Neugierig beobachtet Pascal die kleinen Hunde. Manchmal grapscht er auch nach einem der knuddeligen Tiere. Dann greift seine Oma Erika Bolt jeweils energisch ein, um zu verhindern, dass Pascal den Tieren ungewollt wehtut. Erika Bolt leitet die Beratungsstelle des Tierschutzvereins in der Stadt St. Gallen. Sie weiss: Tiere mit Kleinkindern allein zu lassen kann gefährlich werden - für Kind und Tier. «Die Kinder meinen das ja nicht bös, aber sie packen ein lebendes Tier genau so an wie ein Stofftier.» Deshalb gelten in ihrem Haus auch klare Regeln: Ihr Enkel hat allein keinen Zugang zu den Räumen, in denen die Tiere leben, und umgekehrt ist das Kinderzimmer tabu für die Tiere - «auch aus hygienischen Gründen».

Als Tierschützerin erklärt Erika Bolt Eltern, die Interesse an einem Haustier haben, immer wieder, dass ein Tier für das Kind kein billiger Babysitter ist. Es fordert Aufmerksamkeit, Zuwendung, viel Zeit - vor allem die der Eltern. Denn Kinder brauchen Aufsicht und Anleitung, wie sie für ein Tier sorgen müssen.

«Kleinkinder sind noch nicht in der Lage, Hund und Katze als eigenständige Lebewesen zu betrachten und sie mit Respekt zu behandeln», sagt die St. Galler Psychologin und Psychotherapeutin Elisabeth Frick Tanner. Sie könnten die Bedürfnisse des Tiers nicht wahrnehmen. Für das Kind sei ein Haustier dazu da, seine eigenen Bedürfnisse zu befriedigen. Wann es so weit sei, für ein Tier zu sorgen, hänge von seiner Entwicklung ab. «Ab acht Jahren sollte es im Allgemeinen gehen. Einige jedoch schaffen es nie.»

Vor allem Hunde sind für Eltern sehr betreuungsintensiv. «Ein Hund muss gut erzogen sein, und die Erziehung muss von den Erwachsenen kommen», sagt Erika Bolt. In der Hierarchie einer Familie stellt sich ein erwachsener Hund in der Regel über ein kleines Kind. Er kann in dem kleinen Menschen kein Leittier sehen. Wer hier wen auf welche Weise zu respektieren hat, müssen Kind und Hund erst lernen.

Da ist es hilfreich, wenn der Hund familienfreundlich ist. Wer einen Hund mit dieser Eigenschaft sucht, sollte danach fragen, wie das Tier die prägenden ersten Wochen seines Lebens verbracht hat. Hunde, die in dieser Zeit viel Kontakt zu Menschen hatten und in einer Familie mit Kindern lebten, werden es leichter haben, sich an eine neue Familie zu gewöhnen. Die Faustregel laut Bolt: «Das Tier sollte so aufgewachsen sein, wie es später leben soll.» Was es in der Sozialisierungsphase nicht gelernt und erlebt hat, macht dem Tier häufig Angst - und die kann sich als Aggressivität äussern. Bei Findlingen aus dem Tierheim ist Vorsicht angebracht: Niemand kennt die Vorgeschichte der Vierbeiner.

Auch kleine Tiere fordern grossen Aufwand
Erika Bolt ist überzeugt, dass aus dem Umgang mit einem Haustier eine Beziehung wachsen kann, bei der das Kind Schutz und Wertschätzung erlebt. Allerdings: «Alle in der Familie müssen mit dem Tier einverstanden sein. Sonst ist es besser, es sein zu lassen», sagt Bolt.

Ebenso wichtig wie die Entscheidung für oder gegen ein Haustier ist die Wahl der Tierart. Von nachtaktiven Tieren wie Hamstern oder Chinchillas rät Erika Bolt ab, denn die schlafen tagsüber. Auch die Höhe der Lebenserwartung spiele eine Rolle. Womöglich bleibt das Tier länger im Haus als das Kind. Ein Meerschweinchen wird bis zehn Jahre alt, Kaninchen leben ebenso lang, Katzen können sogar über 20 werden. Und viele Schildkrötenarten können ihre Betreuer weit überleben. Zudem sind Reptilien sehr pflegeintensiv, ihre Haltung ist nicht billig und erfordert ein hohes Mass an Fachwissen, Leidenschaft und eine geeignete Infrastruktur.

Doch nicht nur bei anspruchsvollen Tieren wie Schildkröten oder Schlangen sollte man vor dem Kauf die Folgekosten beachten, etwa für Futter, Käfig, Tierarztbesuche und Kastration. Auch für einen Kater vom Bauernhof müsse man rund 300 Franken aufwenden, damit das Tier den notwendigen Impfschutz erhält und von Spulwürmern und Flöhen befreit wird - die auf Menschen übertragen werden können.

Bei einer Katze veranschlagt Erika Bolt Jahreskosten bis 800 Franken, bei einem Hund bis 2000 Franken. Auch Kleintiere sind nicht billig: Meerschweinchen und Kaninchen etwa sind Rudeltiere, man muss mindestens zwei bis drei Tiere zusammen halten und ihnen genügend Auslauf bieten. Gerade Kaninchen mögen grosse Freilaufgehege mit Unterschlüpfen sowie Möglichkeiten zum Buddeln, Hoppeln und Hakenschlagen. Solche Gehege kosten zwischen 300 und 600 Franken. Auch Allergien auf Tierhaare können ein Argument gegen den Kauf sein.

Familien ohne Tier können trotzdem Erlebnisse mit Tieren haben, etwa auf einem Bauernhof. Oder bei einer Oma, die Hunde hat.

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Tierschutz: Änderungen im Gesetz

Seit dem 1. September 2008 gilt die neue nationale Tierschutzgesetzgebung. Die wichtigsten Änderungen für die Heimtierhaltung im Überblick.

  • Hunde: Neu gilt eine Ausbildungspflicht für Hundehalter. Sie müssen vor dem Kauf eines Hundes einen Theoriekurs besuchen. Dies gilt nur, wenn der Hund nach dem 1. September gekauft wurde.
  • Katzen: Katzen müssen täglich Umgang mit Menschen oder Sichtkontakt zu anderen Katzen haben. Rückzugsmöglichkeiten, Kletter- und Kratzgelegenheiten sowie ein Katzen-WC sind ab 2013 Pflicht.
  • Meerschweinchen und Co.: Als sozial lebende Tiere dürfen sie nicht allein gehalten werden. Ihr Gehege muss mindestens einen halben Quadratmeter gross sein. Jedem Tier müssen eine Schlafbox, Nageobjekte, Heu und Vitamin-C-haltiges Futter zur Verfügung stehen.