschichte, Woche für Woche. Auch da gilt für die Pflegerin: zuhören, geduldig sein, auf ihr Gegenüber eingehen. Humor kommt bei vielen Klientinnen und Klienten gut an: «Aber Witze erzähle ich keine. Eher etwas Lustiges, das ich erlebt habe, oder eine amüsante Begegnung.»

Eine äusserst anstrengende Arbeit

Nicht immer ist den Gepflegten zum Lachen zumute. Es gebe Leute, die schimpften über alles, erzählt Christa Steiner: wenn sie einmal zu spät dran ist, wenn sie, die Pflegerin, einen Handgriff nicht so macht, wie sich das die Klientin vorstellt, wenn sie eine Kollegin vertritt, die sonst immer kommt. «Ich habe gelernt, solche Vorwürfe nicht persönlich zu nehmen. Oft haben die Leute halt Probleme, und das ist ihre Art, damit fertig zu werden.»

Die Gelassenheit ist nicht selbstverständlich. Der Beruf ist anstrengend, die Arbeitszeiten sind lang. Der Tag beginnt um halb sieben Uhr morgens im Büro, wo Christa Steiner zuerst Krankengeschichten studiert und Material bereitlegt: Verbände, Salben und Medikamente für Klienten, die sie am Vormittag besuchen wird. Die Tour beginnt um sieben Uhr: Vier, manchmal fünf Hausbesuche erledigt Christa Steiner, bevor sie kurz vor Mittag wieder im Spitex-Zentrum Ebikon LU eintrifft. Nach dem Mittagessen muss das Telefon bedient und Administratives erledigt werden, bevor die Pflegerin die Tasche für die Nachmittagstour packt. Noch einmal warten drei oder vier Menschen auf einen Besuch.

Christa Steiner hätte es einfacher haben können, weniger hektisch. Die gelernte Krankenpflegerin arbeitete lange als kaufmännische Angestellte. «Aber dann zog es mich wieder zurück in die Pflege. Ich habe einfach Freude, wenn ich mein Fachwissen anwenden und jemanden für eine halbe Stunde von seinen Problemen ablenken oder zum Lachen bringen kann.»

Manchmal beschäftige es sie schon, dass sie in 30 oder 40 Jahren vielleicht selber auf Pflege angewiesen sein werde, sagt die 45-Jährige: «Und dann hoffe ich einfach, dass ich eine Pflegerin erwische, die es Bitzeli Verständnis hat.»





Wie man mit Netzwerken Auffangnetze webt


Dass viele Jugendliche keine Lehrstelle finden, lässt Franz Kaufmann keine Ruhe. Und er findet praktische Lösungen.


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Der Vermittler: Franz Kaufmann schafft es mit viel Einsatz und Elan, Lehrstellen und Lehrlinge zusammenzubringen.

Der Mann hält sich ans Positive im Leben. Das Frustrierende muss man ihm aus der Nase ziehen, von seinem grössten Erfolgserlebnis hingegen erzählt er unaufgefordert und sichtlich vergnügt. «Innert 18 Stunden», sagt Franz Kaufmann aus Zollikofen BE, «konnten wir einer Jugendlichen, die zuvor zwei Jahre lang vergeblich gesucht hatte, einen unterschriebenen Lehrvertrag im Detailhandel beschaffen.»

Kaufmann, einst gut bezahlter Kantonsangestellter im Lehrstellenmarketing, heute privatisierender Lehrstellenbeschaffer ohne Lohn, hat dies mit dem erreicht, was er aus dem Eff-eff beherrscht: Networking. Abends ein Schwatz mit dem Firmenchef, später ein Telefon mit der jungen Arbeitslosen. Tags darauf führte er die beiden zusammen. «Und am Schluss haben wir zu dritt am Computer gesessen, um den Vertrag aufzusetzen.» Formalismus sieht anders aus.

