Meine Katze Shakti hasst ja Transporttaschen. Wobei das sehr unpräzise formuliert ist: Steht nämlich kein Tierarzttermin an, schläft sie sogar gern in den diversen Transportkörben und -taschen, die aus pädagogischen Gründen an verschiedenen strategisch durchdachten Orten in der Wohnung platziert sind, um Shakti mit der Existenz solcher Behältnisse vertraut zu machen. Das ganze Jahr über hatte sie nie das geringste Problem mit Transporttaschen…

Ich war also grundsätzlich zuversichtlich, Shakti termingerecht eintüten zu können - doch tief in mir drinnen nagten Zweifel: Erinnerte ich mich doch noch lebhaft an ihre vehemente Gegenwehr vor dem Tierarzttermin im letzten Jahr (siehe dazu auch: «Blut und Tränen»). Ich meditierte daher schon einige Tage vorher regelmässig und wiederholte in einem endlosen Mantra: «Ooohhhhhm - greifen, einpacken, Deckel zu – kein Problem: ooohhhhhm.»

Doch am Tag des Tierarzttermins mied Shakti natürlich alles Körbchenähnliche grossräumig. Der Termin rückte näher, doch kein Zureden, keine spirituellen Beschwörungen und keine Leckerli konnten Shakti dazu bewegen, auch nur in die Nähe einer Transporttasche zu gehen. Als ich darum beschloss, ich sei schliesslich der Chef hier und beherzt auf sie zuging, um sie mit sanfter Gewalt einzupacken, raste sie panisch jaulend vor mir weg - dabei Töne ausstossend, die geeignet waren, mich bei den Nachbarn als Tierschänder verdächtig zu machen.

Anzeige

Es war mir sofort klar, dass dieses Unterfangen nur mit Blutvergiessen (meinem) enden konnte. Also sagte ich den Termin ab. So viel dazu, wer hier der Boss ist.

Doch ich bekam meine Aufstiegschance: Einige Tage später räkelte sich Shakti mal wieder verträumt auf ihrer Lieblingsdecke, eine Transporttasche stand diesmal in greifbarer Nähe. Während ich sie also mit einer Hand in Trance streichelte, zog ich mit der anderen die Tasche vorsichtig immer näher zu uns hin. Ich fühlte mich wie eine hinterhältige Verräterin, während Shakti wohlig schnurrend nichts Böses ahnte. Dann war der Moment da: Beherzt griff ich mir die Katze, setzte sie in die Tasche, sie guckte verdutzt, vergass aber sich zu wehren, Deckel zu, geschafft. Ihre wutschnaubenden Beschimpfungen während der Autofahrt ignorierte ich geflissentlich.

Anzeige

Beim Tierarzt verhielt sie sich missmutig, aber kooperativ. So kooperativ, dass die Tierarzthelferin am Ende der Untersuchung zum Schluss kam, sie könne die Katze ruhig kurz loslassen. Shakti zögerte keine Sekunde, sprang vom Untersuchungstisch und raste wild quietschend einmal alle Praxiswände entlang. Der Tierarzt, die Helferin und ich schauten uns an und stellten uns auf längere Hierarchie-Diskussionen mit der kleinen Chefkatze ein.

Doch dann geschah das Unfassbare.

Shakti sass nun zusammengekauert in einer Ecke der Praxis, ihre Gemütslage pendelte sichtlich zwischen empört und stinksauer, ihr Blick fixierte uns. Die Spannung stieg. Dann fasste sich der Tierarzt ein Herz, ging auf sie zu…

… hob sie hoch und setzte sie in ihre Transporttasche.

Sie liess es klaglos geschehen, gerade so, als würde sie andauernd hochgehoben und irgendwohin gesetzt. Die verarscht mich doch?

Anzeige

Ich frage mich nicht mehr, wer hier eigentlich das Sagen hat - ich weiss nur: Ich bins nicht.

Nächster Artikel: Abschied von LouLou

Wie ich LouLou auf ihrer letzten Reise begleitete - und wer mir dabei zur Seite stand, lesen Sie hier.