Der Mensch und das Haustier sind ein treues Gespann: In der Schweiz lebt rund die Hälfte der fast zwei Millionen Hunde- und Katzenbesitzer seit über zehn Jahren schon mit ihrem Tier zusammen. Für viele Menschen gehören die Tiere quasi zur Familie. Drei von vier Hundehalterinnen und Hundehaltern, so zeigen Umfragen der Tierfutterproduzenten, betrachten ihren Vierbeiner als «guten Freund».

In vielen Familien und Wohngemeinschaften bereichern die tierischen Mitbewohner das Zusammenwohnen. Alleinlebenden leisten sie Gesellschaft und geben ihnen das Gefühl, gebraucht zu werden. Hausgenossen mit Fell, Flügeln, Panzer oder Schuppen machen Kindern Spass und heben die Laune im Seniorenheim. Und Vierbeiner, die Gassi geführt werden wollen, bringen Herrchen und Frauchen täglich auf Trab.

Wen kümmern da schon Kratzspuren an der Tür, miefende Katzenklos, Hundehaare auf dem Sofa, Notfallbesuche beim Tierarzt oder die Schleppereien mit dem Futter? «Tiere geben einem viel mehr zurück, als man ihnen geben kann», ist Karin Penne überzeugt. Die allein erziehende Mutter und Hausfrau lebt mit ihren Kindern Ramona und Fabio in einer Genossenschaftssiedlung in Zürich, zusammen mit der Hündin Djanga, mit zwei Meersäuli und ungefähr 40 Fischen.

Ein Leben ohne Tiere kann sich Karin Penne nicht mehr vorstellen; schon als Teenager hat sie die Hunde von Nachbarn spazieren geführt. Auch ihre Kinder lieben Tiere heiss: Die kämpfenden, küssenden oder gebärenden Fische haben ihnen schon manche Stunde vor dem Fernseher ersetzt. Und mit Djanga und den Meersäuli können die Kinder schmusen, spielen und herumtollen. «Tiere artgerecht zu umsorgen, sie zu beobachten und mit ihnen liebevoll umzugehen ist für Kinder eine wunderschöne und lehrreiche Beschäftigung», findet Karin Penne. Allerdings müsse man Kinder gut auf ihre Pflichten vorbereiten: «Als Vierjährige war meine Tochter noch überfordert damit, den Meersäulistall selbstständig einmal pro Woche auszumisten.»

Bestätigung in ihrer Tierliebe erhalten Tiernarren wie Karin Penne von wissenschaftlicher Seite: Untersuchungen zeigen, dass Kinder, die mit Tieren aufwachsen, ein höheres Selbstwertgefühl haben. Auch lernen sie schneller, nicht verbale Kommunikationssignale zu deuten, und werden gegenüber Kindern, die ohne Tier gross werden, in der Schulklasse als Sozialpartner bevorzugt. Innerhalb der Familie dienen Tiere zudem als Puffer in Krisen. Auch Ehepaare sollen mit Hilfe ihrer Heimtiere, so zeigen Studien, besser mit zwischenmenschlichen Spannungen umgehen können.

Haus- und Besuchstiere fördern die psychische und körperliche Gesundheit: Sie wirken zum Beispiel stressmindernd auf den Menschen. Australische Forscher haben herausgefunden, dass Blutdruck und Pulsrate von Versuchspersonen deutlich sinken, wenn sie mit einem Tier zusammen sind und es streicheln. «Je besser die Beziehung, desto stärker ist dieser Effekt. Es genügt aber bereits, wenn sich Menschen und Tiere, die sich nicht kennen, im selben Raum aufhalten», ergänzt Dennis C. Turner, Verhaltensforscher und Präsident des Instituts für interdisziplinäre Erforschung der Mensch-Tier-Beziehung (IEMT) in Zürich. Hunde- und Katzenhalter bräuchten zudem weniger Medikamente und suchen seltener den Hausarzt auf als andere Menschen.

