Das Meersäuli ist ihr Ein und Alles. Sie trägt es immer mit sich. Im Sommer in einer Einkaufstasche mit Heu und Karotte als Proviant, im Winter in einer Bauchtasche», erzählt der Zoohandlungsbesitzer Rafael Ravljen über eine betagte, allein stehende Stammkundin. «Sie füttert es mit frischen Kräutern vom Markt, und schlafen tut es immer in ihrem Bett.»

Ravljens Kundin mag ein Extrem sein, ein Einzelfall ist sie nicht. In 46 Prozent aller Schweizer Haushalte lebt mindestens ein Tier. Die zunehmende Überalterung, immer mehr Single-Haushalte sowie die Zunahme an kinderlosen Paaren tragen dazu bei, dass viele Haustiere zum Kinderersatz oder generell zum Ausgleich für fehlende zwischenmenschliche Beziehungen werden. Häufige Folge: eine für die Tiere schädliche Vermenschlichung.

Tiere sind gute seelische Betreuer

Hielt man früher Haustiere, um ihre Instinkte nutzbringend für die Menschen einzusetzen, etwa Katzen als Mäusefänger oder Hunde als Terrainbeschützer, befriedigen unsere tierischen Zeitgenossen heute vermehrt psychische Bedürfnisse. Dank ihrem feinen Gespür für die körperlichen Gebresten und seelischen Nöte der Zweibeiner kommen Katzen und Hunde in Spitälern zum Einsatz (siehe Nebenartikel «Isabel und Silvia, Pflegerinnen: Wenn Tiere Menschen heilen»). In Gefängnissen helfen Haustiere – etwa die 25 Katzen der Strafvollzugsanstalt Saxerriet in Salez SG – bei der Resozialisierung Straffälliger und geben dabei den Insassen ein Gefühl von unvoreingenommener Loyalität und Gebrauchtwerden, liefern unbelasteten Gesprächsstoff und fördern die Eigenverantwortung.

Bei der Stressbewältigung helfen die Vierbeiner besser als der Ehepartner, wie Forscher der Universität in Buffalo (USA) feststellten. Menschen mit Haustier wiesen in Stresssituationen weniger Stresssymptome und eine niedrigere Herzfrequenz auf als solche ohne tierische Unterstützung. Und Haustierbesitzer leben gesünder. Laut einer Untersuchung des deutschen Bundesforschungsministeriums gehen haustierlose Menschen häufiger zum Arzt. Und Kinder, die mit Tieren aufwachsen, haben ein stärkeres Immunsystem als andere.

Millionen von Haustieren
Fische4'400'000
Katzen1'300'000
Vögel 600'000
Hunde500'000
Nager460'000
Quelle: Schätzungen des Schweizer Verbands für Heimtiernahrung (VHN)


Doch die guten Dienste, die rund sieben Millionen Schweizer Haustiere allein durch ihre Anwesenheit leisten, werden oft schlecht belohnt. Überfüttert, überzüchtet, zu Tode gehätschelt – übertriebene Tierliebe ist zur Gefahr für die Gesundheit von Rex und Tigerli geworden.

«Laut vorsichtigen Schätzungen sind rund 30 Prozent aller Hunde und Katzen in Schweizer Haushalten übergewichtig», sagt Esther Rothenanger, Tierärztin und fachtechnische Verantwortliche für Heimtierfutter bei der Provet AG in Lyssach BE. «Realistischer dürften 50 Prozent sein, wenn man nach WHO-Norm geht.»

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Tierischer Appetit hilft dem Geschäft

Die Überfütterung hat System. «Meiner Meinung nach sind die von der Industrie festgelegten Futtermengen oft zu hoch. Meine alte Dackeldame erhält nicht einmal die Hälfte der angegebenen Menge», sagt Rothenanger. «Und selbst mein junger, sehr aktiver Hund kriegt weniger.»

550 Millionen Franken geben die Schweizer jährlich für Tiernahrung aus. Migros und Co. räumen Tierfutter ein Mehrfaches der Ladenfläche von Kindernahrung ein. Der Umsatz mit Edeltro-ckenfutter, bei Tierhaltern aus Bequemlichkeit besonders beliebt, hat sich in den letzten fünf Jahren verzehnfacht. Und vermehrt kommt Diät-, Light- und Sensitive Food in den Fressnapf. «Spezialitätenfutter» hat bei der Discounterkette Fressnapf einen Marktanteil von rund 15 Prozent.

Besonders wichtig: Das Futter muss gut riechen – für Zweibeiner. Denn wer beim Öffnen der Dose selber fast schon Appetit bekommt, füttert lieber und damit auch mehr. Was Herrchen gelüstet, findet Fifi allerdings oft zu viel des Guten. Der Geruch muss nach dem Dosenöffnen deshalb rasch wieder verfliegen, weil er für die Tiere mit ihrem meist höher entwickelten Geruchssinn viel zu penetrant ist.

Zum Zuviel an Futter kommt oft zu wenig Bewegung. Kleinhunde, die tagaus, tagein in Taschen herumgetragen werden, Katzen, die den ganzen Tag allein in Wohnungen vegetieren, Kanarienvögel in winzigen Käfigen – Bewegungsmangel ist kein Privileg der herrschenden Spezies mehr.

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Die Tiere werden menschenähnlicher

Mit Übergewicht kommen Zivilisationskrankheiten – Schäden am Bewegungsapparat, Herzerkrankungen, Diabetes. «Rund 60 Prozent der bei uns auf Zucker behandelten Katzen sind übergewichtig», bestätigt Claudia Reusch, Leiterin der Klinik für Kleintiermedizin der Uni Zürich.

