«Noch schlaftrunken, schwinge ich zuerst das linke, dann das rechte Bein aus dem Bett. Dann gehts ab aufs WC, wo ich bereits erste Widrigkeiten zu überwinden habe, denn die Spülung und das Toilettenpapier befinden sich rechts. Auch das anschliessende Kaffeekochen wird für mich zum Hindernislauf: Nicht nur die Bedienelemente der Maschine sind rechts angebracht, sondern auch die Luke zum Einfüllen des Wassers.»

Szenen aus dem Leben eines Linkshänders. Wie ihm ergeht es rund zehn Prozent der Schweizer Bevölkerung. Hinzu kommen viele ehemalige Linkshänder, die auf die rechte Hand umgeschult wurden. Wie viele der heutigen Rechtshänder ursprünglich über eine dominante linke Hand verfügt haben, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Forscher schätzen, dass rund 35 Prozent der Menschheit Pseudorechtshänder sind.

Der Alltag birgt zahlreiche Hürden für Linkshänder. Besonders das Auto ist reinste Schikane: Zündschlüssel, Schalthebel, Handbremse und selbst das Autoradio müssen mit der rechten Hand bedient werden. Auch beim Bremsen und Gasgeben haben Linkshänder keine Wahl.

Die meisten Elektrogeräte, Musikinstrumente, Sportartikel, Bestecke und Kleider werden ebenfalls ausschliesslich für den rechtshändigen Gebrauch hergestellt. Um Linkshändern den Alltag zu erleichtern, verkaufen verschiedene Anbieter Produkte für Linkshänder, von Haushaltswaren über Büroartikel bis hin zu Möbeln.

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Nicht immer wird Linkshändern in der Gesellschaft mit Verständnis und Akzeptanz begegnet. «Ich stiess während meiner Kindheit oft auf Unverständnis. Glücklicherweise war meine Grossmutter auch links dominant. Das war für mich ein Trost», erinnert sich Psychologin Monika Brunsting. Bis ins 20. Jahrhundert wurde Linkshändigkeit mit Dummheit, psychischen Störungen und Perversionen in Verbindung gebracht.

Linkshändigkeit ist angeboren
Die Gehirnforschung geht heute davon aus, dass Linkshändigkeit vererbt wird. Dies bestätigt die Untersuchung zweier Wissenschaftler der Queens University in Belfast. Sie fanden heraus, dass die Händigkeit bereits vor Geburt festgelegt wird, genauer gesagt in den ersten zehn Wochen der Schwangerschaft, also noch bevor sich im Embryo ein Gehirn entwickelt.

Interessant scheint auch der Ansatz von Rik Smits, Autor des Buchs «Alles mit der linken Hand»: In der Forschung über eineiige Zwillinge kommt es offenbar häufig vor, dass das eine Kind rechts- und das andere linkshändig ist. Ausserdem trete bei Zwillingen ein erhöhter Prozentsatz an Linkshändern auf.

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Bis in die siebziger Jahre wurden viele Linkshänder auf die rechte Hand umgeschult. So auch Marlies Born, Logopädin aus Basel. Bei ihr fand die Umschulung in der ersten Klasse statt. «Das war eine schlimme Zeit für mich. Ich hatte grosse Mühe mit dem Schreiben. Meine Schrift sah wüst aus, und auch heute noch verkrampfe ich mich beim Schreiben. Zudem verwechsle ich häufig links und rechts von den Begriffen her.»

Eine Umschulung der angeborenen Händigkeit, die aufgrund von gesellschaftlichen Zwängen vorgenommen wird, habe massive Auswirkungen, sagt Johanna Barbara Sattler, Autorin des Buchs «Der umgeschulte Linkshänder» und Gründerin der «Ersten deutschen Beratungs- und Informationsstelle für Linkshänder» in München. «Aufgrund dieser gegen die menschliche Natur erfolgten Umschulung kommt es nicht zu einer Umstellung der Dominanz im Gehirn, sondern zu einer Überlastung der nicht dominanten Gehirnhälfte.»

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Eine Umschulung der Schreibhand kann verschiedene Störungen auslösen, wie zum Beispiel Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen, legasthenische Probleme, Raum-Lage-Labilität, feinmotorische Störungen oder Stottersymptome. Hinzu kommen die so genannten Sekundärfolgen wie Minderwertigkeitskomplexe, Unsicherheit, Zurückgezogenheit, Trotzhaltung, Verhaltensstörungen, Bettnässen und Nägelkauen, emotionale Probleme bis ins Erwachsenenalter mit neurotischen oder psychosomatischen Symptomen. Die Umschulung der Händigkeit greift in Gehirnablaufprozesse störend und behindernd ein. Sie zwingt Linkshänder, andauernd weit mehr Kräfte – plus zirka 30 Prozent – einzusetzen, um ihre Intelligenz zu mobilisieren. Noch heute leiden viele Betroffene unter der Umgewöhnung, die während ihrer Kindheit stattfand.

Erfolgreich im Sport
Neben Schattenseiten hat Linkshändigkeit aber auch positive Aspekte. So sollen sich Linkshänder nach Hirnverletzungen und Schlaganfällen schneller und besser erholen. Grund: Ihr Gehirn arbeitet weniger «einseitig», und die Hirnfunktionen verteilen sich auf beide Hirnhälften.

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Weiter befinden sich Linkshänder in einigen Sportarten deutlich im Vorteil: Bei Disziplinen wie Tennis, Fechten, Boxen oder Baseball finden sich mehr erfolgreiche links- als rechtshändige Sportler, weil Letztere wahrscheinlich weniger gut auf Linkshänder eingestellt sind. Beim Tippen von Texten auf dem Computer schreiben Linkshänder anscheinend schneller, da die am häufigsten benutzten Buchstaben wie etwa A, E oder S auf der linken Seite der Tastatur angebracht sind.

Last, but not least befinden sich Linkshänder in guter Gesellschaft: Zahlreiche Prominente wie Bill Clinton, Napoleon Bonaparte, Fidel Castro, Paul Klee, Wolfgang Amadeus Mozart, Albert Einstein oder Marilyn Monroe (Bild) gehören zu ihren «Leidensgenossen».