Lima zuckt kein einziges Mal zusammen. Selbstbewusst trabt der sechs Monate alte Staffordshire-Bullterrier neben seinem Meister auf den grünen Rasen mitten in Glattbrugg ZH. Der Hundeplatz liegt ganz in der Nähe des Flughafens Kloten, und es scheint hier fast, als könne man die Bäuche der Flugzeuge berühren, wenn man die Hand nur genug weit ausstreckte. Aber Lima, die ihrer Rasse wegen auch «Kampfhund» genannt wird, würdigt die weissen Riesen keines Blickes. In den nächsten 60 Minuten werden sie und ihr Herrchen, der 25-jährige Roni Keller, lernen, wie sie an lockerer Leine andere Hunde und Menschen passieren – und noch einiges mehr.

Es ist an diesem Frühlingsmorgen die zweite von vier Praxisstunden, wie sie jede in der Schweiz lebende Person absolvieren muss, die nach dem 1. September 2008 einen Hund erworben hat. Mit diesem Training bekommt der Hundehalter den Sachkundenachweis SKN (siehe Box «Der Sachkundenachweis (SKN)»), der mit der Revision des Tierschutzgesetzes obligatorisch wurde. Dies ist auch eine Reaktion auf Hundeattacken in den letzten Jahren. Besonders jener tragische Vorfall 2005 in Oberglatt ZH, wo drei Pitbulls einen Sechsjährigen zu Tode bissen, führte zu aufgeregten Debatten und dazu, dass diverse Kantone strengere Hunde- und «Kampfhund»-Gesetze erliessen. In einigen Kantonen sind bestimmte Rassen mittlerweile sogar verboten.

Disziplin an lockerer Leine

Lima wäre jetzt nicht hier, wenn es das Gesetz nicht vorschriebe. Lieber hätte Roni Keller mit ihr eine Schutzhundausbildung absolviert. Er sagt, dass es ihm nicht darum gehe, dem Hund das Angreifen beizubringen, sondern um die Disziplin: «Da ist die Schutzhundausbildung tougher als die Begleithundausbildung.» Aber Limas Rasse sei nicht zugelassen, bedauert der Kurzgeschorene und blickt liebevoll auf die gedrungene schwarz-weisse Hündin hinunter, die auf den Hinterbeinen sitzt und ihrerseits lieb zu ihrem Halter hochschaut.

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Jetzt sind die beiden an der Reihe. Es gilt, an lockerer Leine, ohne Gezerre und ohne sich von den äusseren Einflüssen ablenken zu lassen, um das Hündchen Dude herumzuspazieren. Dude ist ein russischer Toyterrier – winzig, feingliedrig, zerbrechlicher wirkend als jede noch so dünne Katze. Und zappelig ist er auch, der sieben Monate alte Rüde der neunjährigen Joanna. Das macht es für Keller und Lima nicht ganz einfach. Ruhig gibt der Halter seiner Hündin ein Zeichen, dass sie sich erheben soll, ein Blick nur, und schon steht sie auf allen vieren, erwartungsvoll. Dann trippelt die kräftige Hündin neben ihrem Zweibeiner her, die Leine hängt locker zwischen ihnen, immer wieder blickt sie zu ihrem Halter hoch, bis sie wieder am Ausgangspunkt ankommen. Es scheint ganz so, als hätten die beiden das schon seit Limas Geburt trainiert. Kursleiterin Veronica Dieth, die das Team aufmerksam beobachtet hat, ruft anerkennend: «Perfekt! Ihr könnt ja schon alles, das ist fast langweilig.»

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Das neue Tierschutzgesetz will es so: Zwei- und Vierbeiner in der Schule.

Quelle: Jupiterimages Stock-Kollektion

«Eine starke Bindung ist das A und O»

Dieth hat als Tierärztin und erfahrene Hundetrainerin eine Bewilligung direkt vom Bundesamt für Veterinärwesen und ist eine der wenigen, die sich nicht zur SKN-Trainerin ausbilden lassen mussten. Deshalb ist sie auch eine der Ersten, die diese obligatorischen Kurse für Hundehalter anbieten kann. Einen starr vorgegebenen Lehrplan gibt es nicht, Dieth stellte den ihren selber zusammen und liess ihn vom Bundesamt absegnen. «Das Wichtigste, was die Hunde und ihre Halter beherrschen müssen, ist das Abrufen», sagt sie. «Dass der Hund also kommt, wenn sein Besitzer ihn ruft.» Und das klappe bei allen hier anwesenden Teams bereits sehr gut, obwohl einige der Hunde noch ganz jung sind: «Man sieht bei den meisten Teilnehmenden, dass sie zu Hause üben. Die Hunde haben einen guten Grundgehorsam und eine starke Bindung zu ihren Haltern, das ist das A und O.»

