Friedhof Enzenbühl in Zürich: Alte Bäume, stille Wege und ein weiter Blick auf den See machen die Anlage zu einem Park. Dennoch entsteht beim Abschreiten der Gräberreihen ein gleichförmiger, gar öder Eindruck. So viele Steine stehen da in gleicher Höhe, Breite und Form mit den immer gleichen Symbolen – Rose, drei Ähren, Feuerschale.

Kein Wunder: Wie sollen Grabsteine vielfältig sein, wo doch die Gemeinden in jeweils eigenen Verordnungen detailliert regeln, was auf ihren Friedhöfen erlaubt ist? Die Vorschriften bestimmen nicht nur, welche Masse die Grabmäler maximal haben dürfen. Sie halten auch fest, dass «das Polieren von Steinen nicht erlaubt ist» (Luzern), «eiserne Einfassungen unzulässig sind» (Zürich) oder «vergoldete Schriften nicht gestattet» werden (Bern).

Mehr Kreativität ist gefordert

Erstaunlich deshalb, welche Vielfalt eine Grabmalausstellung auf demselben Friedhof vor kurzem präsentierte. Zum Beispiel kleine, aufeinander geschichtete Schiefersteine, zusammengehalten von zwei weich geschwungenen Metallteilen. Oder ein grober «Holzrugel», auf dem wie zufällig Klötze in Rot, Gelb, Grün und Blau liegen. Das Verblüffendste bei diesen ungewöhnlichen Kreationen: Sie entsprechen alle den Zürcher Vorschriften.

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«Es stimmt nicht, dass die Vorschriften einschränken», sagt Thom Roelly, Chef des St. Galler Gartenbauamts und Präsident der Friedhofskommission. Sein Amt hat im Ostfriedhof ein Ausstellungsfeld mit beispielhaften Grabmälern eingerichtet. Es soll, so heisst es in einer neuen Broschüre, «die Angehörigen von Verstorbenen anregen, die ausgetretenen Pfade der konfektionierten Grabdenkmäler zu verlassen und kreative Möglichkeiten zu prüfen». Auch Basel und Bern fördern die Friedhofskultur, indem sie jedes Jahr handwerklich und künstlerisch beispielhafte Grabmäler auszeichnen.

Beim aktuellen Grabmalschaffen, meint Roelly, öffne sich eine Schere zwischen sehr gutem Handwerk und Serienprodukten. Wie in anderen Konsumbereichen ist der Konkurrenzkampf hart. Viele Steine werden aus Ländern wie Indien oder Brasilien importiert. Wegen des tiefen Lohnniveaus werden sie dort auch gleich zugeschnitten, geschliffen, gar poliert. In der Schweiz wird nur noch die Inschrift – je nachdem auch bereits vorproduziert – montiert. Das Resultat nennt Meinrad Huber, der Sachverständige für Grabmäler der Stadt Zürich, einen «Grabstein ab Stange».

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Was ist daran negativ? «Man prellt sich um ein Stück Trauerarbeit», ist Huber überzeugt. Man verpasse eine Chance zum Abschiednehmen.

Wie wichtig das Abschiednehmen ist, hat die Ausstellung «Last minute» verdeutlicht, die das Stapferhaus in Lenzburg AG vor einem Jahr mit grossem Publikumserfolg zeigte. Wer die Trauer nicht zulässt, hat es schwer, in neue Lebenssituationen einzutreten. Wie aber kann man Schmerz und Leid in einer Gesellschaft bewältigen, die die Trauer in die Privatsphäre drängt? Viele Rituale, die früher Trauernden Halt gaben – die Aufbahrung zu Hause, der Leichenzug durchs Dorf, Gedenktage wie der Dreissigste, die Trauerkleidung und später der schwarze Knopf am Revers –, sind verschwunden. Doch «die Trauer kann auch unter den veränderten Umständen ihren Ausdruck, ihre Wege der Bewältigung und Anteilnahme finden», schreibt Beatrice Ledergerber Bechter im Katalog zur erwähnten Ausstellung.

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Ausdruck von Individualität

Mit Bedacht einen Grabstein auswählen ist eine Möglichkeit der Bewältigung. Von einem «letzten Dienst am Verstorbenen» spricht Herwig Kühnen von der Grabmalberatungsstelle der Stadt Basel. «Mit dem Grabmal setzt man der verstorbenen Person ein Zeichen», sagt der Zürcher Bildhauer Romano Fenaroli. Der Grabstein soll von der Individualität des Menschen etwas verraten, soll seine Einmaligkeit zum Ausdruck bringen.

Damit das gelingt, müssen die Angehörigen über die verstorbene Person sprechen können. Das wiederum braucht Zeit – was für einmal kein Problem ist. Da Grabmäler ohnehin frühestens nach sechs, acht, gar zwölf Monaten nach der Bestattung gesetzt werden können, haben die Angehörigen alle Zeit, Vorstellungen zu entwickeln und eine Bildhauerin oder einen Bildhauer zu suchen.

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Nach qualifizierten Fachleuten erkundigt man sich bei den Bestattungsämtern der Gemeinden, beim Friedhofsgärtner oder beim VSBS, dem Verband Schweizer Bildhauer- und Steinmetzmeister. Auch auf dem Friedhof kann man sich von guten Beispielen inspirieren lassen. Die Signaturen, die Bildhauer oft auf ihren Werken anbringen, führen zu Fachpersonen, deren Stil einem entspricht.

Städte unterhalten zum Teil eigentliche Beratungsstellen. In Bern kann man sich regelmässig im Bremgartenfriedhof informieren. Auch Basel offeriert eine kostenlose Grabmalberatung. Und Zürich verfügt zusätzlich über eine reiche Stein-, Foto- und Literatursammlung.

Wer den direkten Weg wählt, besucht die Bildhauerin in ihrer Werkstatt. «Dann sieht man, ob jemand vom Fach ist und vom Stein etwas versteht», meint Romano Fenaroli. «Erwarten Sie im Atelier eines guten Bildhauers aber keine grosse Ausstellung fertiger Steine», warnt Meinrad Huber. Denn eine gute Bildhauerin arbeite nach Mass und nicht nach Muster.

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Was man hingegen erwarten darf, sogar zur Bedingung für den Auftrag machen soll, ist ein einfühlsames und fachkundiges Beratungsgespräch. Die Bildhauerin oder der Firmenvertreter sollen sich dafür interessieren, was der Verstorbene für ein Mensch war, was ihm im Leben wichtig war. Diese Informationen soll die Fachperson mit ihren Kenntnissen über Materialien, Formen, Bearbeitungen, Schriftarten und Symbolen verbinden können.

«Man soll von der Person angetan sein und sich nicht drängeln lassen», rät Meinrad Huber. Mathias Held von der Berner Grabmalberatungsstelle empfiehlt, Offerten von diversen Anbietern einzuholen, bevor man sich entscheidet. Wer einen lokal oder regional ansässigen Bildhauer wählt, hat den Vorteil, dass dieser für Nachbesserungen rasch erreichbar und vor allem mit den örtlichen Vorschriften vertraut ist.

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Keine Frage des Geldes

Sauberes Handwerk, künstlerischer Anspruch, kreative Entwürfe: Ist das überhaupt bezahlbar? Ja. Herwig Kühnen betont, dass ein schön gestaltetes Grabmal keine Frage des dicken Portemonnaies ist. Felix Hotz, Präsident des VSBS, konkretisiert: «Schon ab 2500 Franken erhält man einen handwerklich gearbeiteten, individuell gestalteten Grabstein.» Mit Exemplaren aus industrieller Fertigung fährt man nicht günstiger.

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