Charly Pichler ist der Mann fürs Grobe. Wenn in der Ostschweiz in Sachen Asylwesen etwas schief läuft, dann greift der Redaktor des Zehnder-Verlags im sanktgallischen Wil in die Tasten und schreibt wortgewaltige Artikel, die dann in 23 Gratisblättern bis in die Innerschweiz verbreitet werden. Und es läuft etwas schief nach Ansicht von Redaktor Pichler: «Mechmed Z. liebt unsere Gesetze», titelte er seinen Leitartikel in den «Weinfelder Nachrichten» wenige Wochen vor der Abstimmung über die SVP-Asylinitiative.

«Mechmed Z.», schrieb Pichler auf der Frontseite, sei Asylbewerber, verheiratet und fünffacher Vater. Sein Asylgesuch sei abgelehnt worden, aber da «Mechmed Z.» 1993 bei der Einreise in die Schweiz seine Papiere weggeworfen habe, könne er nicht ausgeschafft werden. Weil «Mechmed Z.» zudem über chronische Kopf- und Nackenschmerzen klage und als invalid gelte, erhalte er für sich und die Familie vom Staat jeden Monat 6180 Franken.

Auf Beweise wurde verzichtet

Mit dieser «Thurgauer Geschichte von Sozialmissbrauch, Asylmissbrauch, Steuergeldermissbrauch und purstem Verstandsmissbrauch» brachte es Pichler, den das Parteiblatt der Schweizer Demokraten als «sehr geschätzten und bekannten Journalisten im Oberthurgau» preist, sogar zu nationalen Ehren: Leserbriefschreiber trugen die Geschichte bis in den «Walliser Boten», und selbst die «Weltwoche» kolportierte die Episode.

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Was überhaupt an der Geschichte stimmt, weiss nur Pichler. Beweise legt er nämlich keine vor. Der Fall sei ihm vom Chef des Sozialdienstes in einer Thurgauer Gemeinde bestätigt worden, erklärt er, und diesen Informanten müsse er schützen. «Wir haben aufgrund des Artikels umfangreiche Recherchen bei allen möglichen Amtsstellen angestellt», sagt Brigitte Hauser-Süess, Pressesprecherin des Bundesamts für Flüchtlinge. «Wir sind dabei jedoch auf keinen Fall gestossen, der auch nur annähernd dem von Herrn Pichler geschilderten entspricht.»

Unwahrscheinliche Zahlen

Allein die im Text genannten Zahlen lassen Fachleute daran zweifeln, ob Pichler tatsächlich so «penibel recherchiert» hat, wie er betont: Dass eine siebenköpfige Familie, deren Vater vollinvalid ist, eine IV-Rente von 6180 Franken erhält, ist zwar theoretisch möglich. Um den Betrag zu erhalten, müsste der abgewiesene Asylbewerber «Mechmed Z.» jedoch mindestens zehn Jahre in der Schweiz gelebt und seither ohne Unterbruch AHV- und IV-Beiträge bezahlt haben und zwar bei einem sehr hohen Verdienst. Dass dies nicht der Fall ist, bestätigt Pichler in seinem Artikel selber: «Hat er je Sozialbeiträge bezahlt? Nein!», empört er sich. In diesem Fall aber würde die Familie von «Mechmed Z.» von der Invalidenversicherung bloss knapp 3400 Franken erhalten.

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Den an «Mechmed Z.» bezahlten Betrag habe er «mit eigenen Augen gesehen», sagt Pichler. Gegenüber dem Beobachter schliesst er plötzlich nicht mehr aus, dass sein Informant, der für die Berechnung und Auszahlung der Beträge zuständig sei, «etwas ungewollt falsch interpretiert».

Es wäre nicht das erste Mal, dass Pichler rechts an den effektiven Zahlen vorbeischielte. Im März 2000 deckte er bereits eine ähnliche Geschichte auf: Ein Asylbewerber, der von der Fürsorge angeblich 6232 Franken «Monatslohn» bezog, animierte ihn zum Titel «Normallohnempfänger bitte nicht weiterlesen». Wer das trotzdem tat, fand gut versteckt im Text den Hinweis, dass in der Summe eine halbe Monatsmiete vom Vormonat und eine Mietzinskaution von 2000 Franken eingerechnet waren.

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