So einen Sommer hat Hermine Dörig noch nicht erlebt. «Wir sind mit der Arbeit kaum nachgekommen. Ich hatte keine ruhige Minute», sagt die beim jurassischen Tierschutzverein AJPA Verantwortliche für Kleintiere. Überall seien Katzen ausgesetzt worden, so viele wie nie zuvor. Dabei habe sie schon vor den Sommerferien nicht mehr gewusst, wohin mit den Büsi, die man bei ihr abgegeben hatte.

Tausende von Katzen jedes Jahr

Den grossen Schock erlebte Hermine Dörig in der letzten Juliwoche. In einem einsamen Waldstück in der Nähe von Pruntrut war eine Schildpattkatze gefunden worden – fest verschnürt in einer Caritas-Bananenkiste. Die Katze war stark abgemagert, sah wie eine Katzengreisin aus. Bei der Untersuchung durch den Tierarzt stellte sich heraus, dass das Tier höchstens drei Jahre alt war. «Ich kann nicht verstehen, dass man eine Katze so ablegt. Sie hätte keine Chance gehabt.»

Lange Zeit habe es den Anschein gemacht, dass die Informationskampagnen wirken, sagt Anouk Benziad, Leiterin des Katzenheims des Basler Tierschutzbundes. Doch die vergan­genen ein, zwei Jahre haben die Tierschützerin ernüchtert. «Allein im ersten Halbjahr mussten wir mehr Katzen auf­nehmen als vor 20 Jahren in einem ganzen Jahr.»

«Viele sind gegenüber ihren Vierbeinern einfach nur gleichgültig.»

Anouk Benziad, Leiterin des Katzenheims des Baslers Tierschutzbundes

Am schlimmsten sei es aber während der Sommerferien gewesen. Die Tierschützer von Vier Pfoten sprechen von «rund 20'000 ausgesetzten Tieren pro Jahr». Es handle sich um eine Schätzung, relativiert Sprecherin ­Valenda Penne. Die Zahl umfasse nur Tiere, die in Heimen des Schweizer Tierschutzbundes abgegeben wurden.

Offizielle Statistiken über aus­gesetzte Tiere gibt es keine für die Schweiz. Sie wären angesichts der hohen Dunkelziffer wohl auch nur bedingt aussagekräftig. Sich selbst überlassene Katzen und erst recht Kaninchen, Hamster und Meerschweinchen werden oft gar nicht gefunden. Sie verwildern oder sterben einen einsamen Tod. «Das Problem ist nicht der Sommer, sondern dass sich Leute Haus­tiere zulegen, ohne sich Gedanken zu machen, was mit ihnen passieren soll, wenn sie in die Ferien fahren», sagt Penne. «Wenn man eine Woche vor Abfahrt noch schnell einen Platz sucht, wirds sehr schwierig.»

Die meisten Heime seien dann längst aus­gebucht, sagt sie. Dass derzeit so viele Tiere ausgesetzt werden, sei ein Krisenphänomen, sagt die Baslerin Anouk Benziad. Viele Katzen würden bei ihr abgegeben, weil die ­Besitzer eine notwendige Behandlung beim Tierarzt nicht bezahlen wollen oder können. Viele seien gegenüber ihren Vierbeinern aber einfach nur gleichgültig. Immer mehr Katzen, die in Heimen landen, kommen aus zweiter Hand. Sie hatten in ihrem kurzen Leben schon mehrere Besitzer.

Auch teure Rassetiere werden abgegeben, etwa Bengalkatzen mit einwandfreiem Stammbaum, die bis zu 1800 Franken kosten. Oder Perser­katzen, weil man keine Lust mehr hat, sie täglich zu kämmen.

Hunde werden nur selten ausgesetzt

Anders ist die Lage bei Hunden; im vergangenen Jahr wurden bloss fünf Fälle bekannt. Tierschutzkreise erklären sich das mit den höheren Anforderungen, die an Halter gestellt werden, und mit der Chippflicht für Hunde. ­Politisch hat die Forderung, auch alle Katzen zu chippen, wenig Chancen. Der Bundesrat lehnte das vor zwei Jahren ab. Der Aufwand sei zu gross. Auf das Problem, dass immer mehr Katzen ausgesetzt werden, ging er nicht ein, und geschehen ist seither nichts. In Deutschland dagegen diskutieren die Länder seit letztem Frühling eine Chippflicht für Katzen – als Massnahme gegen das Aussetzen der Tiere.