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Dass sich viele Menschen, insbesondere Mütter kleiner Kinder, vor Hunden fürchten, erst recht seit dem Vorfall in Oberglatt, hat selbst Tierärztin Dieth, die eine deutsche Schäferhündin besitzt, schon am eigenen Leib erfahren: «Es ist wichtig, die Angst der Leute zu erkennen – hilfreich wäre aber auch, wenn die Betroffenen von sich aus sagen würden, dass sie Angst haben.» Denn dann könne der Halter reagieren und seinen Hund an die Leine nehmen. Umgekehrt sollte es selbstverständlich sein, dass Halter ihre Hunde zur Seite nehmen, wenn Radfahrer oder Reiter passieren: «Aber auch dass diese sich bemerkbar machen, vor allem wenn sie von hinten kommen, wäre wünschenswert – man muss ja irgendwie aneinander vorbeikommen, und dazu braucht es gegenseitigen Respekt.»

Von Rasseverboten, Maulkorbpflicht und überhaupt vom Begriff «Kampfhunde» hält Dieth wenig: «Diese Kurse sind viel sinnvoller als Verbote» – obwohl je vier Stunden für Theorie und Praxis viel zu wenig seien. «Nur schon das Erkennen und Belohnen, wenn der Hund von sich aus Kontakt mit dem Halter aufnimmt, wäre eine Stunde für sich. Und die Erziehung eines Hundes ist ohnehin nie abgeschlossen.»

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Aber besser vier Stunden als gar nichts, werden sich die Behörden gesagt haben. Sie liessen sich bei der Ausarbeitung des neuen Gesetzes von Tierschützern und Kynologen beraten. Als dann klar war, dass alle, die einen neuen Hund erwerben, diese Kurse belegen müssen, gab es auch Kritik. Nicht nur die Frage, wie die Umsetzung überhaupt vonstattengehen solle, was beigebracht werden soll und von wem, sorgte für Unmut. Auch Sinn und Zweck der Kurse sind heute noch umstritten.

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Erfahrene Hundehalter, die die Erziehung schon vor dem Obligatorium ernst nahmen und sogar schon eine oder mehrere Hundeausbildungen absolvierten, sehen nicht ein, weshalb sie auch noch für diesen Kurs Zeit und Geld investieren müssen. Ein beinahe unüberschaubares Angebot an nicht obligatorischen Kursen, an Ratgeberliteratur und Hundeflüsterer-Sendungen ist allen zugänglich, die sich eingehender mit ihrem lernbegierigen Begleiter auseinandersetzen, ihn fördern und fordern wollen. Umgekehrt wird einer, der bewusst bei einem dubiosen Züchter einen zur Aggression abgerichteten Hund kauft, wenn überhaupt, dann nur widerwillig an diesen obligatorischen Kursen teilnehmen.

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Ein Restrisiko bleibt immer

Noch hatte Veronica Dieth keinen derartigen Halter in ihrem Kurs, sagt sie. Aber falls sie dereinst bei einem Teilnehmer den Verdacht hegt, dass er seinen Hund nicht tierschutzkonform hält, dann ist sie wie alle Hundetrainer und Tierärzte verpflichtet, dies dem kantonalen Veterinäramt zu melden. Dieses Frühwarnsystem soll auch mithelfen, gefährliche Zusammenstösse zwischen Hund und Mensch oder Hund und Hund zu vermeiden.

Allerdings wird ein Trainer nicht unbedingt zur Rechenschaft gezogen, wenn er die Gefahr nicht voraussieht, die von einem spezifischen Hund ausgehen kann – denn Hunde verhalten sich situationsbedingt. Dude oder Lima oder einer der anderen Hunde kann also im Kurs den besten Eindruck hinterlassen – dass er aber in einer Stresssituation, etwa wenn ein Kind brüllend auf ihn zurennt, dennoch zuschnappt, ist möglich und nicht unbedingt vorhersehbar. Deshalb empfehlen Spezialisten besonders den Eltern von kleinen Kindern, diesen beizubringen, wie sie sich in Gegenwart eines Hundes zu verhalten haben: ruhig, mit Respekt, erst schnuppern lassen, nicht auf den Hund zu- oder von ihm wegrennen oder an seinem Schwanz ziehen et cetera. Und nie sollten Kinder in Gegenwart eines Hundes unbeaufsichtigt sein.

