Alles begann mit einem Kater. Jeden Morgen, wenn Ron Levi zur Arbeit aufbrach, schaute er in Charlies ­Augen und sah darin diesen traurigen, vorwurfsvollen Blick, der ihn den ganzen Tag ­verfolgte. Levi, der damals noch Fernsehen für Menschen machte, fühlte sich schuldig, wie so viele Haustierbesitzer, wenn sie ihren Hund oder ihre Katze allein daheimlassen.

Bis Levi eines Tages realisierte, dass Charlie auf Fernsehen steht. Von da an schaute der Kater nicht mehr vorwurfsvoll, sondern fern, und Levi dachte sich: Wieso nicht den Fern­seher nutzen, um Tiere gezielt zu unterhalten? Mit einem speziell auf sie zugeschnittenen Programm? Weil er bei Hundehaltern das stärkste Bedürfnis erkannte, plante er einen Kanal für Hunde. Seither gilt Ron Levi als Spinner. Das kann er sogar verstehen: «Immerhin ist DogTV der weltweit einzige Kanal für Tiere. Aber wenn Haustierexperten sowieso empfehlen, Radio oder Fernseher für allein gelassene Haustiere laufen zu lassen, wieso nicht mit einem speziellen Programm?»

Den Bildschirm abgeschleckt

Zwei Rochen schweben minutenlang über dem Meeresgrund, dazu ruhige klassische Musik. Schnitt. Nächster Kurzfilm. Ein bizarrer Colobusaffe, tiefschwarz, mit langen weissen Fellfransen am Rücken, sitzt gekrümmt auf einem Baumstumpf. Dazu brummt schwer ein Cello und klimpert gemächlich ein Klavier. Schnitt. Ein Hund steht stramm wie eine Galionsfigur auf einem Felsvorsprung und lässt seinen Blick gen Sonnenuntergang in die Ferne schweifen. Vogelrufe, eine Western­gitarre. Irgendwann legt sich das Tier hin und hechelt. Eine Kinderstimme sagt «Good boy» – und später «I love you».

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Testhund Skye aus Seengen im Kanton Aargau kann offenbar kein Englisch. Die Endlosschleife von Kurzfilmen auf DogTV lässt ihn völlig kalt, genau wie die aufmunternde Kinderstimme. Keine Regung, nichts. Dabei ist er ein Border-Terrier, und er gilt als Lieb­haber von Tierfilmen. Besonders für katzen­artige Tiere auf dem Bildschirm kann er sich begeis­tern.

Von ganz anderen Reaktionen berichten Tierhalter auf Youtube, wo einige dieser Filmchen aufgeschaltet sind. «Mein Hund hat den Bildschirm abgeschleckt und vom Anfang bis zum Ende geschaut», kommentiert ein Frauchen euphorisch den Clip «DogTV Stimula­tion: A Beagle and a Pekingese». Er zeigt zwei Hunde, die eine grasgrüne Wiese beschnüffeln und dann fröhlich hüpfend herumtollen zu Vogelgezwitscher, Schnalzgeräuschen, Glockengebimmel, Gequake, Klaviermelodien und weiteren Klängen aus dem Synthesizer. Es finden sich jedoch auch Kommentare wie: «Dieser Quatsch macht meinen Hund fertig. Er läuft ständig davon. Jetzt bellt er sich im Spiegel an.»

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Keine Werbepausen – Hunde kaufen nicht

Der menschliche Zuschauer bleibt etwas ratlos ob der Banalität des Programms mit den einschläfernden Inhalten im Bildschirmschoner-Stil, den simplen Animationen, bei denen zum Beispiel farbige Kugeln auf einer weissen Unterlage hin- und herspicken, den Lehr­filmen, mit denen Hunde für verschiedene ­Situationen sensibilisiert werden sollen: fürs Autofahren, für die Ankunft des Pöstlers oder für den Besuch einer Tierarztpraxis. Werbeunterbrechungen gibt es keine auf DogTV, denn «Hunde kaufen nicht», so Ron Levi, ­Gespräche auch nicht («Hunde mögen das nicht»), und vor allem gibt es keine angst­einflössenden oder irritierenden Inhalte wie Feuerwerk, Krokodile oder bellende Hunde.

Die drei- bis sechsminütigen Clips seien speziell auf Hunde zugeschnitten, sowohl akustisch als auch optisch. Dutzende Studien über die Art und Weise, wie Hunde die Welt wahrnehmen, hat Ron Levi gemeinsam mit Veterinären und Zoologen ausgewertet. Darum filmen die Kameraleute auf Kniehöhe, weil bodennahe Perspektiven das Interesse der Hunde offenbar eher wecken. Das Videomaterial ist nachträglich koloriert: Die ­Farben wirken intensiver, das Gras leuchtet grün, das braune Hundefell fast schon orange, und der Rest hat einen pink­farbenen Stich. Als sei etwas mit den Bildeinstellungen nicht in Ordnung. «Hunde sehen um ein Vielfaches schlechter als Menschen; hauptsächlich Blau, Gelb, Schwarz, Weiss und Schattierungen davon. Die verstärkten Farben sollen ihnen helfen, die Inhalte besser zu erkennen», ­erklärt Ron Levi.

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Haben Hunde Musikgehör?