Auch beim Gebiss hinterlässt die Domestizierung Spuren. «In Europa haben vier Fünftel der Hauskatzen und 70 Prozent der Hunde über zwei Jahre Zahnprobleme», so Esther Rothenanger. Abhilfe schaffen liesse sich, wenn man den Tieren öfter Vernünftiges zu kauen gäbe, etwa Fleisch, nicht Büchsenpampe. Stattdessen gibts Hundezahnpasta mit Geflügelaroma.

Gesundheit hat auch in der Tierwelt ihren Preis: Rund 6000 Franken gab Edith Zellweger, Hundehalterin und radikale Tierschützerin (siehe Nebenartikel «Edith Zellweger, Tierschutzaktivistin: Tiere sind die besseren Menschen»), für einen erkrankten Vierbeiner aus. Medikamente, Blutuntersuchungen, Röntgenaufnahmen, Chemotherapien gegen den Krebs läpperten sich zu diesem stolzen Betrag zusammen. Geld, Mühen und die Leiden des Tieres waren umsonst – es musste schliesslich eingeschläfert werden.

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Für den Liebling ist nichts zu teuer

Längst ist die Spitzenmedizin auf die Katze, das Meerschweinchen und den Hund gekommen. Operationen an der Hüfte mit künstlichem Gelenkersatz für Hunde kosten am Tierspital Zürich rund 4300 Franken, ein Herzschrittmacher 2000 Franken. Kranke Tiere kommen unter Computer- und Magnetresonanztomografen – eine Untersuchung zu 700 bis 1000 Franken.

Tierfreunde gehen über Mäntelchen für Leguane, Hundesonnenbrillen, Rattenparfüm, güldene Fressnäpfe und eine Chaiselongue für die Katze hinaus. In den USA werden Faltenstraffungen, Fettabsaugungen und zahnchirurgische Eingriffe vorgenommen. Und kastrierten Hunden werden Silikonhoden implantiert – der Rüde als Potenzbeweis an der langen Leine.

Besonders ausgeprägt ist der Schönheitswahn im Zuchtgeschäft. Hunde- und Katzenausstellungen stehen Misswahlen in nichts nach, für erste Preise werden Nasen eingefärbt, fehlfarbene Haare mit der Pinzette ausgerissen, Lidstriche tätowiert.

Aus angeblich ästhetischen Gründen werden Rassetiere zu kranken Wesen verzüchtet. Hüftdysplasie, Atemwegserkrankungen, chronische Augenentzündungen, Hautprobleme, Blind- und Taubheit – laut Insidern ist kaum eine Hunderasse ohne zuchtbedingte Erbkrankheiten. Gewisse Rassen können nur noch mit Kaiserschnitt gebären, weil der angezüchtete Kopfumfang die Becken sprengt.

Zwar versuchen verantwortungsvolle Züchter vermehrt, negative Zuchtmerkmale durch Selektion zu eliminieren. Doch Modetrends verderben gleich die nächsten Rassen: «Zurzeit boomen West-Highland-Terrier und Golden Retriever», weiss Marlene Zähner von der Stiftung für das Wohl des Hundes. «Die Massenproduktion lockt auch unseriöse Züchter an, die vom Boom profitieren wollen, ohne sich um die Gesundheit und das Wohl der Tiere zu kümmern.»

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Pervertierte Tierliebe

Zu oft ist besagtes Wohl von Mauzi und Co. Illusion: Zwar wurden etwa im Kanton Zürich 2003 nur 22 Verzeigungen wegen Tierquälerei bei Privathaltungen vorgenommen. Doch die Dunkelziffer ist hoch. «Wir können leider nur einschreiten, wenn wir von Vernachlässigungen oder Misshandlungen wissen», sagt Ruth Baumgartner vom Zürcher Veterinäramt (siehe Nebenartikel «Ruth Baumgartner, Zürcher Veterinäramt: «Hinter unsern Fällen verbirgt sich viel Leid»»).

Die Liebe zu den Viechern geht oft über den platonischen Rahmen hinaus. Unter «sex» und «animal» findet die Internetsuchmaschine Google über neun Millionen Einträge. Acht Prozent der Männer und dreieinhalb Prozent der Frauen sollen laut einer Studie des US-Sexualforschers und Biologieprofessors Alfred Kinsey Sex mit Tieren haben. Und dies legal – solange die Vierbeiner nicht nachweisbaren physischen Schaden davontragen.

Unwissenheit und Unverständnis für das natürliche Verhalten von Tieren lässt viele Haustiere neurotisch werden. Sie legen «unhaltbares» Verhalten an den Tag, urinieren etwa in der ganzen Wohnung, obwohl sie früher noch stubenrein waren. Dann werden sie ins Heim abgeschoben, ausgesetzt oder eingeschläfert. Im besten Fall wird vorher auf die Tierpsychologie zurückgegriffen. Seelenklempner für Haustiere sind so populär, dass Fernsehsender eigene Sendungen zum Thema ausstrahlen, etwa der WDR das Gefäss «Eine Couch für alle Felle».

Wenn alles nichts hilft, entledigt sich der Mensch gern des animalischen Weggenossen. Allein die Tierheime der Sektionen des Schweizer Tierschutzes (STS) nehmen jährlich rund 12000 Findlinge, Verzichttiere und beschlagnahmte Tiere auf. Wie viele Vierbeiner in den restlichen Schweizer Tierasylen auf bessere Zeiten warten, lässt sich nicht einmal schätzen.

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