Lieber Nachlass als nachlässig
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Tierhaltung

Lieber Nachlass als nachlässig

Stock-Kollektion colourbox.com

Niemand denkt gern an den eigenen Tod. Wer aber ein Haustier besitzt, sollte frühzeitig vorsorgen. Das schützt das Tier und entlastet die Angehörigen.

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Genüsslich macht sich Joya auf dem Teppich lang, rollt auf den Rücken und streckt alle viere von sich. Besitzerin Hedi Müller krault sie liebevoll. Seit ihrem ersten Geburtstag lebt die achtjährige Mischlingshündin mit der Rentnerin in deren Häuschen in Zürich, wird regelmässig ausgeführt, gebürstet und gesund ernährt. Zuneigung gibts im Überfluss – obwohl Hedi Müller nach dem Tod ihres zweiten Hundes eigentlich gar kein so junges Tier mehr wollte. «Ich hatte an einen älteren Hund gedacht, schliesslich bin ich selber im fortgeschrittenen Alter», erklärt sie. Die Fügung wollte es anders.

Seit 30 Jahren hält Hedi Müller Hunde. Mittlerweile machen ihr die Tücken des Alters zu schaffen; die Gesundheit will nicht mehr so, wie sies gern hätte. Hündin Joya, die die Anlagen eines Berner Sennenhundes, eines Rottweilers und eines Labradors in sich vereint, ist zu einem temperamentvollen Tier herangewachsen. Stattliche 30 Kilo bringt sie auf die Waage. «Sie besitzt enorme Kraft, und ich spüre, dass ich immer wieder an meine körperlichen Grenzen komme», erzählt ihre zierliche Besitzerin. Sie kenne diese Momente gut, in denen man sich frage: Was wird, wenn ich nicht mehr für mein Tier sorgen kann?

Joya geht zur früheren Familie zurück
Deshalb hat Hedi Müller für den Fall einer Krankheit oder ihres Ablebens vorgesorgt. Gemeinsam mit der Familie, die Joya damals abgeben musste, traf sie eine Vereinbarung und schrieb diese in ihr Testament: Statt ins Tierheim soll Joya in das Haus mit Garten kommen, in dem diese Familie heute lebt. «Joya ist ziemlich fixiert auf mich. Zudem hat sie ihre Macken», weiss Hedi Müller. Deshalb mussten sich alle Beteiligten schrittweise aneinander gewöhnen. «Die Familie besucht uns regelmässig», freut sich die Hundeliebhaberin. Mittlerweile bleibe Joya auch einige Tage zu Gast – im eigenen Korb, mit eigener Decke und dem Speiseplan, den Hedi Müller den Gasteltern jeweils in die Hand drückt. «Es beruhigt mich sehr zu wissen, dass es Joya einmal gut haben wird.»

Auch die Aarauer Tierärztin Caroline Lengweiler rät – nicht nur älteren Menschen –, für tierische Partner vorzusorgen. «Unfälle und Krankheiten können jeden treffen», sagt sie. Gerade wer Katzen und Hunde besitzt, sollte aktiv werden, denn deren Abgabe sei schwieriger als die von Meerschweinchen oder Goldfischen. Viele Rahmenbedingungen seien zu beachten: die Trauer des Tieres, seine Vorlieben und Abneigungen, seine Anpassungsfähigkeit.

Welches Tierheim kommt in Frage? Welche Angehörigen kämen als künftige Besitzer in Betracht? Kann mein Tier platziert werden, oder wäre das Einschläfern nicht die bessere Lösung? Tierärzte können bei solchen Entscheidungen eine wichtige Hilfe sein. «Wir kennen die Tiere und können die Besitzer beraten», so Caroline Lengweiler. Zudem hätten Tierärzte zwar kaum Kapazitäten für eine breite Tiervermittlung, wüssten aber zumindest, welche ihrer Klienten eventuell ein Tier aufnehmen würden.

Geht es um das Wohl des Tieres, warnt Geschäftsführerin Rita Dubois von der Schweizerischen Gesellschaft für Tierschutz, Pro Tier, vor vollmundigen Versprechungen von Freunden und Verwandten. «Leider wird oft aufs Geld spekuliert, das mit der Übernahme des Tieres verbunden ist, oder die Umstände für eine Tierhaltung werden vom künftigen Halter gar nicht abgeklärt», berichtet sie. «Dann landen die Tiere später doch irgendwo.»

Hunde brauchen besondere Lösungen

Betagte dürfen ihre Tiere oft auch im Alters- oder Pflegeheim behalten, doch sie müssen sich um den Unterhalt kümmern. Geht dies nicht mehr, kommt es auf die Heimrichtlinien an. «Die Pflege von Fischen, Vögeln oder Katzen kann meist das Personal übernehmen. Selbst wenn Bewohner sterben, finden wir oft einen Platz im Heim für die Tiere», sagt Paul Otte, Leiter des Luzerner Pflegeheims Steinhof. Hunde benötigten mehr Aufmerksamkeit. Für sie brauche es Lösungen mit den Angehörigen.

Ob Vogel oder Katze: Wichtig für den Fall der Fälle ist ein auffindbares Schriftstück. Verwaiste Tiere werden meist ins Tierheim gebracht, bis das Erbe geregelt ist. Will sie keiner haben, werden sie zur Vermittlung freigegeben. «Je mehr wir wissen, umso einfacher finden wir ein geeignetes Zuhause», sagt Stephan Regli, Geschäftsleiter des Tierheims Chur. Er ist froh über jedes Tier, das eine niedergeschriebene Lebensgeschichte mitbringt. Solche Papiere können beim Tierarzt, beim Tierschutzverein oder bei anderen Vertrauenspersonen hinterlegt werden. Am besten bei zweien, die dies voneinander wissen, denn doppelt abgesichert schützt besser.

Vier wichtige Ratschläge

Haustiere gehören zur Familie, entsprechend sollte für sie vorgesorgt werden. Fachleute raten:

  • Bestimmen Sie mehrere mit dem Tier vertraute Personen, die kurzfristig in Ihre Wohnung können, um sich um das Tier zu kümmern.
  • Verfassen Sie Notfallunterlagen, die Sie jährlich aktualisieren und bei mindestens zwei Personen hinterlegen. Sie sollten handschriftlich verfasst, mit vollem Namen, Datum und Unterschrift versehen sein und Folgendes enthalten: Name, Alter, Geschlecht Ihres Tieres, Tierarztadresse, Ernährung und medizinische Behandlungen, Geschichte des Tieres, Vorlieben, Abneigungen, Persönliches – und wie sich Ihr gemeinsames Leben derzeit gestaltet.
  • Finden Sie heraus, wie Ihr Tier in fremder Umgebung zurechtkommt, und versuchen Sie es daran zu gewöhnen – beispielsweise durch Wochenenden in einer Tierpension oder bei «Gasteltern». Notieren Sie sich die Erfahrungen.
  • Bestimmen Sie im Testament eine Person, die sich langfristig um Ihr Tier kümmern wird, oder beauftragen Sie einen Tierarzt, ein Tierheim oder den Tierschutzverein mit der Vermittlung. Besprechen Sie sich dafür mit einem Notar oder Anwalt.

Weitere Infos

Testament und Erbrecht:

Schweizer Tierschutz:

Veröffentlicht am 03. Januar 2006