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Fünf Stunden täglich für den Hund

Joanna, die mit ihrem Dude alle Übungen bestens meistert, musste in den letzten Monaten auch erfahren, dass ein Hund ein Hund ist und viel Zeit in Anspruch nimmt, egal wie klein er sein mag. «Jeder Hund braucht ausreichend Bewegung. Natürlich gibt es Unterschiede», sagt die Trainerin, «aber mindestens zwei Stunden im Freien benötigt jeder Hund und Beschäftigung insgesamt sogar fünf Stunden. Der Hund kann ja nicht immer nur schlafen.»

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Dass Bewegung und Beschäftigung an erster Stelle kommen, noch vor Gehorsam und vor allem vor den Streicheleinheiten, propagiert auch der bekannte amerikanische Hundeflüsterer Cesar Millan, der schon etliche «Problemhunde» von Hollywoodstars therapiert hat. Gerade die kleinen «Accessoirehunde», wie Joannas Hund einer ist, sind durch die Stars und Sternchen in den letzten Jahren in Mode gekommen. Und gerade sie werden häufig unterschätzt. Im SKN-Kurs lernen Halter und Halterinnen, dass auch Schosshunde vom Wolf abstammen und mit einer Bulldogge mehr gemeinsam haben als mit einem Kätzchen oder Meerschweinchen.

Gehorsam und Geschicklichkeit: «Die Erziehung eines Hundes ist ohnehin nie abgeschlossen», sagt Trainerin Veronica Dieth (links).

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Auch Pitbulls und andere sogenannte Kampfhunde sind nicht zuletzt wegen der Berühmtheiten, die sich solche Hunde halten, im Trend. Für Roni Keller ist Lima aber weit mehr als ein Statussymbol oder Accessoire. Er ist mit einem amerikanischen Bullterrier, auch ein sogenannter Kampfhund, aufgewachsen. Er habe Lima schon von Beginn weg Grenzen gesetzt und diese jeden Tag konsequent durchgesetzt: «Ich will einfach nicht den Stress, mit einem Hund zusammenzuleben, der mühsam ist und dauernd Probleme macht.» Dafür wendet er mehr als die empfohlene Zeit auf: «Jede Minute gehört ihr.»

So wie Lima ihn anhimmelt und auf ihn hört, glaubt man das dem nachts arbeitenden Angestellten der Zürcher Verkehrsbetriebe sofort. Dass ihnen trotzdem nicht alle Passanten über den Weg trauen, sondern viele kurz in Panik geraten, wenn sie seinen Hund sehen, kann Keller nicht verstehen. «Es ist krass, wie primitiv manche Leute sind. Einige stupsen sogar ihre Kinder zur Seite, kaum erblicken sie uns.» Wenigstens fürchtet sich im Hundekurs niemand vor ihnen – Lima ist die Klassenbeste.

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Der Sachkundenachweis (SKN)

Wer einen neuen Hund nach dem 1. September 2008 erworben hat oder noch erwirbt, ist verpflichtet, an einem sogenannten praktischen Sachkundenachweis-Kurs teilzunehmen. Das gilt auch für Leute, die schon vor diesem Datum Hunde hielten. Wer noch nie zuvor einen Hund hatte, muss zusätzlich einen Theoriekurs absolvieren – nach der Übergangsfrist, die 2010 endet, vor Erwerb des neuen Hundes. Eine Prüfung müssen die Teilnehmenden nicht absolvieren, und auch den Kursnachweis brauchen sie nicht permanent auf sich zu tragen – sie müssen aber auf Nachfrage beweisen können, dass sie den Kurs besucht haben.

Mit dem SKN-Kurs soll erreicht werden, dass Hundehalter ihre vierbeinigen Lebensgefährten besser verstehen und sie kontrolliert führen können – nicht nur zum Wohl des Hundes, sondern zur Sicherheit aller. Wohl wissend, dass vier Stunden Praxis kaum ausreichen, hofft man, dass Hundehalter freiwillig weitere Kurse und Trainings absolvieren werden.

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Links

www.tiererichtighalten.ch

www.bvet.ch
Infos des Bundesamts für Veterinärwesen zum SKN und Liste mit Organisationen, die SKN-Trainer ausbilden

www.tierimrecht.org
Übersicht über kantonale Hundeverordnungen, Rasseverbote, Leinenpflicht und mehr