Besonders kranke Menschen profitieren vom Zusammensein mit Tieren: So haben Personen, die einen Herzinfarkt erlitten haben und mit Hund, Katze, Fisch oder Vogel zusammen wohnen, deutlich höhere Überlebensraten als Infarktpatienten ohne Tierkontakt. Und zu Hause betreute Alzheimerkranke, die an einem Besuchsprogramm von Menschen-Hunde-Teams teilnehmen, können sich besser konzentrieren, sie lächeln mehr und nehmen mehr Augenkontakt mit ihren Mitmenschen auf. Die Zuneigung und das Vertrauen, das solche «Social Dogs» den Menschen schenken, würden auch zu einer Öffnung gegen aussen und somit zu besseren Kontakten zu den Mitmenschen führen, betont Dennis C. Turner. «Dass sich solche Menschen in der Folge weniger abkapseln und mehr Sozialkontakte aufnehmen, wirkt sich schliesslich auch für Familienmitglieder und Pflegende positiv aus», folgert der Pionier für Mensch-Tier-Beziehungen.

Deshalb sind Katzen, Hunde und andere Kleintiere auch in Alters- und Behindertenheimen immer häufiger und lieber anzutreffen. Der Kontakt mit samtpfotigen oder gefiederten Hausgenossen ist für viele Bewohnerinnen und Bewohner eine willkommene Abwechslung im Heimalltag. Oft ist es möglich, dass Pensionäre ihre kleineren Haustiere mit ins Altersheim bringen können. Andernorts hält das Heim ein oder zwei hauseigene Tiere. So sind im Stadtzürcher Altersheim Doldertal bei den demenzkranken Menschen seit sechs Jahren auch zwei Katzen zu Hause. «Nahezu alle Bewohner haben riesige Freude an den Katzen, und wer sie nicht mag, kommt gut an ihnen vorbei», sagt Veronika Lüssi, stellvertretende Leiterin des Heims. Die Katzen würden vielen Dementen Trost und Wärme spenden, und manche würden die Tiere wegen ihres weichen Fells am liebsten jede Nacht bei sich im Bett haben.

«Tiere sind allerdings kein Allheilmittel und kein Ersatz für menschliche Beziehungen», gibt Dennis C. Turner zu bedenken. Menschen brauchen nach wie vor Menschen. Haustierverbote jedoch, wie sie in manchen Altersheimen und Mietverträgen noch gebräuchlich sind, hält der Fachmann nicht mehr für zeitgemäss: «Heimtiere sind zu bereichernd, als dass man sie einfach verbieten dürfte.»

«In der Schweiz ist eine generelle Tierverbotklausel im Mietvertrag leider immer noch zulässig und mehr oder weniger gebräuchlich», sagt der Jurist Christoph Steiger vom Schweizerischen Mieterinnen- und Mieterverband. Man könne sich fragen, ob dies nicht gegen die Persönlichkeitsrechte verstosse. Das Bundesgericht ist da anderer Meinung: Hat der Mieter den Vertragspassus mit einem Haustierverbot unterschrieben, muss er sich daran halten und darf zum Beispiel keinen Hund halten. «Meerschweinchen, Hamster, Wellensittiche, Kanarienvögel und andere unproblematische Kleintiere sind allerdings erlaubt, sofern sie nicht in grosser Zahl gehalten werden», ergänzt Christoph Steiger.

«Grundsätzlich sollte keinem Menschen die Tierhaltung verwehrt werden», findet auch der Infektiologe Christian Ruef vom Unispital Zürich: Die allfälligen Gesundheitsrisiken bei der Heimtierhaltung seien im Vergleich zu den positiven Wirkungen auf die Gesundheit gering. Gesunde könnten sich bei ihrem Tierarzt darüber informieren, wie man gegen Tollwut, Spulwurmbefall oder Toxoplasmose vorbeugen kann. «Allergiegefährdete, Schwangere, Menschen mit Immunschwäche und chronisch Kranke müssen aber vorsichtig sein beim Umgang mit Tieren und sich bei ihrem Hausarzt über mögliche Risiken informieren», rät Christian Ruef.