Franz Kaufmann ist Initiant der Aktion Lehrstellen und Praktikumsplätze Grauholz, kurz ALP. Seit Mitte 2005 hilft dieser Verein stellenlosen Jugendlichen aus der Agglomeration Bern-Nord, eine berufliche Perspektive zu finden. ALP - das sind eine fest angestellte Vermittlerin, eine Praktikantin, ein knappes Dutzend freiwillige Helfer. Und ganz wesentlich Franz Kaufmann selber: An die 50 Stunden pro Woche kämpft der bald 72-Jährige, der eigentlich ein geruhsames Rentnerleben geniessen könnte, im Kleinen gegen die Jugendarbeitslosigkeit, «unser grösstes gesellschaftliches Problem». Die Tatsache, dass sich seit 1999 die Zahl der Jungen ohne Job verdreifacht hat, sei alarmierend, sagt der frühere Lokalpolitiker. «Wem die Integration in die Arbeitswelt nicht gelingt, der gerät in eine Negativspirale, aus der es kaum einen Ausweg gibt.»

Das Resultat seiner Betreuungs- und Vermittlungstätigkeit kann sich sehen lassen. Für etwa 60 der rund 150 Jugendlichen, die sich bei der ALP gemeldet haben, konnte in diesem Jahr eine Lösung gefunden werden. Junge Leute notabene, die in der Regel schulisch schwächer sind, oft mit schwieriger Biografie. «Für sie schreibt niemand eine Lehrstelle aus, die müssen wir erst ausgraben», bringt der vollbeschäftigte Rentner den Auftrag, den er sich selber gegeben hat, auf den Punkt. In der Praxis sieht das so aus: Erst wird ermittelt, was die jungen Jobsuchenden können und wollen, danach erfolgt bei den Arbeitgebern die Abklärung, ob zu diesem Profil ein Ausbildungsplatz existiert - oder, noch besser, neu geschaffen werden kann.

Verwurzelung in der Gegend bringts

Die lokale Nische sei die Chance des Projekts, da ist sich der Netzwerker mit den schlohweissen Haaren sicher. Man kenne einander in der Gemeinde, wisse, bei wem mit welchen Argumenten der Hebel anzusetzen sei. Franz Kaufmann und die Seinen führen die Arbeit dort fort, wo die staatlichen Institutionen keine Wirkung erzielen. Das RAV reicht denn auch junge Klienten zur Betreuung an die ALP weiter und entschädigt sie für ihre Leistungen. Dies trägt dazu bei, dass der gemeinnützige Verein kostenneutral arbeitet.

Wie reagieren die Jugendlichen auf Kaufmann, der ihr Grossvater sein könnte? «Eine Sache des Vertrauens», schmunzelt er, «chli gsprächle», dann komme das schon gut. Sein Credo: «Man darf den Jungen keine Vorwürfe machen. Und man muss über ihre Stärken reden, nicht über ihre Schwächen; die kennen sie selber.» Kaufmann, der schwierige Fälle auch bei sich zu Hause berät, nimmt man es ab, wenn er sagt: «Wir lassen niemanden fallen.»

Da glaubt einer so unerschütterlich ans Gute, dass man sich fragt: niemals Frust? Natürlich, räumt er ein, wenn den Jugendlichen alles gleichgültig sei und ihren Eltern auch, dann sei das ernüchternd. Und die Kaltschnäuzigkeit, mit der sich gewisse Firmen um das Problem der Jugendarbeitslosigkeit foutierten, die gebe ihm zu denken. Bei einer Umfrage der ALP unter 1'500 Arbeitgebern kamen ganze 150 Antwortbögen zurück, davon vielleicht 15, die ein ernsthaftes Interesse signalisierten - also ein Prozent. «Besser als nichts», sagt Optimist Kaufmann. Und mit Blick auf die anderen 99 Prozent: «So schnell geben wir nicht auf.»



Mit einer erfahrenen Beraterin zur neuen Finanzordnung


Wenn das Geld nicht ausreicht, leistet Johanna Sommer Hilfe. Auch wenn ihre Ratschläge oft ziemlich schmerzhaft sind.


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Zahlen, nichts als Zahlen: Johanna Sommer bringt ihre Klienten mit genauen Budgets wieder auf Kurs.

Am Anfang steht die Verlockung. Die Aussicht, trotz Ebbe auf dem Konto zwei Wochen am Strand liegen zu können oder sich das neue Auto zwei Jahre früher als geplant anzuschaffen. «Warum warten, wenn Sie sich Ihre Träume sofort erfüllen können?», lockt die Werbung von Kreditinstituten und verspricht Geld, «schnell und flexibel».

