«Ich muss euch was ganz Tolles erzählen!» Es war Montagmorgen, ich war gerade im Büro angekommen, meine Arbeitskollegen sahen mich erwartungsvoll an. Ich wusste, dass ihre Mimik gleich in Unverständnis kippen würde, doch damit muss ich leben.

Ich fuhr fort: «Ich kann seit gestern meine Katze streicheln!» Wie erwartet machte sich in den Gesichtern meiner Zuhörer freundliche Ratlosigkeit breit. Während ich sie überglücklich anstrahlte, meinte einer schliesslich: «Ähm – toll!»

Es ist manchmal bitter, einfach nicht verstanden zu werden.

Im Juni hatte ich die extrem scheue Faramee unter ihrem bissigen Protest auf einer abenteuerlichen Reise von Berlin nach Zürich geholt (lesen Sie dazu auch: «Wenn einer eine Reise tut...»), seither lebte sie unter meinem Bett. Und hasste mich. Dass sie als halbwilde ehemalige Strassenkatze kein besonders gutes Verhältnis zu Menschen hatte, war mir klar gewesen – in der Theorie. Doch in der Praxis musste ich feststellen, dass es auf Dauer doch recht eigenartig war, eine unsichtbare Katze zu haben. Die ersten Wochen wusste ich nur, dass sie existiert, weil ihr Futternapf regelmässig geleert und das Katzenklo benutzt wurde. Und weil sie mich immer mal wieder inbrünstig unter dem Bett hervor anfauchte.

Es vergingen Wochen und Monate bis sie sich immerhin ab und zu mal zeigte – solange ich mich tot stellte. Sobald ich mich jedoch rührte, rannte sie wieder fauchend weg.

Nach weiteren Wochen verzichtete sie zwar auf das Fauchen, nicht aber auf das Wegrennen. Ich dachte, das sei das höchste Mass der Annäherung, das zwischen mir und der kleinen Wildkatze möglich sein würde. Zumindest für die nächsten paar Jahre.

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Dann mutierte sie.

Es war Samstagmittag, ich sass gerade im Schlafzimmer vor dem Kleiderschrank als Faramee unter dem Bett hervorkam, mich sah – und zögerte. Reflexartig streckte ich ihr meine Hand entgegen und sagte was Nettes. Nicht, dass ich mir davon viel erhofft hätte. Doch zu meiner grossen Verblüffung kam sie diesmal nicht nur auf mich zu, sondern rieb ihren Kopf an meiner Hand.

Seither lässt sie sich streicheln. Dies sogar oft und immer lieber. Von einem Moment auf den anderen.

Am liebsten wäre ich laut jubilierend durchs Zimmer gehüpft. Doch angesichts der sensiblen Situation besann ich mich eines Besseren und freute mich nur still und leise. Aber erzählen musste ich das jemandem!

Ich merkte allerdings schnell, dass es meinem Umfeld trotz gutem Willen nicht wirklich gelang, die Dimensionen dieses Mirakels zu erfassen. Wenngleich ich mich auch über das freundliche «Ähm – toll» meines Kollegen freute - es bringt das Ganze einfach nicht so richtig auf den Punkt.

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Es gibt Momente im Leben einer Katzenhalterin, die nur andere Katzenhalter verstehen. Lesen Sie demnächst an dieser Stelle mehr zur Unverzichtbarkeit von Katzenforen.

Vorgeschichte

Wie Faramee den Weg zu mir fand, erfahren Sie hier.

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Warum mich der letzte Tierarztbesuch mit meiner Katze Shakti nachdenklich stimmte, erfahren Sie hier

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