Am 11. Mai 2003 wurde in Bern der brutalste und unbegreiflichste Raubüberfall verübt, den es je in der Schweiz gab. Ein Mann fuhr mit dem Fahrrad eine Gasse hinunter, und auf einmal wurde er brutal zu Boden gerissen und von sieben Jugendlichen so lange mit Fusstritten traktiert, bis er sich nicht mehr bewegte. Die Jugendlichen entrissen ihm die Geldbörse und liessen den schwer verletzten Mann einfach liegen.

Es gibt keine Erklärung

Dieser brutale Raubüberfall sorgte landesweit für Schlagzeilen und tiefste Empörung. Schnell versuchte man, der ganzen Sache auf den Grund zu gehen. Wie und warum kam es dazu, dass sieben Jugendliche auf einen einzigen Mann einschlugen, bis er sich nicht mehr bewegte, und nur wegen dem bisschen Münz, das er bei sich trug? Niemand konnte sich das erklären, nicht einmal die Täter selbst.

Nun bin ich einer dieser sieben Täter und sitze schon seit 20 Monaten im Gefängnis und warte auf meine Verhandlung. Sicher wollen Sie jetzt von mir eine Erklärung oder Rechtfertigung dieser Geschehnisse lesen, die habe ich leider selbst nicht.

Wenn ich zurückschaue auf die Tat, die ich am 11. Mai 2003 verübt habe, wird mir schlecht. Mir kommt heute beim Gedanken an diese grauenhafte Tat genauso viel Abscheu und Unbegreiflichkeit entgegen wie Ihnen allen auch. Einen wichtigen Grund sehen meine Psychologen darin, dass wir alle vollgepumpt mit Drogen waren und vor allem, dass wir alle als Kinder geschlagen wurden. Sie sind der Meinung, dass bei uns allen ein grosses Mass an Hass und Brutalität vom Elternhaus mitgegeben wurde und dass die Drogen ausschlaggebend waren, dass diese Situation so extrem eskalierte. Ich allerdings bezweifle das. Ich denke zwar, dass die Drogen mich und meine (ehemaligen) Freunde sicher wesentlich dazu bewogen haben, auf jemanden grundlos einzuschlagen. Aber viel mehr war es meiner Meinung nach der Gruppenzwang und das Rudeldenken. Jeder wollte dem anderen etwas beweisen. Das hört sich vielleicht nach Schwachsinn an, ist es aber nicht.

Ich habe viel über Gruppenzwang und Jugendgewalt recherchiert und dabei festgestellt, dass bei uns allen das so genannte Rudeldenken tief verankert ist. Auch Sie haben bestimmt schon einmal im Leben etwas mit Freunden oder Bekannten getan, das Sie alleine nie gemacht hätten. Wäre ich in dieser Nacht alleine gewesen, hätte sich dieser Vorfall mit Sicherheit nicht ereignet. Leider war ich nicht imstande, alleine zu denken oder zu realisieren, was wir taten.

Eine dunkle, unbekannte Seite

Heute, zwei Jahre später, kann ich mir auch nicht mehr erklären, wieso wir uns alle voneinander gegenseitig steuern liessen.

Wenn ich an diese Nacht denke, dann denke ich nicht an den normalen P., sondern an eine ganz dunkle, mir unbekannte Seite! Ich hatte jetzt zwei Jahre Zeit, um mit dieser Seite für immer abzuschliessen, aber bis es so weit kam, musste ich ins eiskalte Wasser fallen. Die wenigsten Jugendlichen, die straffällig sind oder werden, hören auf ihre Eltern oder auf die Lehrer. Und schon gar nicht auf das Geschwätz eines Jugendarbeiters. Es muss meistens etwas Prägendes passieren, um solchen Jugendlichen einen Grund zu geben, ihre Taten zu bereuen oder zu überdenken.

Für die meisten dieser Jugendlichen muss die Unterstützung aus dem Freundeskreis kommen. Denn ohne die richtigen Freunde wird sich niemand positiv entwickeln. Ich habe jetzt schon herausgefunden, wie sehr ich mich, selbst im Gefängnis, zum Positiven entwickeln konnte ohne meine kriminellen Freunde, die mir stets versuchten Schwachsinn einzureden.

Ich hoffe, dass ich mit diesem Statement vielleicht jemandem von Ihnen helfen kann. Falls ich diesen Wettbewerb gewinnen sollte, möchte ich das Preisgeld dem Opfer spenden, dem ich so viel Leid zugefügt habe.

P. G.

Quelle: Daniel Fuchs
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