Seit rund acht Wochen hab ich so ein Seitenstechen - immer abends, wenn ich daheim auf meinem Sofa sitze. Ich nenne es das Mathilde-Syndrom.

Mathilde ist die kleine graue Katze, die seit Ende letzten Jahres auf meinem Sofa wohnt. Und sie hat eine sehr wirksame Methode entwickelt, meiner Aufmerksamkeit habhaft zu werden: Sie hackt mir einfach mehrmals mit ausgefahrenen Krallen in die Seite. Deswegen sitze ich seit einiger Zeit jeweils in ein dickes Handtuch eingewickelt auf dem Sofa - das sieht vielleicht bescheuert aus, bewahrt mich aber davor, zu Hackfleisch verarbeitet zu werden.

Von Mathilde erfuhr ich wenige Wochen nach dem Tod meines Katers Sahib letzten Oktober - jemand meinte, Mathilde brauche ganz, ganz superdringend ein Zuhause:

«Es geht um Leben und Tod - mindestens!» Doch sie sei halt schon zehn und habe nur noch drei Beine - beides erfahrungsgemäss nicht unbedingt Eigenschaften, die die Vermittlungschancen optimieren. Ob ich da vielleicht jemanden wüsste?
Ich wusste.
«Ach, und - eine Sache noch: Man müsste sie in Norditalien abholen - aber das sind nur neun Stunden Autofahrt hin und zurück, das ist kein Problem, oder?»
Ich habe zwar seit meinem schweren Verkehrsunfall vor einigen Jahren eine ausgeprägte Phobie vor dem Autofahren und die verwegene Fahrkultur auf Italiens Autobahnen bringt da wenig Linderung - aber hey: Augen zu und durch! Quasi.

So kam Ende November Mathilde zu mir. Und seither bevölkert sie mein Sofa. Anfangs hatte ich noch gehofft, sie würde mal die Wohnung erkunden, mit den anderen Katzen hier rumtoben, Blumentöpfe umgraben, Sachen umschmeissen - was glückliche Katzen halt so tun. Mathilde jedoch lag auf dem Sofa und schlief. Nur ihre regelmässigen Pieksattacken verrieten mir, dass sie KEIN Sofakissen ist.

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Nach einiger Zeit kam ich denn auch zur Überzeugung, dass es nicht normal ist, wenn eine Katze 24 Stunden am Tag auf dem Sofa rumliegt. Also befragte ich meinen neuen Tierarzt, eine Tierpsychologin und eine Tierhomöopathin. Alle drei antworteten mehr oder weniger Dasselbe: Erstens sei «normal» bei Katzen immer ein bisschen relativ, zweitens müsse Mathilde nach ihren bisherigen eher unschönen zehn Lebensjahren als Strassen- und Heimkatze wohl erstmal so richtig zur Ruhe kommen. Man gab mir Globuli und Bachblüten - und gute Tipps. Damit und mit meinem dicken Handtuch setzte ich mich wieder zu Mathilde aufs Sofa und übte mich in Geduld.

Quelle: Thinkstock Kollektion

Seit einigen Tagen kommt auch tatsächlich Bewegung in die Sache: Mathilde verlässt das Sofa nun immer häufiger, geht raus auf den Balkon und pinkelt dort in meine Blumentöpfe - wie wenig es doch manchmal bedarf, eine Katzenhalterin sehr, sehr glücklich zu machen.

Ich bin zuversichtlich, dass nach dem Tod zweier Katzen, Mathildes Einzug und der aus all dem entstandenen Irritation meiner kleinen Welt hier nun doch bald alles wieder «normal» ist - auch wenn das bei Katzen immer ein bisschen relativ ist.

Nachtrag: Mathilde auf Streifzügen

Kürzlich war ich arglos damit beschäftigt, die Terrasse frühlingsfein zu trimmen, als plötzlich jemand über den Bambuszaun hüstelt.

Meine Nachbarin: Hallo. Du hast doch Katzen?
Ich: Ja?
Nachbarin: Hast du im Moment vielleicht eine Katze weniger als sonst, kann das sein?
Ich: ???
Nachbarin: Naja, ich frag nur, weil ich eine mehr hab als sonst.
Ich: ??????????????
Nachbarin: Hier sitzt ein kleine graue Katze mit drei Beinen und guckt mich an.
Ich: -

Ich gehe innen rum zu ihrer Wohnung, raus auf die Terrasse und siehe: Da sitzt Mathilde. Auf einer fremden Terrasse. Durch ein Loch im Zaun ist sie rübergehuscht.

Mathildes Bewegungsradiuserweiterungs-Bachblüten wurden umgehend abgesetzt.

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