Johanna Sommer kennt diese Verlockungen. Vor allem aber kennt sie die Sorgen und Nöte derer, die mit den Folgen des schnellen Geldes nicht mehr zurechtkommen. Und sie weiss, was es bedeutet, wenn die Traumferien vorbei sind und statt der schönen Erinnerungen nur die Angst vor der nächsten Ratenrechnung bleibt. Oder wenn Freunde, die einst den schnellen Wagen bestaunten, nun auf die Rückzahlung ihres Darlehens drängen, das sie zur Bezahlung der Leasingkosten gewährten.

Johanna Sommer ist Schuldenberaterin. Als Sozialarbeiterin in einem Projekt mit Drogenabhängigen musste sie Mitte der achtziger Jahre zum ersten Mal für ihre verschuldeten Schützlinge nach Auswegen aus finanzieller Not suchen. Ein Inserat des Vereins Schuldensanierung Bern brachte sie schliesslich zu ihrem heutigen Job. Den verrichtet sie seit nunmehr 20 Jahren, «unermüdlich und hartnäckig», wie ihr Chef bescheinigt: «Johanna Sommer ist eine Schuldenberaterin der ersten Stunde. Sie hat entscheidend zum Aufbau unserer Stelle beigetragen.»

Die so Gelobte empfängt ihre Besucher mit einem freundlichen Blick und einem warmen Händedruck. Und mit klaren Vorstellungen: Wer ihre Hilfe in Anspruch nimmt, muss alle Schulden offen legen, einen Teil des Lohns von der Schuldenberaterin verwalten lassen, sich sofort melden, wenn Gläubiger drängen - und sich an eine strikte Ausgabendisziplin halten. Für viele ist dies ein schmerzhafter Prozess: «Nachdem sie sich mit einem Kredit leisten konnten, was sie wollten, müssen sie sich nun darauf einstellen, für eine längere Zeit ein von uns vorgegebenes, starres Budget einzuhalten. Das kann ziemlich hart sein, etwa wenn ich jemandem beibringen muss, dass ein Auto jetzt einfach nicht mehr drinliegt.»

Am eigenen Budget ausprobiert

Verzweiflung, Tränen, Wut, auch Erleichterung: Johanna Sommer erlebt vieles, wenn sie ihre Kundinnen und Kunden mit unangenehmen Wahrheiten konfrontiert. «Die meisten sind froh, dass fürs Erste der Druck von den Gläubigern nicht mehr da ist, unter dem sie teils jahrelang gelitten haben. Viele empfinden mich als streng, weil ich ihnen zeige, wo sie sich einschränken müssen. Aber letztlich entscheiden sie selber, ob sie sich unter diesen Bedingungen helfen lassen wollen oder nicht.»

Was Sparen heisst, hat die Schuldenberaterin selber durchgespielt: Als das Ende des Familienautos nahte, begannen sie und ihr Mann, monatlich 500 Franken beiseite zu legen. Zwei Jahre hätten sie durchgehalten, sagt Johanna Sommer, wohl wissend, dass das Budget der von ihr Beratenen viel enger ist als ihr eigenes: «Es war hart, konsequent zu bleiben.»

Vieles bei Johanna Sommers Arbeit ist Verhandlungssache. Sie spricht mit Gläubigern, versucht, Zahlungsaufschub zu erhalten und Kreditgebern aufzuzeigen, dass sie besser fahren, wenn sie auf einen Teil ihrer Forderungen verzichten.

Nicht jede Sanierung gelingt, und manchmal ist auch Johanna Sommer mit Fällen konfrontiert, bei denen sie kapitulieren muss. Etwa bei dem geschiedenen Vater, der so hohe Alimente zu zahlen hatte, dass ihm kaum noch etwas zum Leben blieb. So war für den Mann der einzige Ausweg, sich weiterzuverschulden. «Solche Situationen lassen sich auch nach 20 Jahren nicht einfach wegstecken. Da fühle ich mich manchmal ohnmächtig.»

Derartige Misserfolge bleiben aber erfreulicherweise rare Ausnahmen. Innert dreier Jahre etwa sollten die Finanzen in einem durchschnittlichen Fall wieder im Lot sein. «Und die allermeisten Leute, die eine Sanierung durchgestanden haben, sehe ich zum Glück nie wieder.»

Quelle: Andreas Eggenberger
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