«Kommen Sie, wir haben Angst!» Der Hilferuf, der bei der Basler Polizei einging, klang seltsam und sehr verzweifelt. Die Einsatzgruppe fand ein völlig verängstigtes Ehepaar vor, das sich in seinem Schlafzimmer eingeschlossen hatte – nicht aus Furcht vor Einbrechern, sondern um sich vor dem gewalttätigen Sohn zu schützen. Ein Streit aus nichtigem Anlass eskalierte derart, dass die Eltern keinen anderen Ausweg mehr sahen, als die Notrufnummer 117 anzurufen.

Solche Einsätze seien in Basel zwar nicht an der Tagesordnung, sagt Jacqueline Frossard, Leiterin des polizeilichen Sozialdienstes Basel-Stadt. Es handle sich aber auch nicht um einen Einzelfall: «Wir beobachten in letzter Zeit eine Besorgnis erregende Zunahme solcher Ereignisse.»

Klagen wie «Ich werde von meiner Tochter bedroht» oder «Mein Sohn schlägt mich» gehen heute täglich beim Elternnotruf Zürich ein. «Die Fälle von ‹Elternmissbrauch› nehmen stark zu», bestätigt Familientherapeutin Karin Gerber. Die anrufenden Eltern wirkten häufig sehr hilflos: Aus Scham tun sich viele schwer damit, offen über das heikle Thema zu sprechen.

Von Gewalttätigkeit betroffen seien keineswegs nur «so genannte Problemfamilien», betont Gerber. «Die Opfer stammen aus sämtlichen sozialen Schichten.» Bei den Täterinnen und Tätern handle es sich oft um «verwöhnte Teenager, denen die Eltern jahrelang keine Grenzen gesetzt haben», so Gerber. «Die Kinder haben die Erfahrung gemacht, dass angedrohte Sanktionen leere Worte bleiben. So bekommen sie die Eltern langsam in den Griff, und die ‹natürliche familiäre Ordnung› ist plötzlich auf den Kopf gestellt.»

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Psychische Attacken fast noch fieser
Die Täter sind in der Regel zwischen 14 und 20 Jahre alt und mehrheitlich männlich. Aber es kommt auch vor, dass eine 15-Jährige ihre Mutter angreift. Mädchen gingen jedoch meist subtiler vor, sagt Josef Sachs, der Leiter des forensisch-psychiatrischen Dienstes des Kantons Aargau. Sie quälten ihre Eltern vor allem verbal und psychisch. «Für die Eltern ist beides schlimm. Aber gegen die körperliche Gewalt kann man sich wenigstens konkret wehren, gegen psychische nicht.»

Typisch sei auch, dass die jugendlichen Täter den Eltern die Schuld für die schwierige familiäre Situation gäben. Diese wiederum erlebt Sachs als stark verunsichert. «Viele Eltern leben isoliert. Es fehlen andere Familien und Bezugspersonen, mit denen sie über die schwierige Situation sprechen können.»

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Josef Sachs geht von einer hohen Dunkelziffer aus. Häufig würden die gewalttätigen Jugendlichen wegen anderer Delikte an den forensisch-psychiatrischen Dienst überwiesen. «Dass sie auch Gewalt gegen ihre Eltern ausüben, stellt sich meist erst im Verlauf der Gespräche heraus.»