«Ich kann leider nichts mehr für Ihre Katze tun.» Der Tierarzt sah mich traurig an. Zwei Minuten zuvor war meine Welt noch in Ordnung gewesen, nichts hatte mich ahnen lassen, dass ich LouLou nun so schnell verlieren würde.

«Wie lange noch?», fragte ich.
«Eine Woche, vielleicht auch zwei. Viel mehr nicht.»

Gute zwei Wochen später stellte LouLou das Fressen gänzlich ein. Von einem Tag auf den anderen war der Ausdruck in ihrem Blick ein anderer: Sie konnte nicht mehr.

Es war nicht so einfach, LouLou zwei Wochen lang beim Sterben zuzusehen. Natürlich war ich stets in Kontakt mit dem Tierarzt, um sicherzustellen, dass LouLou nicht litt – auf keinen Fall wollte ich zu lange warten. Doch ebensowenig wollte ich sie zu früh in den Tod schicken. Die Vorstellung, dass sie sich dagegen wehren könnte, weil sie nicht bereit war, war mir ein Graus.

Es gab nicht viele Menschen, mit denen ich darüber hätte sprechen können. Wobei das so nicht stimmt: Es gab sogar ziemlich viele – allerdings nicht in meinem realen Umfeld.

Seit gut zwei Jahren bin ich regelmässig in einem Katzenforum. Meistens spassen wir dort rum, zeigen Fotos unserer Katzen und erzählen Geschichten rund um unsere «Fellnasen». Wir tauschen uns aus über Katzenkrankheiten, Tierschutz und Kratzbäume, wir lachen, diskutieren und streiten. Wir nennen uns selber Dosis (Dosenöffner) und feiern «Würstchenpartys», wenn eine Forenkatze nach einigen Tagen Durchfall endlich wieder festen Kot absetzt. Manch Aussenstehender mag uns für bekloppt halten – wir bevorzugen die Bezeichnung «verhaltensoriginell».

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Doch wir stehen einander auch bei, wenn es Probleme gibt. So erlebten die User dort mit, wie LouLou vor gut anderthalb Jahren als 17-jähriges angstgestörtes Mobbingopfer notfallmässig bei uns einzog. Wie ich auf der Suche nach fachlicher Hilfe für LouLou von zwei Tierpsychologen nach Schilderung der Sachlage nie zurückgerufen wurde, wie ich einem anderen Verhaltenstherapeuten 50 Franken dafür bezahlen musste, dass er mir in einem fünfminütigen Telefonat erklärte, eine 17-jährige Katze könne sich nicht mehr entwickeln, da sei nichts zu machen. Und wie ich schliesslich in Hamburg doch noch eine Katzenexpertin fand, die bereit war, uns per Fernberatung zu helfen.

Die Foren-User sprachen mir gut zu, als LouLou nach ihrem Einzug nur auf dem Schreibtisch vor sich hindämmerte, sie jubelten mit mir, als LouLou nach vielen Wochen das erste Mal freiwillig den Tisch verliess, und sie erlebten mit, wie sich die kleine Angstpatientin dank den Tipps der Hamburger Fachfrau zu der selbstbewussten Grande Dame entwickelte, die sie eigentlich war.

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Sie weinten mit mir, als ich Mitte April die Diagnose bekam, dass man medizinisch nichts mehr für LouLou tun kann - Altersschwäche. Und sie dachten an uns, als ich sie schliesslich gehen liess.

LouLou fehlt.

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Nach LouLous Tod wollte ich keine sechste Katze mehr. Warum die Vernunft dann doch siegte, erfahren Sie hier.