Eigens komponierte Musik soll die Hunde auch akustisch unterhalten. Was für Menschenohren nach zufälligem Gedudel klingt, könnte bei Hunden tatsächlich einen Reiz auslösen. Das hält der schweizerisch-amerikanische Tierpsychologe Dennis C. Turner aus Horgen zumindest für möglich. Er kennt zwei der beteiligten DogTV-Experten: «Ich halte grundsätzlich wenig von DogTV. Aber Professor Nicholas Dodman und Doktor Marty Becker sind beide sehr angesehene Veterinäre. Ich traue ihnen zu, dass die Programminhalte physiologisch Sinn ergeben.»

Testhündin Donna aus Winterthur – Rasse: Spinone italiano – lässt sich von all dem nicht beeindrucken. Sie straft DogTV mit völliger Gleichgültigkeit und lässt sich weder von den visuellen noch den akustischen Reizen dazu animieren, auch nur ein einziges Mal auf den Bildschirm zu schauen. Dabei ist Donna an optischen ­Signalen normalerweise sehr interessiert.

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«Das Problem ist, dass Hunde auf eine Summe von Gerüchen, Bewegungen und Geräuschen setzen, um ihre visuellen Mankos zu kompensieren, und das kann das Fernsehen nicht bieten», sagt Donnas Besitzerin, die Zoologin und Verhaltensforscherin Sonja Doll Hadorn. «Es ist fraglich, ob die Hunde auf dem Bildschirm überhaupt etwas erkennen.» Artgenossen zum Beispiel, die auf einem durchschnittlich grossen Monitor kaum grösser erscheinen als ein Meerschweinchen, oder den Tierarzt im Lehrfilm.

«Es müsste schon ein sehr abstraktions­fähiger Hund sein, der begreift, dass der Mann im weissen Kittel einen Tierarzt darstellen soll», sagt Doll Hadorn. Der Durchschnittshund werde deswegen höchstens kurzfristig Interesse am Programm zeigen. Es gebe zwar durchaus Hunde, die es lange vor dem Fernseher aushielten, allerdings weniger wegen der Bilder als vielmehr ­wegen der entspannten Wohnzimmer­atmosphäre: Der Hund wird von seinem Halter mit zusätzlichen Streicheleinheiten belohnt oder bekommt hie und da vielleicht ein paar Chips ab. «Allein wird ein Hund aber kaum länger als zehn Minuten am Stück fernsehen.»

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«Beruhigt das Gewissen des Besitzers»

Das sieht auch DogTV-Gründer Ron Levi so. Die Aufmerksamkeit von Hunden sei sehr flüchtig, deswegen seien auch die ­einzelnen Clips so kurz. DogTV sei nicht als Hauptbeschäftigung gedacht, sondern solle Hunden helfen, sich weniger allein und gelangweilt zu fühlen. Dennis C. Turner bezweifelt, dass das auf Dauer funktioniert: «Bestimmt werden manche Hunde anfangs auf die Kurzfilme reagieren. Aber sie werden sich an die Reize gewöhnen und nach ein paar Tagen das Interesse ­daran verlieren, wie ein Kind das Interesse an einem neuen Spielzeug verliert.»

In den USA ist die Situation etwas anders. Dort ist es üblich, dass den ganzen Tag irgendwo ein Fernseher läuft, und der Prozentsatz an sogenannten Indoor-Dogs, also Hunden, die selten das Haus verlassen, ist deutlich höher als in Europa. ­«Solche Hunde sind auf jeden noch so spärlichen Reiz innerhalb der vier Wände angewiesen. Klar, dass sie eher auf Hunde-TV reagieren», sagt Sonja Doll Hadorn. Für solche Hunde könne DogTV tatsächlich ­eine Verbesserung sein. Hunde­gerecht sei das dennoch nicht, denn Fernsehen könne den Kontakt zum Menschen und gemeinsame Aktivitäten im Freien nicht kompensieren. «DogTV beruhigt wohl vor allem das Gewissen des Besitzers.» Dennis C. Turner pflichtet ihr bei: «DogTV ist typisch amerikanisch.» Entsprechend befremdend klingt die Aussage des Tierpsychologen Warren Eckstein, der auf der DogTV-­Website zu Wort kommt: «Schauen wir der Tat­sache ins Auge: Unsere Gesellschaft sieht fern, warum sollten Hunde nicht auch die Möglichkeit haben?» Turner, der im Berufsverband der diplomierten tierpsychologischen Berater (Vieta) selber Tierpsychologen ausbildet, kann da nur den Kopf schütteln. «Das ist der grösste Blödsinn, den man als Argument für ­Hundefernsehen vorbringen kann.»

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Seit einem Jahr ist DogTV auf dem amerikanischen Pay-TV-Sender DirecTV zu empfangen, in Südkorea gibt es zwei Plattformen mit Hunde-TV, eine dritte soll bald folgen, in Japan ist DogTV am 1. Juni gestartet. In der Schweiz hat Ron ­Levi ebenfalls schon Gespräche geführt «mit Leuten, die sehr interessiert daran» seien, DogTV zu uns zu bringen. Im Internet und via App ist das Hundefernsehen aber schon jetzt zu sehen. Ein Monatsabo kostet rund neun Franken, ein Jahres­abo ist für gut 70 Franken zu haben. Genaue Nut­zer­zahlen will Levi nicht kommunizieren, aber überall, wo es Hunde gebe, gebe es ­jemanden, der DogTV abonniere. «Die Schweizer sind hoffentlich ein bisschen kritischer», sagt Haustierexperte Turner.

Und Charlie, der Kater? Der hat vergeblich auf CatTV gewartet, das bald folgen könnte. Charlie starb, bevor das Hundefernsehen zum Erfolg wurde. «Aber er wäre ­sicher stolz», ist Ron Levi überzeugt. «Er ist der wahre Gründer von DogTV.»

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